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2 Millionen Jahre Migration

Die Verbindung eines Forschungsprojektes mit einem Ausstellungsprojekt ist immer noch ein seltener Glücksfall in der deutschen Forschungslandschaft. „2 Millionen Jahre Migration“ ist aus einer solchen Verbindung entstanden. Der Sonderforschungsbereich 806 „Our Way to Europe“ startete im Jahr 2009 an der Universität Köln in Kooperation mit der RWTH Aachen, der Universität Bonn und dem Neanderthal Museum. An dem interdisziplinären Großprojekt beteiligen sich etwa 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Geowissenschaften und der Prähistorischen Archäologie (www.sfb806.uni-koeln.de). Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (www.dfg.de). Die Ausgangsfragen waren klar umrissen: Auf welchen Wegen kam der anatomisch moderne Mensch nach Europa, welche Ursachen können erkannt werden und wie verlief der Ausbreitungsprozess?

Im Jahr 2015 wurde, ausgelöst durch die politischen Diskussionen in Europa, im SFB 806 der Entschluss gefasst, eine Brücke zu schlagen zwischen Eiszeit und Moderne. Die Ausgangskarte des SFB 806 aus dem Jahr 2009 und die Karte aktueller Migrationswege machten ohne Erklärung deutlich, wie nah sich prähistorische Forschung und Moderne sind. Diese Erkenntnis sollte in einer Ausstellung im Neanderthal Museum an die breite Öffentlichkeit vermittelt werden. Weitere wissenschaftliche Kooperationspartner konnten mit dem ROCEEH Projekt der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (www.roceeh.net) und dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena (www.shh.mpg.de) gewonnen werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Stiftung Mercator (www.stiftung-mercator.de) erklärten sich bereit, die Ausstellung zu fördern. Am 12. Mai 2017 wird sie nun eröffnet und soll nach dem Start im Neanderthal Museum als Wanderausstellung durch den deutschsprachigen Raum touren.

Ziel der Ausstellung ist, die durch die aktuelle politische Situation „emotionalisierten“ Besucher in der Ausstellung mit Forschungsergebnissen und Fragestellungen aus der menschlichen Entwicklungsgeschichte zu konfrontieren. Die verwendeten Begriffe sind Besuchern vertraut, der damit verbundene archäologische Kontext ist ihnen aber weitestgehend neu. Dieser starke Perspektivwechsel soll es Besuchern erlauben, einen distanzierten Standpunkt einzunehmen, der nicht von Tagesaktualität geprägt ist, sondern eher von der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis.

Die Ausstellung vermittelt drei zentrale Botschaften:

• Migration und Menschwerdung sind untrennbar miteinander verbunden.
• Menschen haben sich seit 2 Millionen Jahren ständig an veränderte Lebensbedingungen und soziale Zusammenhänge angepasst.
• Geoarchäologische Forschung kann einen wertvollen Beitrag zum Verständnis menschlichen Verhaltens leisten.

Vier Meilensteine prähistorischer Migrationsereignisse werden präsentiert: Der erste Auszug des Menschen aus Afrika von etwa 2 Millionen Jahren; die Auswanderung des modernen Menschen vor etwa 100.000 Jahren aus Afrika; die Einwanderung von Bauern und Viehzüchtern aus dem Vorderen Orient nach Europa und die Einwanderung von Pferdezüchtern und Händlern aus den westasiatischen Steppen nach Mitteleuropa zu Beginn der Metallzeiten.

Interviews mit modernen Migranten schlagen einen Bogen zu den Motiven und Erfahrungen aktueller Migration.

Für mich ist es eine besondere Erfahrung auf beiden Seiten agieren zu dürfen: als Forscher im SFB 806 und als Museumsdirektor bei der Konzeption und Realisierung der Ausstellung.

Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Hasta la vista, Neanderthal Museum!

Am 1. Januar 2015 habe ich angefangen, als Wissenschaftler im Neanderthal Museum zu arbeiten. Heute, fast zwei Jahre später, schreibe ich diese Zeilen aus Spanien, nur wenige Wochen, nachdem ich meine Arbeit dort beendet und Deutschland wieder verlassen habe. Nun ist der Moment für einen Rückblick auf meine Zeit im Neandertal gekommen.

Als ich das erste Mal darüber nachdachte, mich für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme zu bewerben – einer angesehenen und stark umworbenen Förderung durch die Exekutivagentur für die Forschung (REA) – suchte ich nach einer aktiven und fundierten europäischen Forschungsgruppe im Bereich der paläolithischen Archäologie und Geowissenschaften. Nachdem ich einige Möglichkeiten mit meinen Professoren und Kollegen in Spanien besprochen hatte, beschloss ich im Frühjahr 2013, Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (Direktor des Neanderthal Museums) zu kontaktieren. Prof. Weniger erforscht seit Langem die Vorgeschichte der Iberischen Halbinsel. Zudem koordiniert er seit einigen Jahren das C-Projekt des Sonderforschungsbereiches SFB-806 „Our Way to Europe“ an der Universität zu Köln, in dem die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt im westlichen Mittelmeergebiet während des Spätpleistozäns untersucht wird. Seine Arbeit einerseits als Direktor des Neanderthal Museums und andererseits als Dozent an der Universität zu Köln machten ihn für mich zu einem interessanten Partner für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme. Seine sehr positive und freundliche Reaktion auf meinen Vorschlag, gemeinsam die Bevölkerungsdynamiken im Zentrum der Iberischen Halbinsel während des Spätpleistozäns zu erforschen – einem bisher eher spärlich untersuchtem Thema – überraschte mich nicht. Er war sehr interessiert an diesem Projekt.

