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SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Tagung in Budapest

Ende März fand erneut die Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Ungarn statt. Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder der Gesellschaft und diskutieren die neusten Erkenntnisse im Hinblick auf die Erforschung des Steinzeitmenschen, seiner Umwelt und seiner Kulturen. Dieses Jahr hatte das Archäologische Institut der Eötvös Loránd Universität nach Budapest eingeladen. Der Themenschwerpunkt war das späte Mittel- und frühe Jungpaläolithikum zwischen den Alpen und dem Schwarzen Meer.

An den ersten drei Tagen gab es reichlich Vorträge zu den unterschiedlichsten Fundplätzen und Technokomplexen in Osteuropa. Dabei sind nicht nur die Archäologie, sondern auch andere Disziplinen, wie z.B. die Geologie oder Paläoklimatologie vertreten. Begonnen wurde am Dienstag mit Präsentationen zum Thema Alt- und Mittelpaläolithikum. Nachmittags fand die Posterausstellung statt. Die Forscher stellen hier ihre Fragestellungen oder Analysen auf einem Poster vor. Am zweiten Tag folgten dann die Vorträge zum Themenschwerpunkt und am dritten Tag die Präsentationen zum Jungpaläolithikum und Mesolithikum.

Prof. Dr. Weniger, Dr. Andreas Pastoors, Dr. Yvonne Tafelmaier, Viviane Bolin und Henning Hundsdörfer waren dieses Jahr als Vertreter des Neanderthal Museums auf der Tagung dabei. Dr. Pastoors stellte Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen zur Territorienbildung und Landnutzung der Jäger- und Sammlergruppen anhand der jungpaläolithischen Kleinkunstfunde aus Höhlen der französischen Pyrenäen vor. Zusammen mit Dr. Tafelmaier stellten sie ein Poster zum Schwerpunktthema des Sonderforschungsbereiches der Universität zu Köln vor (SFB 806 – Our Way to Europe). Dabei diskutierten sie die theoretischen Rahmenbedingungen einer Kontaktaufnahme zwischen verschiedenen Menschengruppen während der Eiszeit über die Meerenge bei Gibraltar nach Nordafrika. Viviane Bolin stellte auf einem Poster ihre Analysen zur Verbreitung der eiszeitlichen Kunstfundplätze in Spanien vor und Henning Hundsdörfer die Ergebnisse der Ausgrabungen in Troisdorf-Ravensberg (s. Blogbeitrag vom 24.08.2015).

An den letzten beiden Tagen finden gewöhnlich Exkursionen statt. Dieses Jahr besuchten die Tagungsteilnehmer mehrere mittelpaläolithische Fundstellen. Zum einen Vértesszölös und Tata, zwei ausgetrocknete Becken ehemaliger heißer Quellen, die von Neanderthalern aufgrund der optimalen Bedingungen als Siedlungsplatz genutzt wurden. In Tata konnten die Archäologen außerdem ein geologisches Freilichtmuseum besichtigen, dessen Steinformationen und Fossilien bis in das erdgeschichtliche Zeitalter der Trias (250-200 Millionen Jahre) zurückreichen.

Zum anderen kletterte die Gruppe bis zur Jankovich Höhle in Bajót hinauf und genoss den Ausblick auf die weite Ebene. In Paks und Dunaföldvár konnten die Mitglieder der Gesellschaft sich außerdem noch zwei Lössprofile anschauen, die wichtige Sedimentabflogen der Gegend aufzeigen und mit deren Hilfe Aussagen über Auswirkungen regionaler Klimaveränderungen getroffen werden können. Als Abschluss besichtigte die Gruppe noch das römische Kastell Lussonium und ein Dorf mit Grabhügellandschaft aus der Bronze- und Eisenzeit in Százalombatta.

Grüße

Viviane Bolin

PS: Wie immer können die Forschungsreisen der Wissenschaftler des Museums auch auf Twitter live miterlebt werden, sogar ohne Anmeldung!

