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SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Die letzten Neanderthaler in Zentralspanien: die Erforschung des archäologischen Fundplatzes ‚Abrigo del Molino‘ (Segovia)

Der archäologische Fundplatz “Abrigo del Molino” wurde 2012 entdeckt und wird seitdem im Rahmen des multidisziplinären Forschungsprojektes “Primeros Pobladores de Segovia” (Die ersten Siedler Segovias) erforscht, welches die Landesregierung in Castilla und León finanziert. Abrigo del Molino liegt im Tal des Eresma-Flusses, einem Nebenfluss des Douro, in der Nähe der Stadt Segovia in Zentralspanien. Es handelt sich um einen Felsvorsprung, der im Fluviokarst entstand und komplett mit Sediment gefüllt war. Unglücklicherweise wurden Teile des archäologischen Fundplatzes in den frühen 1980er Jahren durch die Legung von Abwasserrohren zerstört. Daraufhin waren die Sedimente fast 20 Jahre den Umweltbedingungen ausgesetzt, bevor Feuersteinartefakte und Knochenreste dort zum Vorschein kamen.

Seit Juli 2013 haben bereits vier Kampagnen stattgefunden. Die Leiter der Ausgrabungen, David Álvarez-Alonso, María de Andrés-Herrero und Andrés Díez-Herrero, arbeiten eng mit dem Sonderforschungsbereich SFB-806 „Our Way to Europe“ der Universität zu Köln und dem Neanderthal Museum zusammen, z.B. bei der Analyse der Mikromorphologie und der OSL- und Radiokarbondatierungen.

Als die Ausgrabungen begannen, schätzten die Forscher Abrigo del Molino als wichtigen Ort für die lokale Geschichte ein, da es sich um die älteste Besiedlung bei Segovia handelte. Von einem regionalen Standpunkt aus gesehen, ist es der einzige Fundplatz mit guter Stratigraphie in der Gegend nördlich des Iberischen Scheidegebirges. Dort sind bisher nur wenige Freilandfundstellen mit Mousterien-Besiedlungen (mittelpaläolithische Werkzeugkultur des Neanderthalers) bekannt. Heute ist dieser außergewöhnliche Fundplatz dank der neusten Datierungsergebnisse eine der wichtigsten Neanderthalerbesiedlungen der Iberischen Halbinsel und Südwesteuropas. Denn Abrigo del Molino zeigt die jüngste, chronologisch gut eingeordnete Schichtenabfolge mit Hinterlassenschaften des Neanderthalers in Zentralspanien.

Der Zeitpunkt, an dem die letzten Neanderthalerpopulationen von der Iberischen Halbinsel verschwanden, wird in der paläolithischen Archäologie viel diskutiert. Daher sind sorgfältige und genaue Datierungen von Neanderthalerfundplätzen entscheidend für die Frage, ob die Neanderthaler verschwanden, bevor der anatomisch moderne Mensch auf der Iberischen Halbinsel einwanderte, oder ob beide dort zeitglich nebeneinander lebten und sich möglicherweise auch dort vermischten – so wie es bisher nur aus Osteuropa und Westasien anhand von genetischen Untersuchungen nachgewiesen ist.

Basierend auf den neuen Radiokarbondatierungen sind die Schichten im Abrigo del Molino zwischen 42,000 und 44,000 Jahre alt, d.h. es handelt sich hierbei um die jüngste Neanderthalerbesiedlung in Zentraspanien. Das bedeutet einerseits, dass die Neanderthaler noch in Zentralspanien lebten, als anatomisch moderne Menschen zunächst in Nordspanien einwanderten – die ältesten Spuren des modernen Menschen stammen aus der Höhle El Castillo in Kantabrien. Andererseits zeigt es auch, dass die Neanderthaler in Zentralspanien früher verschwanden als im Süden der Halbinsel. Die letzten Spuren des Mousterien datieren in den südspanischen und portugiesischen Fundstellen Cueva Antón, Gruta da Oliveira und Foz do Enxarique auf zwischen 35,000 und 37,000 Jahre.

