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SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Hasta la vista, Neanderthal Museum!

Am 1. Januar 2015 habe ich angefangen, als Wissenschaftler im Neanderthal Museum zu arbeiten. Heute, fast zwei Jahre später, schreibe ich diese Zeilen aus Spanien, nur wenige Wochen, nachdem ich meine Arbeit dort beendet und Deutschland wieder verlassen habe. Nun ist der Moment für einen Rückblick auf meine Zeit im Neandertal gekommen.

Als ich das erste Mal darüber nachdachte, mich für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme zu bewerben – einer angesehenen und stark umworbenen Förderung durch die Exekutivagentur für die Forschung (REA) – suchte ich nach einer aktiven und fundierten europäischen Forschungsgruppe im Bereich der paläolithischen Archäologie und Geowissenschaften. Nachdem ich einige Möglichkeiten mit meinen Professoren und Kollegen in Spanien besprochen hatte, beschloss ich im Frühjahr 2013, Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (Direktor des Neanderthal Museums) zu kontaktieren. Prof. Weniger erforscht seit Langem die Vorgeschichte der Iberischen Halbinsel. Zudem koordiniert er seit einigen Jahren das C-Projekt des Sonderforschungsbereiches SFB-806 „Our Way to Europe“ an der Universität zu Köln, in dem die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt im westlichen Mittelmeergebiet während des Spätpleistozäns untersucht wird. Seine Arbeit einerseits als Direktor des Neanderthal Museums und andererseits als Dozent an der Universität zu Köln machten ihn für mich zu einem interessanten Partner für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme. Seine sehr positive und freundliche Reaktion auf meinen Vorschlag, gemeinsam die Bevölkerungsdynamiken im Zentrum der Iberischen Halbinsel während des Spätpleistozäns zu erforschen – einem bisher eher spärlich untersuchtem Thema – überraschte mich nicht. Er war sehr interessiert an diesem Projekt.

Wir entwickelten zusammen einen Antrag mit dem Titel ‘Testing Population Hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach’. Im März 2014 erhielten wir die positive Rückmeldung, dass unser Antrag für eine Förderung ausgewählt worden war. So begann mein zweijähriges Projekt am Neanderthal Museum.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño and Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (c) Rheinische Post. Photo. D. Janicki

Das Ziel war die geoarchäologische Untersuchung von drei ausgewählten Fundplätzen im Zentrum der Iberischen Halbinsel (nördliches Gebiet der Guadalajara Provinz). Es handelt sich um die mittelpaläolithischen Siedlungsplätze Los Casares und Peña Cabra und dem jungpaläolithischen Siedlungsplatz Peña Capón. Zusammen bilden diese Orte eine exzellente Möglichkeit, die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umgebung zu untersuchen und die zurzeit führenden Modelle zur Populationsdynamik in diesem Gebiet Iberiens zu testen. Wir wollten in Erfahrung bringen, ob Zentraliberien während des Jungpaläolithikums fast komplett unbevölkert gewesen war (wie bisher in der Forschung vermutet) und wie bzw. wann der Neanderthaler aus dieser Region verschwand – ein Thema, dass zurzeit heftig diskutiert wird.

Solch ambitioniertes Projekt benötigt die Teilnahme einer großen Anzahl an Wissenschaftlern aus den verschiedensten Bereichen der Vorgeschichtlichen Archäologie und der Geowissenschaften. Zusätzlich zu Prof. Weniger und mir, gehörten u.a. folgende Wissenschaftler zu unserer Forschungsgruppe: Martin Kehl und Nicole Klasen (Geographie, Universität zu Köln), Javier Alcolea-González und Rodrigo de Balbín-Behrmann (Archäologie, Universität Alcalá), José Yravedra (Zooarchäologie, Complutense Universität Madrid), José Antonio López-Sáez (Pollenanalyse, CSIC Spanish National Research Council), Raquel Piqué (Holzkohleanalyse, Universität Barcelona), Javier Baena-Preysler und Felipe Cuartero (Archäologie, Autonome Universität Madrid), Gloria Cuenca-Bescós (Paläontologie, Universität Zaragoza). In Zusammenarbeit mit dem Team des Neanderthal Museums waren besonders Viviane Bolin, María de Andrés-Herrero, Andreas Pastoors und Eva Roggatz wertvolle Kollegen.