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Internationale Konferenz zur Felsbildkunst

Anfang September fand in Cáceres (Extremadura, Spanien) die 19. International Rock Art Conference IFRAO 2015 statt. Vom 31. August bis zum 04. September trafen sich Spitzenforscher im Bereich der vorgeschichtlichen Fels- und Kleinkunst in der Universität der Kleinstadt und stellten die neusten Forschungsergebnisse aus aller Welt vor.

IFRAO steht als Abkürzung für „International Federation of Rock Art Organizations“. Es handelt sich dabei um einen Verband aus mehreren nationalen und regionalen Organisationen aus dem Bereich der prähistorischen Kunst. Zurzeit sind 52 Organisationen mit 7500 Spezialisten Mitglied der IFRAO. Das Ziel des 1988 gegründeten Bundes ist die Förderung der Studien prähistorischer Kunst und der Kommunikation zwischen den vielen Wissenschaftler und Organisationen, die bisher nur isoliert voneinander gearbeitet hatten und kaum etwas über Forschungen aus anderen Teilen der Welt wussten. Daher ist es bis heute ein Anliegen der IFRAO, Standards in der Methodologie, Terminologie, Ethik und in der Technik der prähistorischen Kunstforschung zu etablieren. Weiterhin kümmert sich der Verband um den Schutz und die Erhaltung der Kunstfundstellen weltweit.

Die neusten Erkenntnisse werden regelmäßig in der Zeitschrift „Rock Art Research“ veröffentlicht und alle paar Jahre wird eine Konferenz organisiert, bei der die Mitglieder der IFRAO und alle Forscher aus dem Bereich der prähistorischen Felskunst sich einfinden und die neusten Erkenntnisse austauschen.

Dieses Jahr also fand die Konferenz in Cáceres statt, einer sehr schönen Stadt mit mittelalterlichem Kern, der seit den 60er Jahren UNESCO Weltkulturerbe ist. Vorträge gab es von Montag bis Freitag, mit einer Ausnahme am Mittwoch, an dem mehrere Busse mit sehr neugierigen IFRAO Mitgliedern mehrere Kunstfundplätze in der Gegend auf einer Exkursion besichtigt haben.

Die Vorträge sind nach Sitzungsthemen aufgeteilt und dauern an die 20 Minuten. Danach können 10 Minuten lang Fragen gestellt werden und einzelne Punkte diskutiert werden. Der diesjährige Titel der Konferenz „Symbols in the Landscape: Rock Art and its Context” (Symbole in der Landschaft: Felskunst und ihr Kontext) vereinte über 30 Sitzungen u.a. zu folgenden Themen:

–          Tierdarstellungen in der Felskunst

–          Zeitgemäße Gedanken zur Bedeutung und Funktion der Felskunst: Krise und Perspektiven

–          „Watch your step!“ Füße und Sandalen in der Felskunst

–          Zeichen und Symbole. Felskunst und archäo-anthropologische Forschung

–          Pferde und Reiter in der Felskunst: Ikonografie vom Paläolithikum bis zum Mittelalter

–          Entscheidungen und Debatten: Felskunst als politisches Instrument

–          Existiert paläolithische Fels- und Höhlenkunst auch in Zentraleuropa?

–          Und viele mehr..

Das Neanderthal Museum und seine Wissenschaftler waren mit acht Vorträgen zur Felskunst in Sizilien, Afrika, Zentraleuropa und Deutschland und den gemeinsamen Projekten mit der Universität zu Köln „Tracking in Caves“ und „SFB-806 Our Way To Europe“ sehr präsent vertreten.

Eine der Exkursionen hatte den paläolithischen Freiland-Fundplatz Siega Verde und den mesolithisch/neolithischen Fundplatz Monfragüe zum Ziel. Auf ersterem können am Ufer des Flusses Águeda mehrere Abbildungen von in Schiefergestein gravierten Auerochsen, Hirschen und Pferden besichtigt werden, die auf ca. 20 000 – 13 000 Jahre alt geschätzt werden. Der zweite Fundort befindet sich in einem Nationalpark. Dort können an mehreren Stellen in schwer erreichbaren Felsöffnungen rote und schwarze Malereien aus der Mittel- und Jungsteinzeit bewundert werden.