María de Andrés-Herrero

(aus dem Englischen übersetzt von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Hasta la vista, Neanderthal Museum!

Am 1. Januar 2015 habe ich angefangen, als Wissenschaftler im Neanderthal Museum zu arbeiten. Heute, fast zwei Jahre später, schreibe ich diese Zeilen aus Spanien, nur wenige Wochen, nachdem ich meine Arbeit dort beendet und Deutschland wieder verlassen habe. Nun ist der Moment für einen Rückblick auf meine Zeit im Neandertal gekommen.

Als ich das erste Mal darüber nachdachte, mich für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme zu bewerben – einer angesehenen und stark umworbenen Förderung durch die Exekutivagentur für die Forschung (REA) – suchte ich nach einer aktiven und fundierten europäischen Forschungsgruppe im Bereich der paläolithischen Archäologie und Geowissenschaften. Nachdem ich einige Möglichkeiten mit meinen Professoren und Kollegen in Spanien besprochen hatte, beschloss ich im Frühjahr 2013, Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (Direktor des Neanderthal Museums) zu kontaktieren. Prof. Weniger erforscht seit Langem die Vorgeschichte der Iberischen Halbinsel. Zudem koordiniert er seit einigen Jahren das C-Projekt des Sonderforschungsbereiches SFB-806 „Our Way to Europe“ an der Universität zu Köln, in dem die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt im westlichen Mittelmeergebiet während des Spätpleistozäns untersucht wird. Seine Arbeit einerseits als Direktor des Neanderthal Museums und andererseits als Dozent an der Universität zu Köln machten ihn für mich zu einem interessanten Partner für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme. Seine sehr positive und freundliche Reaktion auf meinen Vorschlag, gemeinsam die Bevölkerungsdynamiken im Zentrum der Iberischen Halbinsel während des Spätpleistozäns zu erforschen – einem bisher eher spärlich untersuchtem Thema – überraschte mich nicht. Er war sehr interessiert an diesem Projekt.

Wir entwickelten zusammen einen Antrag mit dem Titel ‘Testing Population Hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach’. Im März 2014 erhielten wir die positive Rückmeldung, dass unser Antrag für eine Förderung ausgewählt worden war. So begann mein zweijähriges Projekt am Neanderthal Museum.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño and Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (c) Rheinische Post. Photo. D. Janicki

Das Ziel war die geoarchäologische Untersuchung von drei ausgewählten Fundplätzen im Zentrum der Iberischen Halbinsel (nördliches Gebiet der Guadalajara Provinz). Es handelt sich um die mittelpaläolithischen Siedlungsplätze Los Casares und Peña Cabra und dem jungpaläolithischen Siedlungsplatz Peña Capón. Zusammen bilden diese Orte eine exzellente Möglichkeit, die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umgebung zu untersuchen und die zurzeit führenden Modelle zur Populationsdynamik in diesem Gebiet Iberiens zu testen. Wir wollten in Erfahrung bringen, ob Zentraliberien während des Jungpaläolithikums fast komplett unbevölkert gewesen war (wie bisher in der Forschung vermutet) und wie bzw. wann der Neanderthaler aus dieser Region verschwand – ein Thema, dass zurzeit heftig diskutiert wird.

Solch ambitioniertes Projekt benötigt die Teilnahme einer großen Anzahl an Wissenschaftlern aus den verschiedensten Bereichen der Vorgeschichtlichen Archäologie und der Geowissenschaften. Zusätzlich zu Prof. Weniger und mir, gehörten u.a. folgende Wissenschaftler zu unserer Forschungsgruppe: Martin Kehl und Nicole Klasen (Geographie, Universität zu Köln), Javier Alcolea-González und Rodrigo de Balbín-Behrmann (Archäologie, Universität Alcalá), José Yravedra (Zooarchäologie, Complutense Universität Madrid), José Antonio López-Sáez (Pollenanalyse, CSIC Spanish National Research Council), Raquel Piqué (Holzkohleanalyse, Universität Barcelona), Javier Baena-Preysler und Felipe Cuartero (Archäologie, Autonome Universität Madrid), Gloria Cuenca-Bescós (Paläontologie, Universität Zaragoza). In Zusammenarbeit mit dem Team des Neanderthal Museums waren besonders Viviane Bolin, María de Andrés-Herrero, Andreas Pastoors und Eva Roggatz wertvolle Kollegen.