An den drei genannten Siedlungsplätzen führten wir mehrere Untersuchungen durch

A) Untersuchungen zur Entstehung der Erdschichten und Fundplatzes (Mikromorphologie, Sedimentologie, Taphonomie)

B) Chronometrische Analysen der menschlichen Besiedlungsperiode (14C-, OSL- und U/Th- Datierungen).

C) Analyse der Klima- und Umweltverhältnisse des Gebietes während der untersuchten Periode (Pollen-, Phytolith(Nahrungsreste)-, Mikrofauna- und Sedimentanalysen).

D) Untersuchung der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung, und Untersuchung des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens der Gruppen (z.B. Technologie der Steinwerkzeuge und Zooarchäologie).

Wir führten an allen drei Fundplätzen Ausgrabungen durch. Eine Zusammenfassung der Kampagnen können sie hier nachlesen (Blogbeitrag 02. August 2016, Blogbeitrag 29.07.2015). Zudem wurden 2015 und 2016 die oben aufgezählten Analysen in den Laboren der unterschiedlichen Universitäten in Deutschland und Spanien ausgeführt. Obwohl einige Analysen noch im Gange sind, können wir bereits wichtige Resultate festhalten:

  1. Die Untersuchung der archäologischen Schichten durch mikromorphologische Analysen zeigt, dass die drei Fundplätze „in-situ“ (d.h. ungestört) in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben sind.
  2. Die chronometrischen Analysen (14C-, OSL- und U/Th-Datierungen) an den drei Fundplätzen waren bei einem großen Teil der Proben erfolgreich. So können wir wichtige Besiedlungen von Neanderthalern und modernen Menschen im Zentrum der Iberischen Halbinsel vor ca. 90,000 – 20,000 Jahren vor heute nachweisen.
  3. Nachweise von Pollen, Holzkohle und Kleinsäugerknochen liefern wichtige Hinweise auf die Klima- und Umweltbedingungen dieser Gegend, denn sie sind wichtige Indikatoren für ökologische Rückzugsräume. In unserem Fall können wir menschliche Besiedlungen nicht nur während kalter und trockener Klimaphasen nachweisen, sondern auch während warmer Perioden.
  4. Die Untersuchungen der Steinwerkzeug-Technologie und der durch Tierknochen nachgewiesenen Tierarten geben Hinweise auf interessante Überlebensstrategien, wie z.B. die Gewinnung von Mikro-Levallois Spitzen in feinmechanischer Ausführung in Peña Cabra, die Nutzung der tieferen Höhlenbereiche für bestimmte Aktivitäten des Neanderthalers in Los Casares oder die spezialisierte Quarzproduktion während der prä-Solutréen Perioden in Peña Capón.

Einige dieser Ergebnisse haben wir auf verschiedenen internationalen Konferenzen vorgestellt, z.B. auf der European Society for the Study of Human Evolution (ESHE) in London im September 2015 und in Alcalá de Henares im September 2016) und auf der Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Heidenheim im April 2015.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño präsentiert sein Poster auf der Tagung der Hugo Obermaier Gesellschaft im April 2015 in Heidenheim

Meine Beiträge an all diesen Konferenzen und die Ausgrabungs-Kampagnen und die darauffolgenden Analysen wurden von dem Marie-Skłodowska-Curie-Projekt, dem SFB-806 und dem Neanderthal Museum finanziert. Obwohl einige Ergebnisse noch ausstehen und bisher nur vorläufige Artikel und Präsentationen verfasst und gezeigt werden konnten, leistet unser Projekt bereits einen relevanten Beitrag für die Erforschung der spätpleistozänen Populationsdynamik in Zentraliberien.

Neben meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich wertvolle Erfahrungen durch die Teilnahme bei verschiedenen Veranstaltungen im Neanderthal Museum sammeln können, wie z.B. das Museumsfest im August 2015. Und am Tag der Forschung im November 2016 konnte ich den Museumsbesuchern meine Forschung vorstellen und mit ihnen über meine Ergebnisse diskutieren.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño beim Museumsfest 2015

Mein Aufenthalt am Neanderthal Museum war sehr angenehm und bereichernd. Das Team ist sehr freundlich und hilfsbereit und hat mich in seiner Mitte aufgenommen, so dass ich mich von Anfang an zugehörig fühlte. Ich wohnte mit meiner Familie während dieser zwei Jahre im nahen Erkrath-Hochdahl, dem „Fundort des Neanderthalers“. Dort hatte ich ebenfalls eine wunderbare Zeit. Heute wissen wir, dass die Neanderthaler eine hochentwickelte Kultur besaßen und dem modernen Menschen biologisch und kulturell sehr ähnlich waren. Dass ich an einem solchen Ort leben und arbeiten durfte, an dem diese Menschenart erstmals definiert und nach dem sie benannt worden ist, macht mich glücklich. Und ich kann mit gutem Grund behaupten, dass die Menschen in diesem Tal – damals wie heute – wirklich toll sind.