Der Besuch der Tagung hat uns nicht nur archäologisch, sondern auch historisch begeistert. Neben archäologischen Exkursionen haben die Organisatoren auch Stadtführungen durch Cáceres angeboten. Die Altstadt von Cáceres ist seit sehr langer Zeit nicht mehr baulich verändert worden und man fühlt sich wie durch eine Zeitreise ins Mittelalter zurückversetzt. Ein sehr zu empfehlendes Reiseziel.

Viele Grüße

 

Viviane Bolin

 

Schulterblick Forschung – DGUF-Tagung Archäologie und Paläogenetik

Vom 09.-12. Mai tagte die Deutsche Gesellschaft für Urgeschichte in Erlangen. Mit über 900 Mitgliedern ist die DGUF eine der größten Vereinigung prähistorischer Archäologen in Deutschland. Das besondere an ihr ist, dass auch interessierte Laien Mitglieder werden können.
Das diesjährige Thema Paläogenetik ist enorm spannend. Denn mit der ständig wachsenden Zahl paläogenetischer Publikationen über unsere urgeschichtliche Vergangenheit eröffnen sich neue Perspektiven. Allerdings lassen sich paläogenetische und archäologische Daten nicht immer in Einklang bringen. Es besteht also erheblicher Gesprächsbedarf zwischen den Disziplinen über die Tragfähigkeit und Verläßlichkeit der Ergebnisse und es geht auch darum, wer die Deutungshoheit über die prähistorische Vergangenheit hat. Interessante Vorträge und Diskussionen konnten verfolgt werden. Ich hatte auch die Gelegenheit, über das Zusammenspiel von Paläogenetik und Urgeschichte in unserer eiszeitlichen Vergangenheit zu berichten (s. Powerslide Weniger_Paläogenetik_2013).

Zum Abschluß der Tagung wurde der Deutsche Studienpreis für Archäologie an Reena Perschke M.A. http://www.dguf.de/index.php?id=288 für ihre Studie „Ausgrabungen und Zerstörungen an den Megalithen von Carnac während der deutschen Besatzung der Bretagne (1940-1944)“ verliehen. Herzlichen Glückwunsch an die Preisträgerin!

Mit den besten Grüßen aus dem Neanderthal

Gerd-Christian Weniger

Post aus Fernost – Museen und soziale Verantwortung

Letzte Woche hatte ich die einmalige Gelegenheit, an der Tagung Museum 2012: The Socially Purposeful Museum im fernen Taipei, Taiwan, teilzunehmen. Organisiert wurde die Tagung gemeinsam von der Staatlichen Pädagogischen Hochschule Taipei, dem Forschungszentrum für Museen und Galerien an der Universität Leicester, den Staatlichen Museen Liverpool und dem Staatlichen Historischen Museum Taipei. Teilnehmer aus mehr als 20 verschiedenen Ländern kamen zu intensiven Diskussionen zusammen.

In rund 70 Vorträgen ging es um soziale Verantwortung von Museen. Ein Schwerpunkt lag auf den Museumsbesuchern. Diskutiert wurde, wie man ein breites und buntes Publikum ins Museum holen kann, inklusive Menschen aus allen Einkommens- oder Bildungsschichten. Diese Frage betrifft alle Bereiche eines Museums – von der Ausstellungsgestaltung über die Pädagogik über das Marketing bis hin zum Leitbild des Museums selbst. Dementsprechend vielfältig waren auch die Vorträge. Ein Beispiel: Immer mehr Museen haben Angebote, die gezielt auf Gruppen zugeschnitten sind, die sonst nicht ins Museum gehen (können), wie z.B. sozial benachteiligte Jugendliche, blinde und taube Menschen oder sogar Gefängnisinsassen. Besonders spannend fand ich ein Projekt aus Norwegen, das Alzheimer Patienten ins Museum holt und damit sehr positive Erfahrungen gemacht hat.