Wir entwickelten zusammen einen Antrag mit dem Titel ‘Testing Population Hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach’. Im März 2014 erhielten wir die positive Rückmeldung, dass unser Antrag für eine Förderung ausgewählt worden war. So begann mein zweijähriges Projekt am Neanderthal Museum.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño and Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (c) Rheinische Post. Photo. D. Janicki

Das Ziel war die geoarchäologische Untersuchung von drei ausgewählten Fundplätzen im Zentrum der Iberischen Halbinsel (nördliches Gebiet der Guadalajara Provinz). Es handelt sich um die mittelpaläolithischen Siedlungsplätze Los Casares und Peña Cabra und dem jungpaläolithischen Siedlungsplatz Peña Capón. Zusammen bilden diese Orte eine exzellente Möglichkeit, die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umgebung zu untersuchen und die zurzeit führenden Modelle zur Populationsdynamik in diesem Gebiet Iberiens zu testen. Wir wollten in Erfahrung bringen, ob Zentraliberien während des Jungpaläolithikums fast komplett unbevölkert gewesen war (wie bisher in der Forschung vermutet) und wie bzw. wann der Neanderthaler aus dieser Region verschwand – ein Thema, dass zurzeit heftig diskutiert wird.

Solch ambitioniertes Projekt benötigt die Teilnahme einer großen Anzahl an Wissenschaftlern aus den verschiedensten Bereichen der Vorgeschichtlichen Archäologie und der Geowissenschaften. Zusätzlich zu Prof. Weniger und mir, gehörten u.a. folgende Wissenschaftler zu unserer Forschungsgruppe: Martin Kehl und Nicole Klasen (Geographie, Universität zu Köln), Javier Alcolea-González und Rodrigo de Balbín-Behrmann (Archäologie, Universität Alcalá), José Yravedra (Zooarchäologie, Complutense Universität Madrid), José Antonio López-Sáez (Pollenanalyse, CSIC Spanish National Research Council), Raquel Piqué (Holzkohleanalyse, Universität Barcelona), Javier Baena-Preysler und Felipe Cuartero (Archäologie, Autonome Universität Madrid), Gloria Cuenca-Bescós (Paläontologie, Universität Zaragoza). In Zusammenarbeit mit dem Team des Neanderthal Museums waren besonders Viviane Bolin, María de Andrés-Herrero, Andreas Pastoors und Eva Roggatz wertvolle Kollegen.

An den drei genannten Siedlungsplätzen führten wir mehrere Untersuchungen durch

A) Untersuchungen zur Entstehung der Erdschichten und Fundplatzes (Mikromorphologie, Sedimentologie, Taphonomie)

B) Chronometrische Analysen der menschlichen Besiedlungsperiode (14C-, OSL- und U/Th- Datierungen).

C) Analyse der Klima- und Umweltverhältnisse des Gebietes während der untersuchten Periode (Pollen-, Phytolith(Nahrungsreste)-, Mikrofauna- und Sedimentanalysen).

D) Untersuchung der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung, und Untersuchung des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens der Gruppen (z.B. Technologie der Steinwerkzeuge und Zooarchäologie).

Wir führten an allen drei Fundplätzen Ausgrabungen durch. Eine Zusammenfassung der Kampagnen können sie hier nachlesen (Blogbeitrag 02. August 2016, Blogbeitrag 29.07.2015). Zudem wurden 2015 und 2016 die oben aufgezählten Analysen in den Laboren der unterschiedlichen Universitäten in Deutschland und Spanien ausgeführt. Obwohl einige Analysen noch im Gange sind, können wir bereits wichtige Resultate festhalten:

  1. Die Untersuchung der archäologischen Schichten durch mikromorphologische Analysen zeigt, dass die drei Fundplätze „in-situ“ (d.h. ungestört) in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben sind.
  2. Die chronometrischen Analysen (14C-, OSL- und U/Th-Datierungen) an den drei Fundplätzen waren bei einem großen Teil der Proben erfolgreich. So können wir wichtige Besiedlungen von Neanderthalern und modernen Menschen im Zentrum der Iberischen Halbinsel vor ca. 90,000 – 20,000 Jahren vor heute nachweisen.
  3. Nachweise von Pollen, Holzkohle und Kleinsäugerknochen liefern wichtige Hinweise auf die Klima- und Umweltbedingungen dieser Gegend, denn sie sind wichtige Indikatoren für ökologische Rückzugsräume. In unserem Fall können wir menschliche Besiedlungen nicht nur während kalter und trockener Klimaphasen nachweisen, sondern auch während warmer Perioden.
  4. Die Untersuchungen der Steinwerkzeug-Technologie und der durch Tierknochen nachgewiesenen Tierarten geben Hinweise auf interessante Überlebensstrategien, wie z.B. die Gewinnung von Mikro-Levallois Spitzen in feinmechanischer Ausführung in Peña Cabra, die Nutzung der tieferen Höhlenbereiche für bestimmte Aktivitäten des Neanderthalers in Los Casares oder die spezialisierte Quarzproduktion während der prä-Solutréen Perioden in Peña Capón.

