Barrierefreiheit im Museum – Interview mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein Mettmann

Ich heiße Kevin Tabaka, bin Auszubildender beim Blinden- und Sehbehindertenverband Nordrhein e.V. (BSVN) und unterstütze seit dem 17.08.2020 unser Kooperations-Projekt NMsee. “NMsee” ist ein Projekt, bei dem eine inklusive App entsteht, die sehende, blinde und sehbehinderte Menschen durch das Spielen einer Story mit dem Handy durch das Neanderthal Museum führt.

Am 2. September 2020 habe ich mit unseren Unterstützer/innen Tamara Ströter und Jörg Moses vom BSV Mettmann ein Interview zum Thema NMsee und Museen geführt. Gesprochen haben wir unter anderem über ihre Tätigkeit für und Meinung über das Projekt, über die Erfahrungen, die sie bei Prototypen-Tests gemacht haben, und welche Art von Museen die beiden interessant finden.

Tamara Ströter im Neanderthal Museum

Tamara Ströter (rechts im Bild, gelber Pullover) und Jörg Moses (links im Bild mit Smartphone) bei einem Workshop in der Dauerausstellung.

Wegen der aktuellen Lage durch COVID-19 haben wir uns dazu entscheiden, das Interview per WhatsApp abzuhalten, um alle Hygiene-Maßnahmen einhalten zu können.   

Kevin Tabaka: Wie beratet Ihr das Museum? Beziehungsweise wobei beratet Ihr das Museum?

Tamara Ströter:Wir beraten das Museum zum Thema Barrierefreiheit. Das hat damit begonnen, dass es erstmal um das Gebäude ging; wie man sich dort als blinder Mensch selbstständig bewegen kann. Dort fehlen eben Leitlinien zur Orientierung und auch tastbare Beschilderungen. Der Audio Guide beziehungsweise die Stationen sind für Blinde auch nicht gut auffindbar. Daraus ist eben die Idee mit dem Spiel über die App entstanden. Dieses Projekt begleiten wir jetzt durch verschieden Workshops und Testungen, durch Jörg und mich. Bei den Workshops wird auch von anderen blinden Mitspielern getestet und bewertet. Dazu kommt eben die Kompetenz der verschiedenen anderen Teilnehmer, die du, Kevin wahrscheinlich besser mit Namen kennst als wir.“ 

Kevin Tabaka: Ok! Ihr beide investiert ja ziemlich viel Zeit mit dem Museum und der Hilfe bei dem NMsee-Projekt, mit euren Rat- und Vorschlägen und mit der Einbringung eurer Ideen.
Was motiviert euch beide dazu, so intensiv das Museum mit dem Projekt zu unterstützen?

Jörg Moses:Meine Motivation ist (…) natürlich die, dass es sich lokal natürlich anbietet. Also, dass das Museum in unserem Kreis ist, in dem wir auch beraten und (…) Es macht ja auch Spaß, weil man hat ja auch nette Kollegen, die man schon kennt. (…) Es ist bestimmt ein schönes Spiel, wenn es fertig ist, und dann auch interessant für jedermann. Das finde ich am interessantesten und spannendsten, dass wir was machen, das jedem Besucher helfen kann. Das finde ich, ist die größte Herausforderung und Motivation.“

Tamara Ströter: „Als erste Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverein Mettmann ergibt sich die Motivation schon automatisch, und ich finde es toll, dass wir überhaupt Einfluss nehmen dürfen. Genauso wie Jörg sehe ich das auch. Es ist eben für alle, es ist vor Ort und es macht auch Spaß. Ist mal was anderes als trockene Verwaltungsarbeit, die so ein Verein mit sich bringt.“

Kevin Tabaka: Was gefällt euch beiden am NMsee Projekt besonders gut?

Tamara Ströter: „Ich finde es interessant mal in so einem Museumsbetrieb hinein schauen zu können, so hinter den Kulissen! Es ist spannend, dass man eben schon mal so analog Sachen machen soll, die später digital umgesetzt werden können. Eben auch so spannend, wie eine App entsteht. Also doch erstmal auf Papier, und nicht, dass dauernd irgendwas umprogrammiert werden muss.“

Jörg Moses: „Zu der Frage hat Tamara eigentlich schon alles gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen!“

Kevin Tabaka: Wenn wir jetzt schon mal hinter den Kulissen der App-Entwicklung sind: Ihr habt ja bestimmt schon mal den ein oder anderen Prototyp-Test mitgemacht. Habt Ihr da Spaß daran die Entwicklung zu testen, oder findet ihr das anstrengend?