Gerade in Großbrittanien gehen Museen inzwischen häufig einen Schritt weiter und holen die Menschen nicht nur als passive Betrachter ins Museum, sondern um aktiv am Museumsprozess teilzuhaben. So werden Ausstellungen „co-creative“ erstellt, das heisst in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort – mit Kindern, Künstlern, Nachbarn. Noch weiter geht das Freilichtmuseum Museum of East Anglian Life in Suffolk: es begreift sich im Kern als soziale Institution und beschäftigt z.B. Langzeitarbeitslose oder arbeitet mit Gefangenen und Kranken zusammen. Durch das Projekt Happy Museum sollen dieses und 11 andere beteiligte Museen zu Orten des Wohlbefindens werden. Insgesamt ging es also auch darum, das Museum an sich umzudefinieren, es als Ort für neue Ideen und Dialoge zu begreifen. So besagt beispielsweise das Leitbild der Staatlichen Museen Liverpool, dass Museen dazu da seien „Leben zu verändern“

Der zweite Schwerpunkt der Vorträge war die Ausstellungsgestaltung. Einerseits ging es darum, Ausstellungen über aktuelle Themen von Umweltschutz bis Menschenrechte zu gestalten, so zum Beispiel eine Ausstellung über Menschenhandel am Museum of London. In diesen Kontext gehörte auch mein Vortrag über unsere Ausstellung Wie Menschen Affen Sehen, in der wir die schwierige Balance zwischen ernsten, aktuellen Themen und Unterhaltung versucht haben. Darüber hinaus ging es darum, auch Ausstellungen zu allen anderen Themen inklusiver zu gestalten, d.h. einen bunten Querschnitt durch die Gesellschaft zu repräsentieren und vielfältige Geschichten zu erzählen. So baut z.B. das Science Museum in London gerade seine Dauerausstellung zur Kommunikationstechnik um. Ziel dabei ist auch, nicht nur „gebildete, weiße, bärtige, heterosexuelle Männer“ darin vorkommen zu lassen. So erzählen z.B. in der Ausstellung auch die Frauen, die früher täglich mit einer Telefonanlage gearbeitet haben, von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Technik.

Wie es sich für eine Museumstagung gehört, fanden auch einige Veranstaltungspunkte in Museen statt. So gab es einen Abendempfang im staatlichen Historischen Museum, welches äußerlich einem chinesischen Palast aus der Ming oder Qing Zeit nachempfunden ist und innen zahlreiche Schätze aus Chinas Archäologie und Kunst beherbergt. Eine besonders bewegende Veranstaltung fand im Jingmei Museum für Menschenrechte statt, welches erst im nächsten Jahr offiziell eröffnen wird. Das Museum ist eine Gedenkstätte in einem ehemaligen Militärgefängnis, in dem in den 60er bis 80er Jahren unzählige politische Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen verurteilt und festgehalten wurden. Wir bekamen die Gelegenheit, ausführlich mit einem ehemaligen Insassen zu diskutieren.

Nach der Tagung haben die meisten Teilnehmer die Chance genutzt, das Land Taiwan und natürlich seine Museumslandschaft weiter zu erkunden. Ein Pflichttermin war dabei das Nationale Palastmuseum in Taipei, in dem weit über eine halbe Millionen Schätze aus rund 8.000 Jahren chinesischer Geschichte aufgehoben sind. Zum Ende des chinesischen Bürgerkriegs Ende der 1940er nahmen die chinesischen Nationalisten auf ihrer Flucht vor den Kommunisten wichtige Teile der staatlichen Sammlung mit nach Taiwan. Dort liegt sie auch heute noch, weshalb die Sammlung in Taipei absolut sehenswert ist. Einen Besuch wert ist auch Taipei selbst, eine bunte, lebendige Metropole die alt und neu verbindet.