Einige dieser Ergebnisse haben wir auf verschiedenen internationalen Konferenzen vorgestellt, z.B. auf der European Society for the Study of Human Evolution (ESHE) in London im September 2015 und in Alcalá de Henares im September 2016) und auf der Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Heidenheim im April 2015.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño präsentiert sein Poster auf der Tagung der Hugo Obermaier Gesellschaft im April 2015 in Heidenheim

Meine Beiträge an all diesen Konferenzen und die Ausgrabungs-Kampagnen und die darauffolgenden Analysen wurden von dem Marie-Skłodowska-Curie-Projekt, dem SFB-806 und dem Neanderthal Museum finanziert. Obwohl einige Ergebnisse noch ausstehen und bisher nur vorläufige Artikel und Präsentationen verfasst und gezeigt werden konnten, leistet unser Projekt bereits einen relevanten Beitrag für die Erforschung der spätpleistozänen Populationsdynamik in Zentraliberien.

Neben meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich wertvolle Erfahrungen durch die Teilnahme bei verschiedenen Veranstaltungen im Neanderthal Museum sammeln können, wie z.B. das Museumsfest im August 2015. Und am Tag der Forschung im November 2016 konnte ich den Museumsbesuchern meine Forschung vorstellen und mit ihnen über meine Ergebnisse diskutieren.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño beim Museumsfest 2015

Mein Aufenthalt am Neanderthal Museum war sehr angenehm und bereichernd. Das Team ist sehr freundlich und hilfsbereit und hat mich in seiner Mitte aufgenommen, so dass ich mich von Anfang an zugehörig fühlte. Ich wohnte mit meiner Familie während dieser zwei Jahre im nahen Erkrath-Hochdahl, dem „Fundort des Neanderthalers“. Dort hatte ich ebenfalls eine wunderbare Zeit. Heute wissen wir, dass die Neanderthaler eine hochentwickelte Kultur besaßen und dem modernen Menschen biologisch und kulturell sehr ähnlich waren. Dass ich an einem solchen Ort leben und arbeiten durfte, an dem diese Menschenart erstmals definiert und nach dem sie benannt worden ist, macht mich glücklich. Und ich kann mit gutem Grund behaupten, dass die Menschen in diesem Tal – damals wie heute – wirklich toll sind.

Herzlichen Dank an alle und bis bald!

Manuel Alcaraz-Castaño

(übersetzt aus dem Englischen von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Tagung in Budapest

Ende März fand erneut die Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Ungarn statt. Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder der Gesellschaft und diskutieren die neusten Erkenntnisse im Hinblick auf die Erforschung des Steinzeitmenschen, seiner Umwelt und seiner Kulturen. Dieses Jahr hatte das Archäologische Institut der Eötvös Loránd Universität nach Budapest eingeladen. Der Themenschwerpunkt war das späte Mittel- und frühe Jungpaläolithikum zwischen den Alpen und dem Schwarzen Meer.

An den ersten drei Tagen gab es reichlich Vorträge zu den unterschiedlichsten Fundplätzen und Technokomplexen in Osteuropa. Dabei sind nicht nur die Archäologie, sondern auch andere Disziplinen, wie z.B. die Geologie oder Paläoklimatologie vertreten. Begonnen wurde am Dienstag mit Präsentationen zum Thema Alt- und Mittelpaläolithikum. Nachmittags fand die Posterausstellung statt. Die Forscher stellen hier ihre Fragestellungen oder Analysen auf einem Poster vor. Am zweiten Tag folgten dann die Vorträge zum Themenschwerpunkt und am dritten Tag die Präsentationen zum Jungpaläolithikum und Mesolithikum.

Prof. Dr. Weniger, Dr. Andreas Pastoors, Dr. Yvonne Tafelmaier, Viviane Bolin und Henning Hundsdörfer waren dieses Jahr als Vertreter des Neanderthal Museums auf der Tagung dabei. Dr. Pastoors stellte Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen zur Territorienbildung und Landnutzung der Jäger- und Sammlergruppen anhand der jungpaläolithischen Kleinkunstfunde aus Höhlen der französischen Pyrenäen vor. Zusammen mit Dr. Tafelmaier stellten sie ein Poster zum Schwerpunktthema des Sonderforschungsbereiches der Universität zu Köln vor (SFB 806 – Our Way to Europe). Dabei diskutierten sie die theoretischen Rahmenbedingungen einer Kontaktaufnahme zwischen verschiedenen Menschengruppen während der Eiszeit über die Meerenge bei Gibraltar nach Nordafrika. Viviane Bolin stellte auf einem Poster ihre Analysen zur Verbreitung der eiszeitlichen Kunstfundplätze in Spanien vor und Henning Hundsdörfer die Ergebnisse der Ausgrabungen in Troisdorf-Ravensberg (s. Blogbeitrag vom 24.08.2015).