Jörg Moses:Ja, natürlich hat es viel Spaß gemacht! Die Entwicklung, (…) die Projektmanager (…) von der Firma, die das Projekt betreuen bzw. auch die App entwickeln, (…) die haben es schon nicht leicht. Denke ich mal mit den Anforderungen, und es ist sicherlich auch schwer, alles umzusetzen. Das hängt auch bestimmt mit dem Budget zusammen, das man da hat. Ansonsten macht das riesig Spaß da mitzuwirken, und wie Tamara da schon sagt, „hinter die Kulissen zu schauen“ und wie so eine App entwickelt wird. (…) Es macht einfach Spaß, mit jungen Menschen zusammen zu arbeiten, die das des Geldes wegen machen müssen *lacht*. Und wir machen es, weil wir Spaß haben. (…)“

Tamara Ströter: „Ich habe da auch Spaß dran. Es wird ja auch Rücksicht auf unsere Bedürfnisse genommen und es wird uns wirklich leicht gemacht mit Kaffee und Keksen ;-)“

Neanderthal Museum Gebäude

Das Neanderthal Museum mit seiner markanten Fassade aus hellblauem Glas steht mitten im grünen Neandertal.

Kevin Tabaka: Was, findet Ihr, ist am Neanderthal Museum unterstützenswert?

Tamara Ströter: „Naja, immerhin sind wir ja alle ein bisschen Neandertaler 😉 Und es wertet unsere Gegend auch auf, dass so ein wunderbares Museum hier angesiedelt ist. Wir haben auch schon mal mit unseren Mitgliedern einen Ausflug gemacht und haben eine tolle Führung bekommen.“

Kevin Tabaka: Wenn Ihr einen Museumsbesuch macht, was wünscht Ihr euch von dem Museum? Und was muss es haben, damit Ihr für euch persönlich sagen könnt, dass das ein guter Museumbesuch war?

Jörg Moses:Also ehrlich gesagt, bin jetzt nicht der Große Museumbesucher (..). Es muss interessant sein, es muss irgendwo (…) lebendig gemacht werden (…) es darf nicht so tot sein. Das finde ich am Neanderthal Museum schon gut, weil die Exponate aus lebendigen Zeiten stammen. Es wird ja von einer Zeit gesprochen, die es mal gegeben hat. (…) Letztendlich komm ich glaube ich aus einem Zeitalter, wo Burgen, Schlösser und Museen für mich nicht so ganz interessant waren, aber ich mich dann immer eines Besseren belehren habe lassen. Und es gibt ja auch interessante Museen, keine Frage! Ich war ja auch schon in ein paar Museen, die wirklich schön und Interessant waren. Unter anderem auch das Neanderthal Museum!   

Tamara Ströter: „Da ich voll blind bin, ist es für mich wichtig, dass ich akustische Mitteilungen über die Ausstellung bekomme und dass es möglichst viel zum Anfassen gibt. Und das Thema muss mich natürlich interessieren. Wenn es gerade passt, nehme ich auch immer gerne eine Führung in Anspruch, so von Mensch zu Mensch.“

Kevin Tabaka: Ok, alles klar! Auch wenn Jörg jetzt nicht gerade der Museumsgänger ist, würde mich interessieren welche Themen euch persönlich interessieren. Also: Welche Themen müsste ein Museum haben, damit Ihr sagt, da würde ich gerne mal hingehen?

Jörg Moses: „Also mein Leben haben zwei Themen geprägt. Das war einmal die Technik, sprich einmal die Computer-Technik, Netzwerk-Technik, Telekomunikations-Technik- und die Musik! Das waren die zwei großen wichtigen Themen in meinem Leben, die mich geprägt haben und mit denen ich viel in meiner Vergangenheit zu tun hatte. Das heißt natürlich, dass wenn ich (…) solche Museen oder Ausstellungen (…) zufällig mitbekomme, dann (…) schaue ich schon gerne mal da rein. Was mich natürlich auch interessiert, da ich aus den neuen Bundesländern komme, (…) die alten Relikte aus unserer Zeit, mit denen ich auch großgeworden bin. Die heute auch noch in vielen Ostalgie Museen zu sehen sind (…) Da guck ich natürlich auch gerne mal rein, um in alten Zeiten zu schwelgen.