Herzlichen Dank an alle und bis bald!

Manuel Alcaraz-Castaño

(übersetzt aus dem Englischen von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue archäologische Ausgrabung im Abri Peña Capón (Zentralspanien)

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño ist Marie Skłodowska-Curie-Stipendiat mit dem Projekt “Testing population hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach” (s. Blogbeitrag 29. Juli 2015) und arbeitet zurzeit als Wissenschaftler im Neanderthal Museum. Ende letzten Jahres führte er im Nordwesten der Guadalajara Provinz in Zentralspanien, zusammen mit Dr. Javier Alcolea von der Alcalá Universität in Spanien und anderen spanischen Forschern, eine Ausgrabung durch. Das Projekt wird von Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, dem Direktor des Neanderthal Museums, mitbetreut und von Dr. Martin Kehl aus dem Institut für Geographie der Universität zu Köln unterstützt.

Es handelt sich um die vierte Kampagne einer Serie von Ausgrabungskampagnen an drei spätpleistozänen Fundplätzen in Gualdajara. Neben Peña Capón waren auch die Höhle Los Casares und der Abri Peña Cabra Gegenstand von Ausgrabungen in den Jahren 2014 und 2015.

In Peña Capón ist eine wichtige jungpaläolithische Schichtenabfolge dokumentiert. 1970 wurde dort eine unsystematische Ausgrabung durchgeführt. Unglücklicherweise wurden die Ergebnisse dieser Kampagne nie veröffentlicht. Daher waren die Informationen über diesen Fundplatz seitdem immer unvollständig. Außerdem ist der Zugang zum Fundplatz sehr schwierig, da der Abri im Bereich des Beleña Damm liegt und daher sehr oft überflutet ist. Nach langer Wartezeit waren die Bedingungen im Herbst 2015 besonders günstig, um die lang ersehnte intensive Ausgrabung an diesem Fundplatz durchzuführen.

Die Schichtenabfolge in Peña Capón besitzt keine Parallelen aus dem Hinterland der Iberischen Halbinsel, wo die Fundplätze eher im Magdalénien besiedelt waren. Im Gegenteil, Peña Capón zeigt eine Abfolge von mehreren Besiedlungsschichten aus dem Solutréen, Proto-Solutréen und vielleicht sogar Gravettien. Diese Schichtenabfolge und die sehr gute Erhaltung des archäologischen Materials (bestehend aus Lithik, Fauna und Holzkohle) machen aus Peña Capón eine wichtige Fundstelle, um die Interaktionen des Menschen mit seiner Umwelt und die Populationsdynamiken während des späten Pleniglazials im Hinterland der Iberischen Halbinsel zu erforschen.

Die Ausgrabung in Peña Capón fand vom 19. Oktober bis 16. November 2015 statt. Ähnlich wie beim mittelpläolithischen Fundplatz Peña Cabra war der Zugang zum Abri nur mit einem Boot möglich. Das Ziel der Ausgrabung in Peña Capón war es, bisher fehlende Daten zur Chronologie, Paläoumwelt und moderner Geomorfologie zu sammeln. Daher war diese Kampagne auf die Entschlüsselung der Formationsprozesse des Fundplatzes, auf die Abfolge der menschlichen Besiedlungen in den archäologischen Schichten und die Beziehung zwischen Umweltveränderungen und technologisch-wirtschaftlichem Verhalten der Menschen fokussiert. Um diese Informationen zu erhalten, öffnete das Team einen 6 Quadratmeter großen Schnitt und dokumentierten eine große Anzahl an archäologischen Objekten (hauptsächlich Steinwerkzeuge und Tierknochen). Außerdem wurden Proben für Mikromorphologie, Sedimentologie, Radiokarbondatierung (Holzkohle und Knochen) und Pollenanalysen genommen. All diese Untersuchungen werden im Laufe des Jahres 2016 in verschiedenen Laboren in Deutschland und Spanien, u.a. Neanderthal Museum, Universität zu Köln und Universität Alcalá, untersucht.