An den letzten beiden Tagen finden gewöhnlich Exkursionen statt. Dieses Jahr besuchten die Tagungsteilnehmer mehrere mittelpaläolithische Fundstellen. Zum einen Vértesszölös und Tata, zwei ausgetrocknete Becken ehemaliger heißer Quellen, die von Neanderthalern aufgrund der optimalen Bedingungen als Siedlungsplatz genutzt wurden. In Tata konnten die Archäologen außerdem ein geologisches Freilichtmuseum besichtigen, dessen Steinformationen und Fossilien bis in das erdgeschichtliche Zeitalter der Trias (250-200 Millionen Jahre) zurückreichen.

Zum anderen kletterte die Gruppe bis zur Jankovich Höhle in Bajót hinauf und genoss den Ausblick auf die weite Ebene. In Paks und Dunaföldvár konnten die Mitglieder der Gesellschaft sich außerdem noch zwei Lössprofile anschauen, die wichtige Sedimentabflogen der Gegend aufzeigen und mit deren Hilfe Aussagen über Auswirkungen regionaler Klimaveränderungen getroffen werden können. Als Abschluss besichtigte die Gruppe noch das römische Kastell Lussonium und ein Dorf mit Grabhügellandschaft aus der Bronze- und Eisenzeit in Százalombatta.

Grüße

Viviane Bolin

PS: Wie immer können die Forschungsreisen der Wissenschaftler des Museums auch auf Twitter live miterlebt werden, sogar ohne Anmeldung!

2. Tag der Forschung im Neanderthal Museum

Wollten Sie nicht schon immer wissen, wie Archäologen arbeiten?

Wo genau kriegen sie eigentlich ihre Antworten her? Was für Methoden gibt es?

Am Sonntag, 15. November 2015, findet im Neanderthal Museum der 2. Tag der Forschung statt. Hier können Sie ganz unverblümt alles erfragen, was Sie an der archäologischen Forschung schon immer interessiert hat. So erfahren Sie, wo und vor allem wie momentan auf der Welt geforscht wird. Denn die Wissenschaftler von der Universität Köln, Bonn und Aachen und die wissenschaftlichen Kollegen Neanderthal Museums stellen ihre aktuellen Projekte vor. Nicht nur Archäologen, sondern auch Experten aus anderen Fachbereichen – wie Geologie, Geografie, Datierungsmethoden, Klimaforschung -, die eng mit den Archäologen zusammen arbeiten, werden vor Ort sein!

Wir präsentieren echte Steinwerkzeuge zum Anfassen aus Marokko, einen Simulator für Tsunamiphänomene, Projekte zu steinzeitlicher Höhlenkunst, unseren eigenen 3D Scanner aus dem Haus und vieles mehr für Groß und Klein!

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann schauen Sie doch mal vorbei. Am Sonntag, 15. November, von 11 bis 16 Uhr im Neanderthal Museum.

Ab Montag gibt es außerdem spannende Rätselfragen auf Facebook! Viel Spaß

Grüße

Viviane Bolin

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – ¡Bem-vindo ao Parque Nacional Serra da Capivara!

Im Rahmen einer von der DFG geförderten Anbahnungsreise zum „Aufbau internationaler Kooperationen“ besuchten wir vom 17. bis 26. Oktober 2014 den Nationalpark „Serra da Capivara“ in Piauí, Brasilien. Wir, das sind der Archäologe Dr. Jörg Linstädter, der Zoologe Dr. Rainer Hutterer (Museum König, Bonn) und ich.
Nach einem Langstreckenflug von Frankfurt nach Fortaleza ging es noch am selben Tag mit einem Inlandsflug weiter nach Juazeiro do Norte, wo wir von Uwe Weibrecht, dem Vorstandsmitglied von ProBrasil, abgeholt wurden. Am folgenden Tag ging die Reise über Landstraßen weiter in das Landesinnere des Bundesstat Piauí im Nordosten Brasiliens. Ziel war der UNESCO-Weltkulturerbe Nationalpark „Serra da Capivara“. In dessen Nähe befand sich unsere Unterkunft, die „Albergue da Serra de Capivara“. Diese bot einen herrlichen Blick auf den Park und leckeres Essen.