Tamara Ströter: „Ich bin auch so eher für die technischen und die Alltags-Museen. Nicht nur Computer und Musik, sondern auch Schiffe, Schlösser, Haushaltsgeräte (…) Alles, was man eben anfassen kann, und wie sich das über die Zeit so entwickelt hat. Mit Gemälden kann ich eher weniger was anfangen.“

Kevin Tabaka: Würdet Ihr beide andere Museen beraten und unterstützen? Und wenn ja, wie kann man euch beide erreichen?

Jörg Moses: „Ja, natürlich, (…) würde ich von meiner Seite her auch gerne andere Museen beraten (…) In Sachen Barrierefreiheit oder bei Spiele-Apps, die mit dem Museum zu tun haben. Auch natürlich, wenn sie jetzt nicht im Kreis Mettmann sind. Muss man dann natürlich (…) speziell sehen, inwieweit ist das machbar, umsetzbar? Wie kommen wir dahin? Wird das finanziert? Und so weiter und sofort. Also wenn die Punkte alle gegeben sind, warum nicht? Klar! Und (…) wie ihr uns erreichen könnt: Am besten über unsere Homepage, die immer aktuell gepflegt ist. Und über die bekannten Kontaktmöglichkeiten wie Facebook, Instagram; oder über unsere Handynummer, die ja auch über viele unserer Kanäle bekannt sein dürfte. (…) Einfach probieren (…)!“

Tamara Ströter: „Ich stehe für den Verein auch noch im Kontakt mit dem „Schloss- und Beschläge- Museum“ in Velbert, was ja auch gerade neu gebaut wird. Da sind wir über den Arbeitskreis Inklusion auch mit involviert. Naja, die Kanäle, die Jörg schon gerade gesagt hat, und die Homepage: www.bsvnkme.de . Ich denke mal, wir beschränken uns schon hier auf dem Kreis Mettmann, denn in anderen Städten gibt es ja auch Vereine, die ihre Museen beraten (…). Außer, es ist eine größere Ausschreibung zum Testen vorhanden, wie auch beim Neanderthal Museum. Da wurde öffentlich aufgerufen, dass blinde Tester teilnehmen.“ 

Kevin Tabaka: Das war´s dann auch schon! Danke, dass Ihr euch die Zeit genommen habt!

 

Tamara und Jörg werden das NMsee-Projekt auch in den weiteren Monaten mit ihren Ratschlägen und ihrer Teilnahme an User-Tests unterstützen.

Das inklusive App Game im Neanderthal Museum erscheint zum Jahresende für Android und iOS.  

Interview und Beitrag von Kevin Tabaka

Fragen zum Projekt? Melde dich bei:
Anna Riethus
Wissenschaftliche Projektleitung NMsee
Anna.riethus@bsv-nordrhein.de
02104 97 97 18

Inklusives Mobile Game – made in Neanderthal

Wenn blinde oder sehbehinderte Menschen die Ausstellung im Neanderthal Museum besuchen, werden sie von zahlreichen kleinen und großen Hürden vom Bildungsangebot ausgeschlossen.

Deswegen arbeitet das Neanderthal Museum seit 2019 gemeinsam mit dem Verband blinder und sehbehinderter Menschen in NRW, dem BSVN e.V am Forschungsprojekt NMsee.

Unser wichtigstes Ziel ist, dass im Neanderthal ab 2021 alle Gästen unabhängig vom Sehvermögen das Museum besuchen, genießen und unser Informationsangebot nutzen können.

Mittel der Wahl ist eine Kombination aus taktilem Bodenleitsystem, neuen Tast-Objekten, tastbaren Schildern und einem inklusiven Mobile Game.

3D-Drucke Neanderthaler und Neanderthal Museum
Renderings der 3D-Drucke

Im Mobile Game begleiten User*innen während des Museumsbesuchs den Hauptcharakter Nami, Älteste einer eiszeitlichen Jäger*innen- und Sammler*innen-Gruppe, auf einer lebenswichtigen Wanderung durch das Neandertal. Die Bedienung im Game orientiert sich an gängiger Screenreader-Software. Wie so ein Screenreader am Smartphone funktioniert, könnt ihr beispielsweise hier erfahren.