Insgesamt war es eine inspirierende Tagung mit guten Gesprächen in und zwischen den Veranstaltungen. Nicht zuletzt dank der sehr herzlichen Gastgeber herrschte durchgängig eine gute Atmosphäre. Die Menschen Taiwans sind sehr gastfreundlich – am letzten Abend lud zum Beispiel eine Kollegin aus dem Staatlichen Naturwissenschaftlichen Museum in Taichung, Taiwan, eine ganze Runde europäischer Kollegen ein zu einer traditionellen Teezeremonie, zu einem sehr leckeren taiwanesischen Essen und zu einem Spaziergang durch eine alte Straße Taipeis.

Inspirierte Grüße aus Fernost

Kerstin Pannhorst

 

Wie Menschen Affen sehen

Bei unserem öffentlichen Symposium am vergangenen Freitag haben wir einige Aspekte der Menschenaffen-Ausstellung vertieft. Es ging um unsere wechselhaften Blicke auf diese beeindruckenden Lebewesen, um spannende Freilandforschung, Kultur von Menschaffen, ihre Grundrechte und vieles mehr.

Die Referenten waren zum Teil von weit her ins Neandertal gekommen.  Den Auftakt machte Franz Wuketits aus Wien, der über den Affen in uns Menschen und seine Suche nach Sinn sprach. Kraft seines Bewusstseins ist der Mensch in der Lage, Bilder von der Welt so zu entwerfen, dass ihm die Welt selbst erträglich erscheint. Die Sinnsuche auch dort, wo objektiv keiner auszumachen ist, kennzeichnet den Menschen und der Glaube an eine höhere Gesetzmäßigkeit oder Vorherbestimmung hat größtes Elend über die Menschheit gebracht. Wuketits würde uns wünschen, in dem Bewusstsein, dass alles endlich ist dennoch glücklich zu leben.

Hans-Werner Ingensiep, Universität Duisburg-Essen, ließ unsere recht junge Entdeckungsgeschichte der Menschenaffen Revue passieren. Erste Menschenaffen wurden in unserem Kulturkreis ab dem 16./17. Jahrhundert (wieder) bekannt. Aber die Gorillas z.B. wurden erst 1853 entdeckt. In dem Vortrag legte er anschaulich dar wie sich das Bild, das wir Europäer uns von den Menschenaffen gemacht haben, durch die Jahrhunderte grundlegend gewandelt hat. Druckfrisch ist auch sein lesenswertes neues Buch zu diesem Thema.

Auch Marianne Sommer, Luzern, befasste sich mit wechselvollen Blicken auf die Menschenaffen: Es ging um die Blicke der National Geographic-Fotografen. Die National Geographic Sociey spielte bei der Finanzierung von Freilandstudien ab den 1960er Jahren eine zentrale Rolle. Die Fotografen zogen mit den Forscherinnen (z.B. Jane Goodall, Dian Fossey, Biruté Galdikas) ins Feld. Auch aktuell nimmt National Geographic eine zentrale Rolle in der Forderung nach Grundrechten für die Menschenaffen ein. Der Artikel von Jürgen Nakott hat eine breite Diskussion ausgelöst.

Thomas Geissmann, Zürich, erforscht die Gibbons. Er rief in seinem Vortrag engagiert dafür auf, sie ebenso wichtig zu nehmen wie die großen Menschenaffen. Da sie klein sind und hoch in den Baumkronen leben, ist es schwer, medienwirksame Fotos von ihnen zu machen. Einige Arten werden sicher ausgestorben sein, bevor sie überhaupt ansatzweise erforscht sind. Die von ihm initiierte Gibbon Conservation Alliance setzt sich daher für den Schutz dieser Affen ein.

Alexander Sliwa vom Kölner Zoo berichtete von der Haltung von Menschenaffen im Kölner Zoo von den Anfängen bis heute. Die einfachen Gitterkäfige für isolierte Affen sind heute großen Gehegen mit Kletter- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschenaffen in größeren Gruppen gewichen. Colin Goldner führte aus, dass dies längst nicht an allen deutschen Zoos Standard sei. Das Great Ape Project fordert Grundrechte für die großen Menschenaffen und entsprechend ein Ende ihres Lebens in Gefangenschaft.