Unsere Reise diente dem Kennenlernen von potentiellen Kooperationspartnern und sollte für den Aufbau eines neuen Projektes über die frühe Nahrungsmittelproduktion in diesem Teil Südamerikas genutzt werden. Bereits am Morgen nach unserer Ankunft erkundeten wir den Nationalpark. Die Serra de Capivara ist in der Fachwelt berühmt für ihre Felsbilder, die in das frühe Holozän datiert werden. Einige Fundstellen, darunter Boqueirão da Pedra Furada, geben möglicherweise sogar Hinweise auf die frühe Besiedlung Amerikas im Pleistozän, auch wenn ihr genauer Beitrag kontrovers diskutiert wird. Im Rahmen unserer Reise interessierten uns diese Fundstellen unter dem Aspekt der Neolithisierung, also desjenigen Prozesses, der den Menschen von Jäger- und Sammler hin zur Sesshaftigkeit und strukturierten Gesellschaften geführt hat. Vor allem wollten wir nach Hinweisen auf frühe Kulturpflanzen in Form von Samen, Früchten oder Blätter Ausschau halten.

Der Park ist riesig. Mit Uwe Weibrecht als Führer an unserer Seite erkletterten wir hohe Felswände und wanderten bei hohen Temperaturen kilometerweit durch den Busch. Betlohnt wurden wir schließlich mit den beeindruckenden Felsmalereien, welche die Serra de Capivara bis weit über die Grenzen Brasiliens berühmt gemacht haben. Sie handeln vom Alltag oder den Träumen der damaligen Menschen und zeigen Jagdszenen, Männer und Frauen, Tiere, aber auch geometrische Muster. Heute sind die Felsbilder und die Wege dorthin für Touristen gut erschlossen.
Auf unseren Touren wurden wir von der Archäologin Gisele Felice begleitet. Sie ist Professorin am Archäologischen Institut in Piauí. Durch die Biologin und Spinnenexpertin Rute Maria Gonçalves-de-Andrade lernten wir viel über die einheimische Tierwelt und sahen Affen, Jaguare, giftige Spinnen und vor allem die zahlreichen Mocós, kleine Nagetiere, die in den Felsnischen leben. Wir lernten auch die bekannte Archäologin und heutige Leiterin des Nationalparks Níede Guidon kennen.

Die Tage im Nationalpark waren beeindruckend. Neben den vielen archäologischen Sehenswürdigkeiten und der großen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten des Parks gab man uns auch die Gelegenheit, die unglaubliche Menge an Funden zu studieren, welche unsere brasilianischen Kollegen in den vergangenen Jahren dokumentiert haben: Faunenreste, darunter pleistozäne Großsäuger, Steinartefakte, Keramik und tatsächlich auch Samen und Blätter.

Den größten Eindruck aber machten auf mich die vielen freundlichen Menschen und das hervorragend organisierte Team von Wissenschaftlern, die wir in den Tagen in der Serra de Capivara kennen und schätzen lernten. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen mit den brasilianischen Kollegen. Die Woche verging wie im Flug und wir sind gespannt wie die Reise weitergeht!

Viele Grüße
Sarah Stinnesbeck
Studentische Hilfskraft im SFB 806

„1. Tag der Forschung“ – Was machen eigentlich die Forscher aus dem Neandertal?

Wie sind wir entstanden?

Wo kommen wir her?

Wie haben unsere Vorfahren gelebt?

Auf diese und ähnliche Fragen bekommen täglich hunderte Besucher aller Altersstufen bei uns im Neanderthal Museum eine Antwort.

Aber woher kennen wir diese Antworten?

Die Antwort auf diese Frage ist die jahrelange Forschung, der Forscherinnen und Forscher des Neanderthal Museums und deren Kooperationspartner!

Eine Arbeit, die bei der Päsentation im Museum schnell im Schatten der Ergebnisse verschwindet.

Aus diesem Grund laden wir Sie am 16.11.2014 zwischen 11 Uhr und 16 Uhr zum „Tag der Forschung“ ein.

An diesem Tag können Sie die Forscherinnen und Forscher des Neanderthal Museums und seiner Kooperationspartner hautnah erleben und Einblicke in ihre aktuellen Forschungsarbeiten erhalten. Zahlreiche Infostationen werden dazu einladen einen Blick auf Forschungsprojekte, Ausgrabungen und moderne Untersuchungsmethoden zu werfen und zahlreiche Informationen zu erhalten.

Meine Neugier ist geweckt und die Spannung steigt mit jedem Tag!

…wie steht es mit Ihnen?

Viele Grüße aus dem Neandertal,

Florian Gumboldt

Praktikant in der Abteilung Bildung und Vermittlung

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Expedition ins Dunkle – Ein Ausflug unter die Erde!

Wart ihr schon mal in einer Höhle? Vielleicht bei einer Veranstaltung in der Balver Höhle im Sauerland? Aber sicherlich seid ihr noch nie in einen engen Gang in die Erde gekrochen, der kaum breiter war als ihr selbst? Einige Mitarbeiter aus dem Neanderthal Museum haben sich das bei einem Ausflug zur Blätterhöhle (Lennetal bei Hagen) getraut. In Overalls und mit Schutzhelm bekleidet, krochen sie durch den sehr schmalen Eingang in die dunkle Höhle.