Das inklusive Mobile Game entwickeln wir gemeinsam mit Profis aus der Games-Branche sowie blinden, sehbehinderten und sehenden Tester*innen. Das Game Development übernimmt Wegesrand aus Mönchengladbach:

Game-Designer auf der Dachterrasse im Büro Wegesrand Mönchengladbach
Die Dachterrasse im Büro Wegesrand in Mönchengladbach

Wegesrand bildet den Querschnitt an interaktiver Technologie ab. Ob Serious Games oder Gamification-Konzepte zur Schulung von Mitarbeiter*innen, interaktive Erlebnisse in Museen oder digitale Plattformen für den Schulunterricht – wir machen Informationen interaktiv erlebbar. Im Projekt NMsee sind wir für die Entwicklung des inklusiven App Games mit Beacon-basierter Indoor-Navigation verantwortlich. Inklusion in Museen ist noch längst keine Selbstverständlichkeit – umso wichtiger ist es uns, den Weg in eine inklusive Museumslandschaft proaktiv mitzugestalten, indem auch bei der Medienproduktion alle Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen in den Blick genommen werden.“

Software-Entwickler Mathias inklusives AppGame NMsee
Software-Entwickler Mathias

Software-Entwickler Mathias beschreibt seine Tätigkeit für NMsee: „Meine Aufgaben im NMsee-Projekt sind die Entwicklung der Software mit Schwerpunkt Anforderungsanalyse, Qualitätssicherung und Koordination. Besonders motiviert mich die Herausforderung, Game-Design und Museumsbesuch zu einer einfachen und lehrreichen Spielerfahrung zu vereinigen.”

Wegesrands Projekt-Managerinnen Jana und Carolin organisieren und koordinieren zwischen den verschiedenen Fachleuten, damit alles rund läuft.

Projektmanagerin Jana inklusives AppGame NMsee
Projektmanagerin Jana

Projektmanagerin Jana: “Als Projektmanagerin und Konzepterin im Bereich „Playful Learning“ freut mich dieses Projekt ganz besonders: Ein weiterer Schritt, das Vorurteil des angestaubten Museums aufzubrechen. Durch spannende Geschichten und das interaktive Einbeziehen der Besuchenden wird Wissen spielerisch und nachhaltig vermittelt – das ist die Zukunft!

Projektmanagerin Carolin inklusives AppGame NMsee
Projektmanagerin Carolin

Projektmanagerin Carolin: “Als Projektmanagerin fasziniert mich an diesem Projekt, wie wir nicht nur die Wissensvermittlung, sondern auch die (für uns alltägliche) Nutzung einer App grundlegend umdenken und Inhalte damit auch für blinde und sehbehinderte Besucher*innen zugänglich werden.”

Das neue inklusive Mobile Game von BSVN e.V. und Neanderthal Museum wird Anfang 2021 in den App Stores (Android, Apple) kostenlos zum Download zur Verfügung stehen. Ende des Jahres wird der Einbau der neuen Tast- und Orientierungs-Elemente abgeschlossen.

Kommt zum Testen vorbei!

Anna Riethus

 

Mehr aktuelle Informationen zum Forschungsprojekt NMsee, dem BSVN e.V. und Wegesrand findet ihr unter:

https://twitter.com/ARiethus

www.bsv-nordrhein.de

www.wgsrnd.net

Das inklusive Mobile Game wird ermöglicht von:

Stiftung Wohlfahrtspflege
Kämpgen Stiftung
Neanderthaler Gesellschaft e.V.

Die neue inklusive Infrastruktur wird ermöglicht von:

LVR
NRW Stiftung

Der größte Steinzeitspielplatz Deutschlands ist eröffnet

Am 24. Juni 2020 war es endlich soweit. Pünktlich zu den Sommerferien wurde der neue Steinzeitspielplatz direkt gegenüber dem Neanderthal Museum eröffnet. Der Spielplatz ist Teil des „Masterplan Neandertal“, dessen Ziel es ist die Attraktivität des Tals für Museumsbesucher, Naherholungssuchende und Touristen zu steigern.

Kinder auf dem Steinzeitspielplatz
Der neue Steinzeitspielplatz am Neanderthal Museum ist eröffnet.

Nach 3 Jahren Baustelle, die für uns und unsere Besucher doch einige Einschränkungen mit sich brachte, freuen wir uns über das tolle Ergebnis. Es ging immer gut voran auf der Baustelle, somit konnte der Zeitplan letztendlich eingehalten werden. Wir sind froh, dass sich die Parkplatzsituation wieder ein bisschen entspannt und es ab sofort wieder mehr Parkplätze vor unserem Haus gibt.