An den drei genannten Siedlungsplätzen führten wir mehrere Untersuchungen durch

A) Untersuchungen zur Entstehung der Erdschichten und Fundplatzes (Mikromorphologie, Sedimentologie, Taphonomie)

B) Chronometrische Analysen der menschlichen Besiedlungsperiode (14C-, OSL- und U/Th- Datierungen).

C) Analyse der Klima- und Umweltverhältnisse des Gebietes während der untersuchten Periode (Pollen-, Phytolith(Nahrungsreste)-, Mikrofauna- und Sedimentanalysen).

D) Untersuchung der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung, und Untersuchung des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens der Gruppen (z.B. Technologie der Steinwerkzeuge und Zooarchäologie).

Wir führten an allen drei Fundplätzen Ausgrabungen durch. Eine Zusammenfassung der Kampagnen können sie hier nachlesen (Blogbeitrag 02. August 2016, Blogbeitrag 29.07.2015). Zudem wurden 2015 und 2016 die oben aufgezählten Analysen in den Laboren der unterschiedlichen Universitäten in Deutschland und Spanien ausgeführt. Obwohl einige Analysen noch im Gange sind, können wir bereits wichtige Resultate festhalten:

  1. Die Untersuchung der archäologischen Schichten durch mikromorphologische Analysen zeigt, dass die drei Fundplätze „in-situ“ (d.h. ungestört) in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben sind.
  2. Die chronometrischen Analysen (14C-, OSL- und U/Th-Datierungen) an den drei Fundplätzen waren bei einem großen Teil der Proben erfolgreich. So können wir wichtige Besiedlungen von Neanderthalern und modernen Menschen im Zentrum der Iberischen Halbinsel vor ca. 90,000 – 20,000 Jahren vor heute nachweisen.
  3. Nachweise von Pollen, Holzkohle und Kleinsäugerknochen liefern wichtige Hinweise auf die Klima- und Umweltbedingungen dieser Gegend, denn sie sind wichtige Indikatoren für ökologische Rückzugsräume. In unserem Fall können wir menschliche Besiedlungen nicht nur während kalter und trockener Klimaphasen nachweisen, sondern auch während warmer Perioden.
  4. Die Untersuchungen der Steinwerkzeug-Technologie und der durch Tierknochen nachgewiesenen Tierarten geben Hinweise auf interessante Überlebensstrategien, wie z.B. die Gewinnung von Mikro-Levallois Spitzen in feinmechanischer Ausführung in Peña Cabra, die Nutzung der tieferen Höhlenbereiche für bestimmte Aktivitäten des Neanderthalers in Los Casares oder die spezialisierte Quarzproduktion während der prä-Solutréen Perioden in Peña Capón.

Einige dieser Ergebnisse haben wir auf verschiedenen internationalen Konferenzen vorgestellt, z.B. auf der European Society for the Study of Human Evolution (ESHE) in London im September 2015 und in Alcalá de Henares im September 2016) und auf der Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Heidenheim im April 2015.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño präsentiert sein Poster auf der Tagung der Hugo Obermaier Gesellschaft im April 2015 in Heidenheim

Meine Beiträge an all diesen Konferenzen und die Ausgrabungs-Kampagnen und die darauffolgenden Analysen wurden von dem Marie-Skłodowska-Curie-Projekt, dem SFB-806 und dem Neanderthal Museum finanziert. Obwohl einige Ergebnisse noch ausstehen und bisher nur vorläufige Artikel und Präsentationen verfasst und gezeigt werden konnten, leistet unser Projekt bereits einen relevanten Beitrag für die Erforschung der spätpleistozänen Populationsdynamik in Zentraliberien.