Barbara Fruth vom MPI Leipzig räumte mit Bonobo-Vorurteilen auf. Ihre Freilandforschungen belegen, dass sie nicht die sexbesessenen Hippies sind, als die sie nach den Zoobeobachtungen des Frans de Waal galten und als die sie in den Medien immer noch dargestellt werden. Auch die Bonobos sind von Wilderern auf der Suche nach Buschfleisch bedroht. Die Forscher haben eine Organisation, Bonobo Alive, gegründet, um sich für ihren Schutz zu engagieren.

 

Miriam Haidle, Tübingen, gab einen umfassenden Überblick über die materielle Kultur vor allem von Orang Utans und Schimpansen. Bei Orang Utans wurden 41 Werkzeugverhalten beobachtet und eine neue Beobachtung bei Schimpansen ist, dass sie sogar mit Grabstöcken nach Knollen und Wurzeln graben und diese zur Ernährung und für medizinische Zwecke einsetzen.

Bärbel Auffermann zeigte in ihrem Beitrag, was Gorillas und Neanderthaler gemeinsam haben: Unsere Rezeption der beiden zeigt deutliche Parallelen.

Für ein amüsantes Zwischenspiel sorgte der WDR – Reporter Ede Wolff, der im Gorilla Kostüm unterwegs war und Vortragende wie Teilnehmende über seine Rechte befragte.

Im Foyer stellte das Projekt AffenBRUT Affenkunst vor: ausdrucksstarke Gemälde des Orang-Utans Barito, die das Projekt zugunsten der Affen des Krefelder Zoos verkauft.

Es hat uns besonders gefreut, dass die sehr interessierten Zuhörer die Gelegenheit zur Diskussion genutzt haben. Dieses ganztägige Format eines Austauschs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit werden wir sicher zu einem anderen Thema wieder aufgreifen.

Beste Grüße aus dem Neandertal 

Bärbel Auffermann, Kerstin Pannhorst 

 

 

Archivieren – Digitalisieren

In Ratingen wurde letzte Woche für Archivare, Bibliothekare und Historiker zum 46. Rheinischen Archivtag „Digital und Analog – Die beiden Archivwelten“ eingeladen.

Das Digitalisieren von Archivmaterial, wie z.B. historischen Büchern, alten Filmen oder Bildern wird aus vielerlei Gründen immer wichtiger. Die Erwartungen an die Archive, neben ihren Beständeübersichten und Findmitteln künftig auch vollständige Abbildungen ihrer Archivalien über Internetportale wie die „Deutsche Digitale Bibliothek“ einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, nehmen stetig zu. Für die Archive ist dies nicht nur eine neue, sondern auch eine zusätzliche Aufgabe, die neue Chancen der öffentlichen Wahrnehmung eröffnet, aber auch zusätzliche Ressourcen zu deren Absicherung erfordert.

Als Beispiel zur Digitalisierung großer Bestände, aber auch als Vorreiter in diesem Gebiet, gründete der WDR bereits 1998 das Dienstleistungszentrum WDRmediagroup digital für die Digitalisierung der WDR-Archivbestände. Seitens des WDR war relativ schnell erkannt worden, dass die Digitalisierung eine Notwendigkeit darstellt, die allerdings nicht im laufenden Betrieb nebenher geleistet werden kann, weder von eigenem Personal, noch durch die Unterstützung von studentischen Hilfskräften. Seit Ende 2010 digitalisiert nun das robotergestützte Archivierungssystem A.D.A.M. große Mengen alter Videobänder in IT-taugliche Files. Das System kann bis zu 740 Kassetten zwischenlagern und ermöglicht so einen autonomen Betrieb von bis zu drei Tagen ohne Eingriff durch Personal.