Trotz allem gibt es nicht so viele Parkplätze wie vor der Baustellenphase. Deshalb wird der Shuttle-Service an Sonn- und Feiertagen weiterhin angeboten und auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Neanderthal Museum gut zu erreichen. Wir genießen das bunte Treiben direkt vor unserem Haus und hoffen, dass unsere kleinen Gäste Spaß daran haben sich nach oder vor dem Museumsbesuch dort auszutoben. Die Kombination aus Museum, Spielplatz, eiszeitlichem Wildgehege, Restaurant und Wandermöglichkeiten ist für einen Familienausflug einfach ideal.

Baustelle am Neanderthal Museum
3 Jahre lang gab es die große Baustelle am Neanderthal Museum.

Direkt gegenüber des Neanderthal Museums befindet sich jetzt eine einmalige Abenteuer-Erlebniswelt, inklusive Wasserspiel. Auf 2250 Quadratmeter Spielfläche ist ein einzigartiger Steinzeit-Abenteuerspielplatz entstanden, auf dem sich Verbindungen zu Urzeit und Neanderthaler knüpfen lassen. Die geschwungene Brücke verbindet, über den Mettmanner Bach führend, auf einer Strecke von etwa 34 Metern das Neanderthal Museum mit dem Steinzeitspielplatz. Das zweite Anschlussstück über die Düssel misst etwa 22 Meter und leitet euch barrierefrei Richtung Parkplatz. 

Etwa 4 Millionen Euro hat das Gesamtprojekt „Abenteuerspielplatz“ gekostet. Davon hat das Land etwa 930.000 Euro an Fördermitteln für die Renaturierung der Fließgewässer beigesteuert. Zum Ausgleich von Eingriffen in die Landschaft wurden 2300 Pflanzen gesetzt und 16 Bäume gepflanzt.

Kunstweg Evolutionsreihe vor dem Klettergerüst
Das Kunstwerk “the man who never ceased to grow” ist Teil des Kunstweges MenschenSpuren im Neanderthal.

Die urzeitliche Gestaltung regt die Phantasie an und bietet viel Raum zum Entdecken. Die überdimensionalen steinzeitlichen Stoßlanzen sind Nachbildungen von Originalfunden aus der Zeit des Neanderthalers. Alle Spielgeräte sind schlicht gehalten, es wurden natürliche Rohstoffe wie Robinienholz und Kalkstein verwendet. Zusätzlich deuten teilweise versteckte kleine Malereien auf die Kultur des Neanderthalers hin. Passend dazu haben wir unser SteinzeitActionPack für Kinder neu aufgelegt. Neben der neuen plastikfreien Verpackung gibt es ab sofort auch eine zusätzliche Station auf dem Steinzeitspielplatz. So werdet ihr nicht nur im Museum, sondern auch draußen auf dem Gelände zu echten Steinzeitforschern.

SteinzeitActionPack im Stoffbeutel
Das SteinzeitActionPack könnt ihr an der Museumskasse kaufen. Damit werdet ihr selbst zu echten Steinzeitforschern.

Für die Jüngsten bis zum sechsten Lebensjahr gibt es eine große Fläche als so genannte Treibholzlandschaft – mit Zitterbalken und Wasser. Pavillons, Steine und Baumstämme dienen als Ausruhplätze. Der wohl imposanteste Hingucker ist der Pfahllanzenturm, dessen höchste Spitze 9,50 Meter in den Himmel ragt. Eine Rutsche führt hinunter, Seile und Netze erhöhen den Kletterspaß. In der Bärenhöhle gibt es außerdem einige Höhlenmalereien zu entdecken.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Toben und Klettern!

Schaukeln und großes Klettergerüst auf dem Steinzeitspielplatz
2250 Quadratmeter Spielfläche umfasst der neue Steinzeitspielplatz.

Tierischer Zuwachs im Neanderthal Museum: Bienenstöcke auf dem Museumsdach

Seit Ende März dürfen wir uns über neue summende Mitbewohner auf dem Museumsdach freuen. Auf dem Museumsdach wohnen jetzt tatsächlich Honigbienen!