Neben meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich wertvolle Erfahrungen durch die Teilnahme bei verschiedenen Veranstaltungen im Neanderthal Museum sammeln können, wie z.B. das Museumsfest im August 2015. Und am Tag der Forschung im November 2016 konnte ich den Museumsbesuchern meine Forschung vorstellen und mit ihnen über meine Ergebnisse diskutieren.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño beim Museumsfest 2015

Mein Aufenthalt am Neanderthal Museum war sehr angenehm und bereichernd. Das Team ist sehr freundlich und hilfsbereit und hat mich in seiner Mitte aufgenommen, so dass ich mich von Anfang an zugehörig fühlte. Ich wohnte mit meiner Familie während dieser zwei Jahre im nahen Erkrath-Hochdahl, dem „Fundort des Neanderthalers“. Dort hatte ich ebenfalls eine wunderbare Zeit. Heute wissen wir, dass die Neanderthaler eine hochentwickelte Kultur besaßen und dem modernen Menschen biologisch und kulturell sehr ähnlich waren. Dass ich an einem solchen Ort leben und arbeiten durfte, an dem diese Menschenart erstmals definiert und nach dem sie benannt worden ist, macht mich glücklich. Und ich kann mit gutem Grund behaupten, dass die Menschen in diesem Tal – damals wie heute – wirklich toll sind.

Herzlichen Dank an alle und bis bald!

Manuel Alcaraz-Castaño

(übersetzt aus dem Englischen von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Quarzitforschung – von Spanien bis ins Neandertal

Mit Steinwerkzeugen haben Menschen sich verteidigt, sie haben gejagt und andere Werkzeuge produziert; sie nutzten Steinwerkzeuge zum Zerkleinern, zum Schneiden, zum Graben und für Vieles mehr. Im Laufe der Evolution haben auch die Steinwerkzeuge verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen. Aber was für Steine haben die Menschen benutzt und warum? Sie hatten eine große Variation lithischer Ressourcen zur Auswahl, die sie auch nutzten, z.B. Feuerstein, Quarzit, Sandstein, Obsidian und Quarz. Von Anfang an haben Archäologen die Steinwerkzeuge nicht nur formal beschrieben, sondern auch immer die Charakteristiken des Steinmaterials berücksichtigt.

Diese petrologischen Studien von Steinwerkzeugen konzentrierten sich hauptsächlich auf zwei Sorten: Obsidian und Feuerstein. Obsidian ist ein Stein vulkanischen Ursprungs, der normalerweise nicht auf der Erdoberfläche gefunden wird und somit auch nicht so häufig in den archäologischen Fundplätzen vorkommt. Seine Beschreibung und Bestimmung erlaubte es den Archäologen, weitreichende Handelsbeziehungen während des Holozäns in Europa und Amerika nachzuweisen. Feuerstein ist ein Sedimentsgestein, das viel häufiger als Obsidian auf der Erdoberfläche und daher auch öfter in den steinzeitlichen Fundstellen vorkommt. Seine Beschreibung und Bestimmung erlaubte es den Archäologen, interessante Arbeitsprozesse des Materials und Verbreitungsmuster der Menschengrippen zu erforschen und somit die Komplexität der vorgeschichtlichen Gesellschaften besser zu verstehen. Quarzit ist ein metamorphes Gestein, das auch häufig auf der Erdoberfläche vorkommt und oft in den Fundstellen der kantabrischen Region repräsentiert ist. Seine Erforschung ist noch nicht so weit gediehen, wie die der beiden Rohmaterialien Obsidian und Feuerstein, aber es gibt erste Ergebnisse bezüglich der Durchführung der Arbeitsprozesse und der Verbreitungsmuster der altsteinzeitlichen Gesellschaften.