Die Blätterhöhle wurde 2004 entdeckt und wird seit 2006 unter der Leitung von Dr. Jörg Orschiedt ausgegraben. Sie liegt an einem steilen Hang neben einer viel befahrenen Hauptstraße, ist aber hinter dem Blättergestrüpp kaum zu sehen. Da der Eingang nur ein kleines Loch unter dem Kalkfelsen war, hat es so lange gedauert, bis Höhlenforscher sie entdeckten.

Das Sensationelle an diesem steinzeitlichen Fundplatz ist erstens, dass die Menschen diesen Ort im Mesolithikum (vor 10 000 Jahren) und im Neolithikum (vor 5 000 – 3 000  Jahren) immer wieder aufgesucht haben und zweitens, dass sie dort nicht nur Rast gemacht, Essen gekocht und vielleicht mal übernachtet haben, sondern auch ihre Toten dort bestattet haben. Insgesamt 500 Knochen von mehreren Individuen sind in dem engen Gang der Höhle ausgegraben worden. Sie lagen unter Wildschweinschädeln – Tiere, die sicherlich keine typischen Höhlenbewohner waren. Vielleicht wollten die Menschen so die Grabstätte markieren?

Die Knochen können uns allerhand Informationen zu den Menschen geben. Zum Beispiel ergaben Isotopenanalysen, dass eine Gruppe Individuen sich weitestgehend von Fisch ernährt hat. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die unterschiedlichen Gruppen (Jäger/Sammler & Ackerbauer) sich nicht aus dem Weg gegangen sind, wie bisher immer vermutet wurde, sondern nebeneinander in dieser Region lebten und sich sogar vermischt haben.

Aber wie war es jetzt eigentlich in der engen Höhle? Hat man da nicht Platzangst? War es vielleicht gruselig? Die Mitarbeiter berichten kurz von ihrem Erlebnis:

Melanie Wunsch (Volontärin für Ausstellungsgestaltung)

Am meisten beeindruckt hat mich die wunderschöne Stille. Man hört sie richtig. Und man spürt die Tiefe der Zeit – 200 Millionen Jahre, in denen sich diese bizarre Welt gebildet hat. Ein ganz intensives, fast spirituelles Erlebnis. Wenn man dort unten in der feuchten, engen Höhle hockt, überlegt man sich, was Menschen in der Vergangenheit dazu bewogen hat, durch ein kleines Loch in die Dunkelheit zu kriechen. Wahrscheinlich das Gleiche wie uns heute – Neugier.

Viviane Bolin (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Ich muss gestehen, ich hatte schon ein bisschen Bammel davor, in diesen engen Gang zu kriechen. Platzangst habe ich zwar keine, aber es wird einem schon ein bisschen mulmig, wenn man weiß, dass man sich nicht mal umdrehen oder aufstehen kann. Nachdem wir unsere (zumindest für mich viel zu großen) Overalls angezogen und unseren Schutzhelm mit Lampe aufgesetzt hatten, war meine Aufregung aber schon ziemlich groß. Der Gang geht direkt hinter dem Eingang schräg runter. Wir mussten mit dem Kopf vorwärts auf dem Bauch kriechen. Krabbeln ging nicht wirklich, dazu war der Gang zu tief. Der Boden war kalt, glatt und feucht, eine rötliche Lehmschicht. Am Eingang krabbelten ziemlich viele Spinnen. Aber Angst hatte ich gar keine, mulmig war mir auch überhaupt nicht, so einige Meter unter dem Fels. Also gar nicht so schlimm, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich fand es total spannend und abenteuerlich. An einigen Stellen konnte man krabbeln oder sich hinsetzen. Die Höhle geht nicht weit in den Fels hinein. Es gibt zwar noch zwei enge Gänge, die vielleicht weiter führen, aber da passt kein Mensch durch. Mit Spinnweben bedeckt und voller Erde, aber total glücklich sind wir dann wieder ans Sonnenlicht gekrochen. Draußen war es natürlich viel schwüler als drinnen – nicht so schön saubere und frische Luft, wie in der Höhle. Ich fands klasse, definitiv eine tolle Erfahrung!

Nancy Harmon (Praktikantin aus den USA)