Die Idee gab es schon vor einigen Jahren, als der Imker Herr Peters auf der Suche nach neuen Plätzen für seine Bienen war. Den Honig von Herrn Peters als TYPISCH neanderland Produkt verkaufen wir nämlich schon seit einiger Zeit im Museumsshop. Scheinbar eignet sich unser Dach wunderbar als Wohnort für Bienen und somit ließ sich die Idee dieses Jahr schließlich umsetzen.

Zwei Bienenstöcke auf dem Dach des Museums.

Herr Peters kümmert sich immer montags um die Bienen, wenn das Museum geschlossen ist. Wir hoffen die kleinen Tiere fühlen sich bei uns wohl und genießen die Umgebung im grünen Neandertal. 🙂

Bienen stehen übrigens nicht auf Kaffee, Kuchen und Mortadella. Ihre Leibspeise sind Pollen. Sie sind ein geselliges Volk und leben gerne auf engem Raum mit ihren Artgenossen zusammen. Im Winter leben sie als Volk mit ca. 20.000 Bienen zusammen. In dieser Zeit ernähren sie sich von Honigvorräten und von Zuckerwasser, dass sie von ihrem Imker Helmut Peters bekommen. 

Im Sommer leben sie sogar mit 50.000 Kollege*innen und ihrer Königin zusammen. Die Arbeiterinnen halten den Bienenstock sauber und sammeln fleißig Pollen. Der Job der Drohnen besteht darin eine Königin zu befruchten. 

Bienen haben einen beeindruckenden Körper, der so einiges kann: Mit ihren Hinterbeinen sammeln sie Pollen und mit den Flügeln können sie nicht nur durchschnittlich 24 km/h schnell fliegen, sondern sogar Wärme erzeugen oder den Bienenstock kühlen. Die Facettenaugen ermöglichen es ihnen ultraviolettes Licht zu sehen. Dafür sind sie rotblind und nehmen die Farbe Rot als Schwarz wahr.

Seitdem das Museumscafe wieder geöffnet hat, könnt ihr die Bienenstöcke von der Dachterrasse aus sehen und sie beobachten. Wenn ihr noch mehr über die Bienen und den Honig erfahren wollt, könnt ihr euch direkt an den Imker, Helmut Peters, von der Honigmanufaktur Neanderthal wenden.

2020 ist noch nicht vorbei! Kommende Highlights im Neanderthal Museum

Auch wenn wir aufgrund der Coronakrise momentan leider keine Besucher*innen im Museum empfangen dürfen, hoffen wir sehr, dass sich das bald wieder ändern wird. Wir überbrücken die Zeit mit Blogbeiträgen, digitalen Angeboten gegen Langeweile und Aktionen auf unseren social media Kanälen. Allerdings können wir das Programm nicht digital ersetzen, sondern nur weiter Aufmerksamkeit für das Museum generieren.

Aus diesem Grund richten wir unseren Blick optimistisch in die Zukunft, denn das Jahr ist noch lange nicht vorbei. Auch wenn wir die kommende Sonderausstellung “CATS – Eiszeitliche Räuber” leider absagen mussten, erwarten uns bzw. euch im Laufe des Jahres noch einige Highlights.

Die aktuelle SonderausstellungGladiatoren – Helden der Arena” wird bis zum 30. August verlängert! Es gibt also auch noch in den kommenden Wochen die Möglichkeit, in die Welt der Gladiatoren und Römer einzutauchen. Wie und wann entwickelte sich die Gruppe der Gladiatorenkämpfer? Wer konnte Gladiator werden und wie lebten sie? Diese und viele weitere Fragen beantwortet die beeindruckende Schau mit originalen römischen Fundstücken und wissenschaftlich fundierten Rekonstruktionen. 

Alle Gladiatoren Fans, die nicht mehr länger warten möchten, sollten jetzt schon auf unserem YouTube Kanal vorbeischauen. Dort zeigt euch die Kuratorin der Sonderausstellung, Carina Bammesberger, wie ihr eine Toga bindet, römische Frisuren flechtet oder einen Lorbeerkranz bastelt. Das funktioniert garantiert gegen Langeweile. 🙂

Tutorials passend zu unserer Sonderausstellung “Gladiatoren – Helden der Arena” gibt es auf unserem YouTube Kanal.