In meinem Dissertationsprojekt vertiefe ich das Wissen über Quarzit als Rohmaterial. Der Titel lautet: Quartzite as raw material in the Cantabrian Region from the Middle to the Upper Palaeolithic (Quarzit als Rohmaterial in der Kantabrischen Region vom Mittel- bis zum Jungpaläolithikum). Das Ziel ist es, die Verbreitungsmuster anhand der Erforschung des Materials und seiner wirtschaftlichen Nutzung innerhalb der altsteinzeitlichen Gesellschaften besser zu verstehen.

Vor der Erforschung von Verbreitungsmustern oder Materialnutzung muss das Quarzitmaterial charakterisiert werden und eine geeignete Methodik ausgearbeitet werden, um bestimmte Typen zu benennen. In meiner Dissertation erarbeitet ich diese Methodik, basierend auf der petrologischen Charakterisierung des Materials, z.B. mithilfe von Petrografie (Gesteinskunde) in Dünnschliffen, geochemischen Analysen und Stereoskopen. Die geografische Beschreibung von Quarzit, basierend auf der Charakterisierung der Quarzit Aufschlüsse, Ansammlungen und Abgerungen, ist ebenfalls wichtig, besonders für die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Steinfunden zu einem späteren Zeitpunkt.

Nach zahlreichen Analysen von Quarzit aus dem Deva Tal (Kantabrien und Asturien, Spanien), können wir endlich einen Teil des Materials charakterisieren. Zusätzlich erlauben geologische Studien und geografische Analysen der Region ein besseres Verständnis der geografischen Materialverteilung im Tal. Das Quarzitmaterial, das von Neanderthalern zu Fundstellen El Arteu und El Habario getragen wurde, ist schon teilweise analysiert und zeigt eine interessante petro-genetische Charakterisierung. Einige unterschiedliche metamorphe Strukturen tauchen hier auf, aber auch diagenetische Muster. Außerdem sind Unterschiede in beiden archäologischen Fundstellen erkennbar, obwohl beide Neanderthaler-Fundstellen sind und nah beieinander liegen.

Der kurze internationale Aufenthalt am Ur- und Frühgeschichtlichen Institut der Universität zu Köln und im Neanderthal Museum hat mir geholfen, die meisten meiner wissenschaftlichen Probleme zu lösen. Beide Institutionen haben mich unterstützt – ich habe Kontakte zu anderen Forschern aufnehmen können, die sich auch mit Verbreitungmustern während der Altsteinzeit beschäftigen, und konnte somit neue Ideen für mein Projekt sammeln. Außerdem war das Labor des Geografischen Instituts sehr hilfreich bei der Analyse, da es ein petrografisches Mikroskop besitzt. Zusätzlich konnte ich ein spezielles Mikroskop nutzen, um hochauflösende und große Fotos der petrografischen Dünnschliffe zu erstellen. Diese Fotos bieten mir weitreichende Möglichkeiten für die Analyse der Quarzit-Charakteristiken und sind eine wichtige Basis für meine Studie. Das Institut, das Museum und das europäische Projekt der Kölner Universität SFB-806 haben mir die Möglichkeit gegeben, an Konferenzen und Seminaren teilzunehmen und ich konnte einen Vortrag im Neandertalk halten, einer Vortragsreihe im Neanderthal Museum. Der Aufenthalt in Deutschland hat mich ohne Zweifel sehr bereichert, besonders auf wissenschaftlicher Ebene, mein Projekt vorangebracht und meine Fähigkeiten als Forscher weiterentwickelt.

Schlussendlich möchte ich Herrn Prof. Dr. Weniger und anderen Mitarbeitern des Museums und der Universität – María de Andrés, Viviane Bolin, Martin Kehl, Isabelle Schmidt und Manuel Alcaraz – für die herzliche Aufnahme danken.

Grüße

Alejandro Prieto

Doktorand in Geografie, Vorgeschichte und Archäologie an der Universität des Baskenlandes (Spanien). Die Forschungen wurden vom Stipendium der Regierung des Baskenlandes unterstützt.