Mein Name ist Nancy Harmon und ich bin Studentin an der Universität Illinois (Chicago, USA). Ich studiere den Master in Museum and Exhibition Studies. Ich freue mich in Deutschland zu sein und bin von meinem Praktikum im Neanderthal Museum mehr als begeistert. Ich habe einen Bachelor in Anthropologie und sehr großes Interesse an der Menschheitsgeschichte. Daher war ich total aufgeregt, die Blätterhöhle mit meinen neuen Kollegen zu besichtigen. Was für eine Erfahrung! Während ich mich über den kalten Boden der engen Höhle auf dem Bauch liegend vorwärts zog, konnte ich mir vorstellen, wie unsere Vorfahren das Gleiche taten – aber natürlich ohne grelles LED-Licht, Helme und Overalls! Für Menschen waren Höhlen schon immer wichtige Orte in der Vergangenheit. Sehr sichtbar sind die Ähnlichkeiten zwischen wunderschön gewölbten Höhlenräumen und Kathedralen, die wir tausende Jahre später bauten. Die Blätterhöhle war wirklich sehr eng: wir robbten uns die meiste Zeit auf dem Bauch vowärts! Innen war es kalt und frisch und mit meinem Gesicht so nah am Boden konnte ich den feuchten Boden riechen. Dr. Orschiedt zeigte uns erstaunlich sichtbare Stratigraphieschichten. Skelettreste von Tieren aus dem Holozän und Miozän waren in den Schichten verteilt. Als wir in einem etwas breiteren Teil der Höhle angekommen waren, disktutierten wir über die möglichen Entdeckungen und Ereignisse in dieser Höhle vor tausenden von Jahren. Durch die Blätterhöhle zu kriechen war eine atemberaubende Erfahrung – im buchstäblichen und übertragenden Sinne! Wenn ich in die Staaten zurückkehre, werde ich in meiner Masterarbeit eine interaktive Höhlenausstellung gestalten. Vielleicht wird es dort überraschende Wendungen geben! (aus dem Englischen übersetzt)

 

Aktuelle Artikel zur Ausgrabung in der Blätterhöhle

http://www.derwesten.de/staedte/hagen/archaeologen-graben-an-blaetterhoehle-nach-sensationen-id9634377.html (28.07.2014)

http://www.derwesten.de/staedte/hagen/sensationelle-erkenntnisse-aus-der-hagener-blaetterhoehle-id8547199.html (10.10.2013)

http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/blaetterhoehle-archaeologen-finden-tote-aus-der-steinzeit-a-845863.html (01.08.2012)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue Daten aus Guadalteba

Freitagnacht vor genau einer Woche sind Andreas Pastoors, Jörg Linstädter und ich von unserer Auswertungskampagne in Ardales zurückgekehrt. Nach einer Woche, in der wir unter Hochdruck mit unseren spanischen Kollegen alle bisher verfügbaren Daten zu den zwei Fundplätzen Cueva Ardales und Sima de las Palomas de Teba geprüft und  ausgewertet haben, waren wir zwar erschöpft aber auch sehr zufrieden. Unsere vorläufige Einschätzung hat sich nun bestätigt. Beide Fundplätze haben eine außergewöhnliche Qualität und belegen die menschliche Besiedlung in der Region Guadalteba über einen Zeitraum von 80.000 Jahren.

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In Las Palomas de Teba liegen in einem Profil von über 5 m Mächtigkeit mehrere Besiedlungshorizonte des Neanderthalers vor. Darunter sind sehr fundreiche Schichten mit Feuerstellen und verbrannten Silexwerkzeugen. Durch die Datierung verbrannter Silexwerkzeuge konnte eine radiometrische Altersbestimmung mit Hilfe der Thermolumineszenz-Methode (TL) durchgeführt werden. Der Kollege Christoph Schmidt vom Labor für Lumineszenz-Datierung der Universität Köln konnte für das untere Schichtpaket aus Las Palomas ein Alter zwischen 51.000 und 83.000 Jahren vor heute feststellen. Für das obere Schichtpaket warten wir noch auf weitere Datierungen. Wir können allerdings jetzt schon sagen, dass die Besiedlung der Fundstelle mit den Neanderthalern endete und sie lange Zeit danach nicht wieder von Menschen aufgesucht worden ist. Dieses Phänomen kennen wir aus vielen Fundplätzen vor allem im Süden der Iberischen Halbinsel und es könnte darauf hinweisen, dass Neanderthaler ausgestorben sind, bevor die ersten anatomisch modernen Menschen nach Spanien und Portugal einwanderten. Wir haben dazu eine umfangreiche Analyse gerade publiziert und auf Tagungen in Bordeaux und Memphis darüber berichtet. Die Pollenanalysen in Las Palomas zeigen, dass im Laufe der Besiedlungsgeschichte die Vegetation immer stärker von Steppenpflanzen dominiert wurde und die Trockenheit in der Region ständig zunahm.

Ganz anderes sieht es in der Cueva Ardales aus, die etwa 10 km südlich von Las Palomas liegt. In dieser Höhle mit Zeugnissen eiszeitlicher Wandkunst konnten wir bisher drei Zeithorizonte erkennen. Der jüngste gehört in die Zeit vor etwa 4.000 Jahren vor heute. Am Ende des Neolithikums haben Menschen ihre Spuren in der Höhle hinterlassen. Steinwerkzeuge, Keramikscherben, Reste einer Feuerstelle und einige Menschenreste zeugen von dieser Phase. Eine weitere Besiedlung durch den Menschen ist um 19.000 Jahren vor heute fassbar. Die dazugehörige kulturelle Phase nennen wir Solutréen. Unsere spanischen Kollegen hatten die Malereien und Gravierungen in Ardales aufgrund stilistischer Kriterien in das Solutréen datiert. Durch die neu entdeckten Besiedlungsspuren können wir diese Einschätzung nun bestätigen. Und dann hat uns eine weitere Altersdatierung, die wie die anderen Datierungen in Ardales mit der C14-Methode durchgeführt wurde, überrascht. Aus der Sondage 3 liegen zwei Datierungen an Holzkohlen von 55.000 Jahren vor heute vor. Damit befinden wir uns in einem Zeitfenster des Neanderthalers. Allerdings haben wir aus der Sondage 3 keine Spuren menschlicher Aktivitäten vorliegen. Die Holzkohlen könnten auch auf natürlichem Wege an diese Stelle gelangt sein. Allerdings wurde auf dem Vorplatz der Höhle unmittelbar am Höhleneingang ein typisches mittelpaläolithisches Artefakt gefunden. Es deutet also einiges daraufhin, dass Neanderthaler die ersten Besiedler der Cueva Ardales waren. Diese Vermutung müssen wir nun in weiteren Untersuchungen prüfen.