Bis dahin!

Manuel Alcaraz-Castaño

(Übersetzt von Viviane Bolin)

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Ausgrabungskampagne in Malaga Teil 2

In der letzten Novemberwoche sind die Wissenschaftler des Neanderthal Museums für eine zweite kurze Ausgrabungskampagne in der Höhle Ardales erneut nach Malaga aufgebrochen (s. Blogbeitrag erste Kampagne).

Ziel war es diesmal, in einer anderen Zone zu graben und nach Spuren des Menschen Ausschau zu halten. Im September hatten wir in Zone 5, einem Bereich mit Höhlenmalerei, drei Quadratmeter geöffnet und nach Werkzeugen oder ähnlichen Hinterlassenschaften gesucht. Im November haben wir nun in Zone 2 an einem Hang gegraben, um das Schichtenprofil genauer zu untersuchen. Natürlich waren wir sehr erfreut, viele Steinwerkzeuge aus dem Jungpaläolithikum zu finden. Außerdem haben wir neue Einblicke in die Schichtenbildung an dieser Stelle gelernt. Zwischen den Erdschichten bilden sich in Höhlen häufig sehr dicke Sinterschichten, die wir hier sogar mit einer Flex durchsägen mussten!

Nach einer knappen Woche Ausgrabung und Fundbearbeitung sind wir nun wieder im Museum angekommen. Der nächste Schritt ist nun, die beiden Kampagnen von 2015 aufzuarbeiten und zusammenfassend zu veröffentlichen. Aber keine Angst, die nächste Ausgrabung wartet schon im Frühjahr auf uns.

Bis dahin!

Grüße

Viviane Bolin

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Kommende Ausgrabungskampagne in Südspanien

Wie bereits im Blogbeitrag vom 4. März 2015 berichtet, planen die Archäologen des Neanderthal Museums und der Universität zu Köln gemeinsam mit den spanischen Kollegen aus Südspanien eine Ausgrabungskampagne in Ardales und Teba (Malaga).

Nun ist es endlich soweit – am 02. September geht die Reise los! Mitsamt Gerät und Gepäck fährt ein Teil des deutschen Teams mit dem Minibus von Mettmann nach Ardales, über 2000 km! Das internationale Team wird bis zum 02. Oktober dort die Fundplätze Sima de Las Palomas de Teba und Cueva de Ardales erforschen. Bei über 30°C, Sonnenschein und strahlend blauem Himmel.

Das Ziel ist es, die Besiedlungsgeschichte der beiden Orte zu untersuchen. Denn wir wissen, dass Neanderthaler und moderne Menschen diese Gegend bewohnt haben – aber haben sie auch zur selben Zeit dort gelebt? Sind sie sich vielleicht sogar begegnet? Das sind einige der Fragen, mit denen sich die Forscher auf dieser Ausgrabung beschäftigen. Wichtig ist es, so tief wie möglich zu graben, die Schichtenabfolgen mit menschlichen Hinterlassenschaften genaustens zu dokumentieren und, wenn möglich, datierbares Material zu finden und zu analysieren, damit die Schichten auch besser chronologisch eingeordnet werden können.

Kurz vor Beginn der Ausgrabung fliegen zwei Kollegen aus dem Neanderthal Museum zur IFRAO-Tagung in Cáceres (Spanien). Auf dieser internationalen Konferenz zum Thema Felskunst treffen sich alle paar Jahre Experten aus der ganzen Welt und stellen die neuesten Forschungsergebnisse zur steinzeitlichen Kunst aus ihren Regionen vor. Dieses Jahr ist der Titel „Symbols in the Landscape: Rock Art and its Context” (Symbole in der Landschaft: Felskunst und ihr Kontext).

Natürlich berichten die Kollegen wieder live per Twitter von der Tagung und der darauffolgenden Ausgrabung aus Südspanien. Diesen Sonntag, am 30. August, geht’s los! Also nicht verpassen!