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Ab in die Höhle!

Das Team von Projekt C1, Sonderforschungsbereich 806 der Universität zu Köln, reiste im Januar 2015 in die Provinz Málaga, Südspanien. Dort trafen wir das spanische Team zum Planungstreffen für kommende Ausgrabungskampagnen.

Das kleine Dorf Ardales hat neben seinen kleinen weißen Häuschen und Mandarinen- und Olivenplantagen auch noch eine sensationelle Höhle zu bieten, die die Menschen schon seit der Steinzeit faszinierte. Die ‚Cueva de Ardales‘ birgt für die Archäologen wertvolle Hinterlassenschaften, wie z.B. Höhlenkunst aus dem Paläolithikum und Bestattungen aus dem Neolithikum. Die untere Gallerie ‚Galeria Baja‘ können Touristen besichtigen, aber die obere Gallerie ‚Galeria Alta‘ ist noch nicht erforscht. Das spanische Archäologenteam hat sich die Zeit genommen, mit uns deutschen Wissenschaftlern die Gallerie zu erkunden. Um mögliche prähistorische Spuren nicht zu zerstören, haben wir Schutzanzüge getragen und haben uns sehr vorsichtig auf einem vorgefertigten Pfad bewegt. Um die obere Gallerie zu erreichen, mussten wir mithilfe von Kletterausrüstung 17m steile Wand hinaufklettern. Die Höhle ist sehr warm und feucht, ein starker Kontrast zu der klaren kühlen Luft in der Region. Die Brillen und Kameras beschlagen sofort, wenn man die Höhle durch die Stahltür betritt. Allerdings ist es eine sehr große und weite Höhle, mit hohen Decken und wundervoll unirdischen Formen, dass man sich auf einem anderen Planeten denkt. Nur an einigen Stellen wurde es eng und wir mussten uns auf allen Vieren bewegen oder sogar auf dem Bauch weiterkriechen. Alles in allem eine spannende Erfahrung.

Nur einige Kilometer entfernt von dieser Höhle befindet sich in den Felswänden einer Schlucht ein weiterer steinzeitlicher Fundplatz, Sima de Las Palomas und Cueva de Las Palomas. Dieser besondere Ort besteht aus einer Höhle (Cueva) und aus einem Loch (Sima), die möglicherweise in der Steinzeit miteinander verbunden waren, aber heute durch Gerölleinstürze voneinander getrennt sind. Diesen Fundplatz haben wir nur von außen besichtigt. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Landschaft.

An beiden Orten sollen dieses Jahr Ausgrabungen stattfinden. Das Ziel ist es, den Übergang zwischen den Schichten, die Hinweise auf Neanderthaler beinhalten, und den Schichten mit Hinterlassenschaften von modernen Menschen zu dokumentieren. So hoffen die Archäologen, können sie besser verstehen, wie lange die Neanderthaler dort lebten, wann genau der moderne Mensch auf der Iberischen Insel ankam und ob sich beide getroffen haben.

Am letzten Abend vor der Abreise haben Prof. Weniger und der spanische Archäologe José Ramos der Kommune das Werk vorgestellt, in dem letztes Jahr alle Informationen und Ergebnisse der bisherigen Ausgrabungen in Sima de Las Palomas veröffentlicht wurden.

Bleibt dabei! Im Juni geht es weiter mit der Berichterstattung zu diesem Projekt. Auf Twitter könnt ihr dem Projekt live folgen (Links: https://twitter.com/ExpeditionNM und http://www.neanderthal.de/expedition/)

Viele Grüße & Hasta la proxima!