 

Mit den besten Grüßen

Gerd-Christian Weniger

 

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SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Feldarbeiten in La Güelga

Seit Freitagabend ist unser Team des SFB 806 aus Asturien zurück. Martin Kehl, Isabell Schmidt und ich haben Profile in der Fundstelle La Güelga bei Cangas de Onís beprobt. Die Ausgrabungen in La Güelga werden von Mario Menéndez Fernández geleitet, Professor an der UNED in Madrid. In La Güelga folgen über mehreren Besiedlungsschichten des Mittelpaläolithikums Spuren einer Besiedlung des Aurignacien (anatomisch moderner Mensch) und darüber mögliche Besiedlungsspuren des Châtelperronien (Neanderthaler). Würde diese stratigraphische Abfolge zutreffen, dann wäre La Güelga die erste Fundstelle, an der zunächst Neanderthaler siedelten, danach moderne Menschen und danach wieder Neanderthaler.

Leider ist die stratigraphische Situation an der Fundstelle kompliziert. Tierbauten und fließendes Wasser haben die Fundschichten teilweise zerstört und umgelagert. Durch die mikromorphologische Untersuchung der Profile wollen wir klären, ob tatsächlich intakte Fundschichten vorliegen. Dazu hat Martin Kehl, unser Spezialist für Sedimentologie von der Universität Köln, Sedimentblöcke eingegipst um daraus Dünnschliffe herzustellen, die detaillierte Informationen zur Entstehungsgeschichte der Sedimente liefern. Erste Ergebnisse werden im nächsten Jahr vorliegen.

Da wir in der Gegend waren, haben wir dem Ausgrabungsteam in El Sidrón einen Besuch abgestattet und die beiden Bilderhöhlen Tito Bustillo und El Buxu besichtigt. El Buxu wurde auch von Mario Menéndez ausgegraben. Das Team in El Sidrón wird wohl im nächsten Jahr alle Funde in der Höhle geborgen haben. Inzwischen liegen Reste von 12 Neanderthalern vor, die wahrscheinlich durch den Einsturz einer Karstdoline in die Höhle geschwemmt wurden. Die Gegend in Asturien bietet auf kleinstem Raum überaus spannende archäologische Fundplätze, die teilweise auch von Touristen besucht werden können. Über einige Bilderhöhle kann man sich im Internet durch einen virtuellen Rundgang (visitas virtuales) informieren.

Wer für die Herbstferien noch kein Ziel hat, sollte sich diese Region in Nordspanien näher anschauen.

Mit besten Grüßen

Gerd-Christian Weniger, Martin Kehl und Isabell Schmidt

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Eiszeitliche Höhlenbilder auf Sizilien

Eiszeitliche Höhlenbilder werden gewöhnlich mit Spanien oder Frankreich in Verbindung gebracht: man denkt sofort an Lascaux, Altamira oder Chauvet. Dass es aber auch in anderen Teilen Europas bildliche Hinterlassenschaften der eiszeitlichen Jäger und Sammler gibt, ist vielen unbekannt. Zusammen mit Kollegen der Universität Greifswald war ich für eine knappe Woche auf Sizilien, um dort das archäologische Potential einiger bekannter Bilderhöhlen zu untersuchen. Dies erschien vielversprechend, denn seit etlichen Jahren steht die Forschung zu diesem Thema dort still. Aber gerade die Entwicklung neuer Beleuchtungsmöglichkeiten hat sehr gute Möglichkeiten für die Entdeckung bislang unbekannter Bilder eröffnet. Die möglichst vollständige Erfassung der Bilder einer Höhle ist wiederum Voraussetzung zu ihrem Verständnis. Unser Ausgangspunkt war die Grotta del Genovese auf einer kleinen Insel vor der Westspitze Siziliens. Ausgerüstet mit moderner LED-Lichttechnologie und unserem 3-D Streifenlichtscanner haben wir in drei Tagen vor Ort intensiv gearbeitet. Die ersten Ergebnisse rechtfertigen den Aufwand, denn einige Neuentdeckungen konnten gemacht und präzise durch den 3-D Scanner dokumentiert werden.

Auf diesen Vorarbeiten aufbauend soll ein junger sizilianischer Kollege seine Doktorarbeit schreiben.

 

Mit besten Grüßen, Andreas Pastoors