Viele Grüße

Viviane Bolin

PS: Mehr Infos zur Grabungskampagne hier: http://www.neanderthal.de/bildung-forschung/forschungsprojekte/spanien/index.html

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue Ausgrabungen in der Höhle Los Casares und unter dem Abri Peña Cabra

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño ist Wissenschaftler im Neanderthalmuseum und arbeitet zurzeit an dem Marie Curie Projekt “Testing population hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach” (siehe Blogbeitrag vom 27. Januar 2015). Zusammen mit seinem spanischen Kollegen Dr. Javier Alcolea (Alcalá Universität, Spanien) und weiteren Teammitgliedern hat er kürzlich Ausgrabungen in der nördlichen Guadalajara Provinz in Spanien durchgeführt. Das Projekt wird außerdem von Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, dem Direktor des Neanderthal Museums, unterstützt und findet in wertvoller Zusammenarbeit mit Dr. Martin Kehl vom Geographischen Institut der Universität zu Köln statt.

Das Team hat dieses Jahr an zwei Orten die Fundschichten des Mittelpaläolithikums ausgegraben: in der Höhle Los Casares und im Abri Peña Cabra.

Die erste Ausgrabung fand in der zweiten Maihälfte in Los Casares statt. Dies war bereits die zweite Kampagne an diesem Ort. Die erste fand bereits letztes Jahr im September statt (siehe Blogbeitrag vom 06. Oktober 2014). In Los Casares befinden sich Besiedlungsschichten aus dem Mousterien und der Kupferzeit, die bereits in den 1960er Jahren von Ignacio Barandiarán, einem bekannten spanischen Archäologen, ausgegraben wurden. Während seiner Kampagne kam der Mittelhandknochen eines Neanderthalers zum Vorschein.

Das Ziel der diesjährigen Kampagne in Los Casares war die Erfassung bisher fehlender Daten, z.B. Informationen zu Chronologie, Paläoökologie und moderner Geomorfologie. Daher lag der Fokus der Nachforschungen auf der Entschlüsselung des Bildungsprozesses der Höhle und ihrer Sedimente, der Chronologie der mittelpaläolithischen Besiedlung und der Beziehung zwischen Umweltveränderungen und Verhalten der Neanderthaler. Dafür hat das Team während dieser Kampagne das Ausgrabungsareal von 2014 vergrößert. So war es in der Lage, genug archäologisches Material (wie z.B. Steinwerkzeuge und Tierknochen) zu bergen, um das technologische und wirtschaftliche Verhalten der Neanderthaler in Los Casares zu erforschen. Weiterhin wurden auch Höhlenablagerungen und Holzkohleproben geborgen, die in naher Zukunft von den Laboren der Universität zu Köln analysiert werden, um an die chronologischen und ökologischen Informationen zu kommen.

Die zweite Ausgrabung fand unter dem Abri Peña Cabra während der ersten Junihälfte dieses Jahres statt. Dies war die erste Kampagne vom Neanderthal Museum und der Alcalá Universität an dieser Fundstelle, die bereits 1996 von Dr. Alcolea und seinen Kollegen gefunden und ausgegraben wurde. Dieser Abri liegt direkt am Fluss Sorbe und beinhaltet eine Ansammlung von Fundschichten aus dem Mousterien. Die Schichten sind von riesigen Felsbrocken bedeckt, die von der Abridecke heruntergefallen sind. Genauso wie der nahe gelegene, jungpaläolithische Fundplatz Peña Capón ist auch Peña Cabra von den ständigen Wasserstandsveränderungen des Flusses betroffen, daher gestaltet sich der Zugang zu dieser Fundstelle schwierig. Das Team musste mit einem Boot anfahren und dann den restlichen Weg zum Fundplatz erklettern. Ein spannendes Abenteuer!

Die Forschungsziele dieser Kampagne waren ähnlich derer in Los Casares. Das Team sammelte Proben für Mikromorfologie, OSL Datierung und Radiokarbondatierung. Die Dichte der archäologischen Funde war sehr hoch an diesem Fundplatz und daher erwartet das Team mit Spannung die sicherlich interessanten Ergebnisse der Laboranalysen, die zurzeit durchgeführt werden.

Liebe Grüße

Manuel Alcaraz-Castaño

(Übersetzt aus dem Englischen von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Ab in die Höhle!