Viviane Bolin

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Feldarbeiten in La Güelga

Seit Freitagabend ist unser Team des SFB 806 aus Asturien zurück. Martin Kehl, Isabell Schmidt und ich haben Profile in der Fundstelle La Güelga bei Cangas de Onís beprobt. Die Ausgrabungen in La Güelga werden von Mario Menéndez Fernández geleitet, Professor an der UNED in Madrid. In La Güelga folgen über mehreren Besiedlungsschichten des Mittelpaläolithikums Spuren einer Besiedlung des Aurignacien (anatomisch moderner Mensch) und darüber mögliche Besiedlungsspuren des Châtelperronien (Neanderthaler). Würde diese stratigraphische Abfolge zutreffen, dann wäre La Güelga die erste Fundstelle, an der zunächst Neanderthaler siedelten, danach moderne Menschen und danach wieder Neanderthaler.

Leider ist die stratigraphische Situation an der Fundstelle kompliziert. Tierbauten und fließendes Wasser haben die Fundschichten teilweise zerstört und umgelagert. Durch die mikromorphologische Untersuchung der Profile wollen wir klären, ob tatsächlich intakte Fundschichten vorliegen. Dazu hat Martin Kehl, unser Spezialist für Sedimentologie von der Universität Köln, Sedimentblöcke eingegipst um daraus Dünnschliffe herzustellen, die detaillierte Informationen zur Entstehungsgeschichte der Sedimente liefern. Erste Ergebnisse werden im nächsten Jahr vorliegen.

Da wir in der Gegend waren, haben wir dem Ausgrabungsteam in El Sidrón einen Besuch abgestattet und die beiden Bilderhöhlen Tito Bustillo und El Buxu besichtigt. El Buxu wurde auch von Mario Menéndez ausgegraben. Das Team in El Sidrón wird wohl im nächsten Jahr alle Funde in der Höhle geborgen haben. Inzwischen liegen Reste von 12 Neanderthalern vor, die wahrscheinlich durch den Einsturz einer Karstdoline in die Höhle geschwemmt wurden. Die Gegend in Asturien bietet auf kleinstem Raum überaus spannende archäologische Fundplätze, die teilweise auch von Touristen besucht werden können. Über einige Bilderhöhle kann man sich im Internet durch einen virtuellen Rundgang (visitas virtuales) informieren.

Wer für die Herbstferien noch kein Ziel hat, sollte sich diese Region in Nordspanien näher anschauen.

Mit besten Grüßen

Gerd-Christian Weniger, Martin Kehl und Isabell Schmidt

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Ausgrabungen in der Höhle des Löwen „Ifri N’Etsedda“

Die diesjährige Grabungskampagne des SFB 806 (Projekt C2) im östlichen Rif in Marokko fand in der 2008 entdeckten Höhle Ifri N’Etsedda vom 1. März  bis zum 16. April 2012 statt. Die in der Kebdana liegende Höhle konnte nur über einen teils steilen und stark mit dornenbewehrten Pflanzen bewachsenen „Weg“ erreicht werden, sodass der spätere Abtransport des vollständig geschlämmten Sediments nur mit Hilfe eines Maultiers zu bewältigen war. Begleitet wurde die Kampagne von schönem sommerlichem Wetter mit bis zu 35°C, aber auch von anderthalb Wochen schlechtem kalten Wetter mit teilweise kräftigen Regenschauern.

Insgesamt wurde eine 2 x 2 Meter große Sondage angelegt. Dabei wurden Schichten von der Neuzeit bis ins Frühneolithikum angeschnitten. Die stark mit Schnecken versetzten Schichten des Neolithikums erschwerten das spätere Sortieren erheblich und lösten bei der Ausfuhr von fünf 100 Liter Säcken, gefüllt mit Schnecken zur Untersuchung im Museum König, bei verschiedenen Behörden starke Verwunderung aus.

Besonders erfreulich waren die sehr engagierten und durchweg freundlichen Bewohner der umliegenden Gehöfte, welche die Grabung an einem Sonntag mit großem Interesse besuchten. Da die diesjährige Kampagne in der Ifri N’Etsedda ein voller Erfolg war, harrt sie nun weiterer Ausgrabungen in den kommenden Jahren, bei denen hoffentlich in noch ältere Zeiten vorgestoßen werden kann.

Manuel Broich

Studentischer Mitarbeiter