Viele liebe Grüße aus der Mediathek

Saskia Adolphy

Adam-wdr-digitalisierung

Im Sturz durch Raum und Zeit

Nach einem Ausflug in die unendlichen Weiten von Raum und Zeit sind wir wieder im Neandertal gelandet. Vom 31. Mai bis 2. Juni fand in Toulouse die alljährliche Tagung „Ecsite“ statt, eine Versammlung von europäischen Science Centern und Museen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Das Thema in diesem Jahr: „Space and Time Unlimited“ – passend zu Toulouse als Hauptsitz von Airbus. Toulouse ist eine wunderschöne, historische Stadt, die auf jeden Fall eine Reise wert ist. Das Stadtbild der „ville rose“ ist geprägt von roten Ziegelsteinbauten und unzähligen kleinen Gassen, die nur für Fußgänger zugänglich sind. Unser Gastgeber vor Ort war die Cité de l’espace, ein Erlebnispark zu Luft- und Raumfahrt. Dort konnten wir uns in die Sojus Kapsel quetschen, durch die Raumstation Mir spazieren und federleicht über den Mond hüpfen.

Ganze 990 Teilnehmer aus allen europäischen und auch aus noch weiter entfernten Ländern diskutierten über interaktive Ausstellungen, die Verbindung von Forschung und Öffentlichkeit, Evaluationen von Ausstellungen, Angebote für Schulklassen, Anwendung von Web 2.0 und so weiter. Acht Vorträge fanden jeweils parallel statt, es war also gar nicht so leicht, sich für einen zu entscheiden!

Auch das Neanderthal Museum war aktiv: Bärbel Auffermann organisierte eine Einheit zum Thema „Exhibiting Time Spans“ – darüber, wie große Zeiträume im Museum anschaulich dargestellt werden können. Acht Poster und Kurzvorträge aus fünf Ländern beleuchteten verschiedene Aspekte des Themas, dann wurde lebhaft diskutiert – übrigens sehr viel lebhafter als auf rein deutschen Tagungen! Claudia Pingel und Kerstin Pannhorst stellten dabei eine Studie über den Umgang von Besuchern mit Zeit-Exponaten und über deren Konzepte von Zeit vor. An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an alle, die unseren Fragebogen ausgefüllt haben!

Bärbel Auffermann präsentierte schließlich noch vor großem Publikum unsere aktuelle Ausstellung „Wie Menschen Affen Sehen“, die noch bis zum 21. Oktober bei uns zu sehen ist, und dann hoffentlich weiter durch Europa reisen wird.

Mitgenommen haben wir einen ganzen Berg an Inspiration, der uns sicher mindestens bis zur nächsten Ecsite reichen wird. Gelernt haben wir auch vieles, zum Beispiel dass uns die Kollegen aus Großbrittanien und den USA sowohl in Sachen Evaluation von Ausstellungen als auch in Sachen Web 2.0 Aktivitäten weit voraus sind – da können wir nur staunen.

Bärbel Auffermann, Kerstin Pannhorst, Claudia Pingel

PS: Wer findet uns auf dem Bild unten? 🙂

Archäologie, Schule und Museum im Spannungsfeld kultureller Bildung

Mit 27 Vorträgen und 2 Exkursionen bot die diesjährige Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte in Dresden viele Anregungen.
Beispiele aus Museums- und Vermittlungspraxis gaben eine Einblick auf welchen unterschiedlichen Ebenen Archäologie in das Bewusstsein der Gesellschaft gerückt werden kann.
Darüber hinaus beschäftigten sich die Vorträge mit der Analysen von Geschichts-Lehrwerken  [Dr. Miriam Sénécheau, Freiburg] mit der Archäologischen Denkmalpflege [Prof. Dr. Raimund Karl, Bangor] sowie wichtigen geschichtsdidaktischen Grundlagen [Prof. Wolfgang Hasberg, Köln und PD Dr. Christoph Kühberger, Salzburg].
Selbstverständlich war das Neanderthal Museum auf einer dieser Tagung ebenfalls vertreten. Wir präsentierten den Workshop „Humanevolution trifft Religion“ als Beispiel einer dauerhaften Kooperation von Schule und Museum und analysierten in einem zweiten Vortrag verschiedene Formate der Wissenschaftskommunikation auf ihre Vor- und Nachteile.