Das Team von Projekt C1, Sonderforschungsbereich 806 der Universität zu Köln, reiste im Januar 2015 in die Provinz Málaga, Südspanien. Dort trafen wir das spanische Team zum Planungstreffen für kommende Ausgrabungskampagnen.

Das kleine Dorf Ardales hat neben seinen kleinen weißen Häuschen und Mandarinen- und Olivenplantagen auch noch eine sensationelle Höhle zu bieten, die die Menschen schon seit der Steinzeit faszinierte. Die ‚Cueva de Ardales‘ birgt für die Archäologen wertvolle Hinterlassenschaften, wie z.B. Höhlenkunst aus dem Paläolithikum und Bestattungen aus dem Neolithikum. Die untere Gallerie ‚Galeria Baja‘ können Touristen besichtigen, aber die obere Gallerie ‚Galeria Alta‘ ist noch nicht erforscht. Das spanische Archäologenteam hat sich die Zeit genommen, mit uns deutschen Wissenschaftlern die Gallerie zu erkunden. Um mögliche prähistorische Spuren nicht zu zerstören, haben wir Schutzanzüge getragen und haben uns sehr vorsichtig auf einem vorgefertigten Pfad bewegt. Um die obere Gallerie zu erreichen, mussten wir mithilfe von Kletterausrüstung 17m steile Wand hinaufklettern. Die Höhle ist sehr warm und feucht, ein starker Kontrast zu der klaren kühlen Luft in der Region. Die Brillen und Kameras beschlagen sofort, wenn man die Höhle durch die Stahltür betritt. Allerdings ist es eine sehr große und weite Höhle, mit hohen Decken und wundervoll unirdischen Formen, dass man sich auf einem anderen Planeten denkt. Nur an einigen Stellen wurde es eng und wir mussten uns auf allen Vieren bewegen oder sogar auf dem Bauch weiterkriechen. Alles in allem eine spannende Erfahrung.

Nur einige Kilometer entfernt von dieser Höhle befindet sich in den Felswänden einer Schlucht ein weiterer steinzeitlicher Fundplatz, Sima de Las Palomas und Cueva de Las Palomas. Dieser besondere Ort besteht aus einer Höhle (Cueva) und aus einem Loch (Sima), die möglicherweise in der Steinzeit miteinander verbunden waren, aber heute durch Gerölleinstürze voneinander getrennt sind. Diesen Fundplatz haben wir nur von außen besichtigt. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Landschaft.

An beiden Orten sollen dieses Jahr Ausgrabungen stattfinden. Das Ziel ist es, den Übergang zwischen den Schichten, die Hinweise auf Neanderthaler beinhalten, und den Schichten mit Hinterlassenschaften von modernen Menschen zu dokumentieren. So hoffen die Archäologen, können sie besser verstehen, wie lange die Neanderthaler dort lebten, wann genau der moderne Mensch auf der Iberischen Insel ankam und ob sich beide getroffen haben.

Am letzten Abend vor der Abreise haben Prof. Weniger und der spanische Archäologe José Ramos der Kommune das Werk vorgestellt, in dem letztes Jahr alle Informationen und Ergebnisse der bisherigen Ausgrabungen in Sima de Las Palomas veröffentlicht wurden.

Bleibt dabei! Im Juni geht es weiter mit der Berichterstattung zu diesem Projekt. Auf Twitter könnt ihr dem Projekt live folgen (Links: https://twitter.com/ExpeditionNM und http://www.neanderthal.de/expedition/)

Viele Grüße & Hasta la proxima!

Viviane Bolin

Die Reste der Giganten….

Inzwischen kann man sie bei Ebay und anderen Anbietern sogar Privat erwerben. Und das für kleines Geld. Ob in den Taiga Landschaften Sibiriens, in den Kiesgruben des Rheinlandes oder bei Bauarbeiten mitten in Düsseldorf. Es scheint als wären sie überall:  Mammutzähne.

Und dass, obwohl ihre Träger schon seit geraumer Zeit nicht mehr unter uns verweilen.

Der Hülle aus hartem Zahnschmelz und der darunterliegenden Schicht aus Dentin (http://de.wikipedia.org/wiki/Dentin) sei dank.

Zu Lamellen aneinandergereiht und mit Zahnzement zusammen gekittet, waren die Backenzähne der Mammuts widerstandsfähiger als die meisten Knochen.

Als Pflanzenfresser Zähne mussten sie das auch, denn faserarme Steppengräser bzw. kleine Bäume mussten gut zerkleinert werden, bevor sie als Brei hinuntergeschluckt und verdaut werden konnten.

Eine Besonderheit bei den Mammutbackenzähnen war dabei der horizontale Zahnwechsel: die neuen Zähne drückten die alten nach vorne, sodass sie abgenutzt wurden und dann ausfielen.Während eines Mammutlebens  gab es insgesamt sechs Backenzähne pro Kieferhälfte, wovon nur zwei immer gleichzeitig genutzt wurden. War der letzte Zahn ausgefallen, musste das Tier verhungern.

Anders als die Backenzähne waren die Stoßzähne der Mammuts, die sich aus den oberen Schneidezähnen entwickelt haben, fest im Schädel verankert und reichten fast bis zu der Nasenwurzel hinauf. Auch aus Dentin bestehend und mit einer dünnen Schicht Zahnzement überzogen, wuchsen sie, anders als die Backenzähne, durch Übereinanderlagerung von kegelförmigen Schichten (innerste Schicht bildet sich zuletzt). Pro Jahr sind sie ca. 2,5 cm bis 15 cm gewachsen und konnten bei ausgewachsenen Tieren eine Länge von 2,7m und ein Gewicht von 50 bis 90 kg erreichen.

Vorweihnachtliche Grüße aus der Mediathek

wünscht Saskia Hucklenbruch

 

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Sensationelle Entdeckung vor 100 Jahren

Vor genau 100 Jahren begann eine in der pleistozänen Archäologie einmalige Geschichte. Am 10. Oktober 1912 entdeckten die drei Brüder Max, Jacques und Louis Bégouën die ‚Bisons d’argile‘ in der Höhle Tuc d’Audoubert im Südwesten Frankreichs: zwei aus Lehm modellierte Steppenwisent-Skulpturen … 17.000 Jahre alt … unberührt … vollkommen erhalten. Seit ihrer Entdeckung sind diese Figuren zum Sinnbild für die Zerbrechlichkeit menschlicher Erzeugnisse aus unserer Vergangenheit geworden. Mit ihrem beispiellosen Engagement für die Erhaltung und gleichzeitig die Erforschung der sogenannten Volp-Höhlen, zu denen Tuc d’Audoubert gehört, hat die Familie Bégouën Maßstäbe gesetzt. Nur so konnten die Lehmskulpturen den ersten Kontakt mit der modernen Welt überstehen: eine turbulente Zeit mit zwei Weltkriegen, der groben Ausgrabungsmethodik der beginnenden prähistorischen Forschung und dem Massentourismus.

Von hier aus, vielen Dank für das Engagement, die Sensibilität und Ausdauer … und viel Erfolg für die Zukunft.

Mit besten Grüßen, Andreas Pastoors

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neanderthaler in den südlichen Voralpen

Das dritte Jahr mit Ausgrabungen in der Rio Secco Höhle bei Clauzetto in Nordost-Italien sind gerade zu Ende gegangen. Auf den ersten Blick erscheinen die bisherigen Ergebnisse enttäuschend: wenig Fundmaterial und problematische Fundumstände lassen spontan keine Euphorie aufkommen. Dieser erste, flüchtige Eindruck täuscht, denn beim genaueren Hinsehen entpuppt sich die Rio Secco Höhle als herausragender Beleg für die Tötung und Schlachtung von Höhlenbären im Mittelpaläolithikum. Die wenigen Steinwerkzeuge und die lockere Fundstreu passen sehr gut zu diesem spezialisierten Camp mit eingeschränkten Tätigkeiten. Schnitt- und Schlagspuren an Knochen von Höhlenbären sind eindeutige Belege für die hier durchgeführten Aktivitäten. Mit der Rio Secco Höhle ist sicherlich der Rand des für den Neanderthaler nutzbaren Territoriums in den südlichen Voralpen erfasst. Ein schönes Ergebnis nach 3 Jahren Grabungsarbeit: 2013 werden die Arbeiten mit dem Neanderthal Museum in der Co-Direktion weitergehen. Darüber hinaus werden die wichtigsten Funde der Rio Secco Höhle bald in NESPOS als 3D-Modelle der Wissenschaft zur Verfügung stehen.