Wenn Sie an mehr Details interessiert sind, empfehle ich Ihnen die nächsten Ausgabe der Zeitschrift „Archäologische Informationen“. Hier werden die Tagungsbeiträge veröffentlicht.

Herzlichen Gruß

Beate Schneider M.A.

 

Forum Wissenschaftskommunikation

Beate Schneider und ich waren diese Woche in Köln beim Forum Wissenschaftskommunikation. Wir haben unsere Evolutiontour als Best Practice Beispiel für Kommunikation in die breite Öffentlichkeit vorgestellt. Dazu bekamen wir viel positives Feedback, so dass wir über eine Fortführung der Tour in 2012 nachdenken.

Das Forum bot Austausch mit vielen Kommunikatoren aus z.B. Stiftungen, Gesellschaften, Universitäten und Ausstellungshäusern. Es wurden interessante Aspekte vorgestellt: web 2.0, Mangel von Lernkonzepten in Wissensformaten im Kinder TV, Möglichkeiten der Platzierung aktueller Wissenschaftsthemen in Unterhaltungsformaten  im TV.

Beste Grüße aus dem Neandertal 

Bärbel Auffermann

 

Archäologen besetzen Bremen

Alle drei Jahre versammeln sich Archäologen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum zum intensiven fachlichen Austausch auf dem Archäologenkongress. Dieses Jahr war es wieder so weit: Vom 3. bis 7. Oktober fand der 7. Deutsche Archäologenkongress in Bremen statt. Gut 200 Vorträge in ca. zehn Arbeitsgemeinschaften wurden mit einer breiten Vielfalt an Themen gehalten.

Die AG Theorie tagte zwei Tage zum Thema „As time goes by: Zeitkonzepte – >Zeiterfahrung – Zeitgeist“ dabei wurde das Thema von verschiedenen Seiten angegangen. Auch das Neanderthal Museum konnte zum Gelingen dieser Sektion beitragen: Kerstin Pannhorst, wissenschaftliche Mitarbeiterin, hielt einen Vortrag zum Thema „Jenseits der Chronologie – Zeit im Museum“.

Museen waren Thema auch am Donnerstag beim Treffen der AG „Archäologie im Museum“. Der Tag begann mit einer Führung und anschließenden Diskussion in der neu gestalteten Wissenswerkstatt Archäologie des Focke-Museums in Bremen. Darauf folgte eine bunte Reihe von Vorträgen. Besonders eindrücklich und erschreckend war der Bericht über die dramatischen Raubgrabungen, z.B. im Irak, von Dr. Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Er appellierte an die Verantwortung deutscher Museen, solche Taten weder direkt noch indirekt zu unterstützen. Ebenfalls von großer Bedeutung ist die an diesem Tag beschlossene Gründung einer Fachgruppe Archäologische Museen beim Deutschen Museumsbund.

Ein weiteres historisches Ereignis stand ebenfalls auf dem Programm der Tagung: die Gründungsversammlung des „Deutschen Verbandes für Archäologie“ (DVA), siehe Fotos. Bisher ist die Archäologie in Deutschland stark regional geprägt. Der Dachverband soll dieVernetzung zwischen Archäologen und so den Schutz des kulturellen Erbes des Landes verbessern. Als Präsident wurde Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Parzinger gewählt.

Zwischen den Vorträgen blieb Zeit für organisatorische Treffen einzelner Fachverbände sowie für rege Diskussionen. Auch das soziale Miteinander kam nicht zu kurz: so tafelten beispielsweise mehrere hundert Archäologen am Dienstagabend gemeinsam und ausgiebig im historischen Bremer Ratskeller.

Archäologisch inspirierte Grüße

Bärbel Auffermann
Kerstin Pannhorst
Claudia Pingel