Mit besten Grüßen, Andreas Pastoors

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue Daten aus Guadalteba

Freitagnacht vor genau einer Woche sind Andreas Pastoors, Jörg Linstädter und ich von unserer Auswertungskampagne in Ardales zurückgekehrt. Nach einer Woche, in der wir unter Hochdruck mit unseren spanischen Kollegen alle bisher verfügbaren Daten zu den zwei Fundplätzen Cueva Ardales und Sima de las Palomas de Teba geprüft und  ausgewertet haben, waren wir zwar erschöpft aber auch sehr zufrieden. Unsere vorläufige Einschätzung hat sich nun bestätigt. Beide Fundplätze haben eine außergewöhnliche Qualität und belegen die menschliche Besiedlung in der Region Guadalteba über einen Zeitraum von 80.000 Jahren.

Equipo_investigacion_prehistor

In Las Palomas de Teba liegen in einem Profil von über 5 m Mächtigkeit mehrere Besiedlungshorizonte des Neanderthalers vor. Darunter sind sehr fundreiche Schichten mit Feuerstellen und verbrannten Silexwerkzeugen. Durch die Datierung verbrannter Silexwerkzeuge konnte eine radiometrische Altersbestimmung mit Hilfe der Thermolumineszenz-Methode (TL) durchgeführt werden. Der Kollege Christoph Schmidt vom Labor für Lumineszenz-Datierung der Universität Köln konnte für das untere Schichtpaket aus Las Palomas ein Alter zwischen 51.000 und 83.000 Jahren vor heute feststellen. Für das obere Schichtpaket warten wir noch auf weitere Datierungen. Wir können allerdings jetzt schon sagen, dass die Besiedlung der Fundstelle mit den Neanderthalern endete und sie lange Zeit danach nicht wieder von Menschen aufgesucht worden ist. Dieses Phänomen kennen wir aus vielen Fundplätzen vor allem im Süden der Iberischen Halbinsel und es könnte darauf hinweisen, dass Neanderthaler ausgestorben sind, bevor die ersten anatomisch modernen Menschen nach Spanien und Portugal einwanderten. Wir haben dazu eine umfangreiche Analyse gerade publiziert und auf Tagungen in Bordeaux und Memphis darüber berichtet. Die Pollenanalysen in Las Palomas zeigen, dass im Laufe der Besiedlungsgeschichte die Vegetation immer stärker von Steppenpflanzen dominiert wurde und die Trockenheit in der Region ständig zunahm.

Ganz anderes sieht es in der Cueva Ardales aus, die etwa 10 km südlich von Las Palomas liegt. In dieser Höhle mit Zeugnissen eiszeitlicher Wandkunst konnten wir bisher drei Zeithorizonte erkennen. Der jüngste gehört in die Zeit vor etwa 4.000 Jahren vor heute. Am Ende des Neolithikums haben Menschen ihre Spuren in der Höhle hinterlassen. Steinwerkzeuge, Keramikscherben, Reste einer Feuerstelle und einige Menschenreste zeugen von dieser Phase. Eine weitere Besiedlung durch den Menschen ist um 19.000 Jahren vor heute fassbar. Die dazugehörige kulturelle Phase nennen wir Solutréen. Unsere spanischen Kollegen hatten die Malereien und Gravierungen in Ardales aufgrund stilistischer Kriterien in das Solutréen datiert. Durch die neu entdeckten Besiedlungsspuren können wir diese Einschätzung nun bestätigen. Und dann hat uns eine weitere Altersdatierung, die wie die anderen Datierungen in Ardales mit der C14-Methode durchgeführt wurde, überrascht. Aus der Sondage 3 liegen zwei Datierungen an Holzkohlen von 55.000 Jahren vor heute vor. Damit befinden wir uns in einem Zeitfenster des Neanderthalers. Allerdings haben wir aus der Sondage 3 keine Spuren menschlicher Aktivitäten vorliegen. Die Holzkohlen könnten auch auf natürlichem Wege an diese Stelle gelangt sein. Allerdings wurde auf dem Vorplatz der Höhle unmittelbar am Höhleneingang ein typisches mittelpaläolithisches Artefakt gefunden. Es deutet also einiges daraufhin, dass Neanderthaler die ersten Besiedler der Cueva Ardales waren. Diese Vermutung müssen wir nun in weiteren Untersuchungen prüfen.

 

Mit den besten Grüßen

Gerd-Christian Weniger

 

Palomas_projection.pdf
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