Außerdem erwarten wir mit großer Spannung und Vorfreude das wohl beste Highlight in diesem Jahr: Die Eröffnung des neuen Steinzeit-Spielplatzes direkt vor dem Neanderthal Museum! Bereits seit Wochen können wir die Umbauten und Fortschritte bei den Bauarbeiten mitverfolgen. Im Sommer ist es dann hoffentlich soweit, vor oder nach dem Museumsbesuch können sich ab sofort Kinder (und Erwachsene) auf dem Spielplatz austoben. Auch unser SteinzeitActionPack wird um eine Station erweitert, somit gibt es auch auf dem neuen Spielplatz einiges zu entdecken.

Die Bauarbeiten für den Steinzeit-Spielplatz laufen auf Hochtouren.

Leider steht nun auch fest, dass unser alljährliches Museumsfest und das Evolutionfestival dieses Jahr nicht stattfinden kann. Wir behalten das bunte Treiben an zwei heißen Sommertagen im letzten Jahr in schöner Erinnerung und freuen uns umso mehr auf das Museumsfest 2021. Mit Sicherheit finden wir in diesem Sommer einen Weg euch trotzdem kleine steinzeitliche Mitmachaktionen zur Verfügung zu stellen. Das findet dann einfach im heimischen Wohnzimmer oder Garten statt.

Abschließend wird das Jahr 2020 im Neanderthal Museum mit einer tollen Sonderausstellung für die ganze Familie beendet. Ab dem 21. November zeigen wir die Ausstellung “PLAYMOBIL – Archäologische Zeitreise”. Mit Figuren aus der größten deutschen PLAYMOBIL-Sammlung entwickelt Oliver Schaffer eine außergewöhnliche Ausstellung und nimmt uns mit auf eine spannende Zeitreise. Speziell für das Neanderthal Museum kreiert Oliver Schaffer unter anderem einzigartige steinzeitliche PLAYMOBIL-Schaulandschaften. Spielen erwünscht!

©Oliver Schaffer

Wir freuen uns, wenn ihr im Laufe des Jahres den Weg zu uns findet und das Museum wieder mit Leben füllt. Bis dahin, bleibt gesund!

Ohne Klopapier überleben – wie haben Menschen in der Steinzeit “ihr Geschäft beendet” ?

In Zeiten der Coronakrise kommt es in Deutschland vermehrt zu Hamsterkäufen. Dabei steht wohl besonders das Klopapier im Mittelpunkt und landet bei den meisten Menschen direkt in mindestens dreifacher Menge im Einkaufswagen.

An dieser Stelle muss wohl nochmal betont werden, dass es absolut keinen Anlass dafür gibt. Die Bundesregierung stellt klar, dass die Versorgung in Deutschland gesichert ist. Die Mitarbeiter*innen in den Supermärkten kommen mit dem Regale Einräumen gar nicht hinterher, und viele Menschen können es sich überhaupt nicht leisten, einen großen Vorrat zu kaufen. Solidarität steht hierbei wohl nicht an erster Stelle.

Mammut Plüschtier und Klopapier

Auch wir möchten euch dazu ermutigen, mit Bedacht einzukaufen, Vorräte sinnvoll einzuteilen und vor allem die Produkte der “modernen Welt” wertzuschätzen. Eines haben wir unseren Vorfahren nämlich definitiv voraus: Das Phänomen von Hamsterkäufen und Klopapier-Engpässen blieb den Neandertalern damals erspart. 😉 Warum wir vier- bis fünflagiges Klopapier mit geprägtem Blümchenmuster und Duftstoffen horten, lässt sich mit Sicherheit psychologisch erklären. Wenn es also aufgrund von Hamsterkäufen zu Engpässen in manchen Haushalten kommt, kursieren mittlerweile schon einige kreative Ideen, wie es sich auch ohne Klopapier leben lässt.

Bild von Markus Distelrath auf Pixabay

Papier war in der Steinzeit ein Fremdwort. Alles was man zum leben brauchte, gab es in der Natur. Leider erhält sich aus organischen Materialien in archäologischen Befunden selten etwas. Es wäre möglich, dass die Neandertaler Pflanzen zum Poabwischen verwendet haben oder es fand sich bei Gelegenheit einfach etwas Wasser zum Waschen. 🙂 Es wird vermutet, dass die Pestwurz als “Klopapier der Steinzeit” verwendet wurde. Mit ihren großen, tellerförmigen Blättern bietet die Pflanze gute Voraussetzungen. Wissenschaftlich belegt ist diese These jedoch nicht.

Körperhygiene wird es in der ein oder anderen Form wohl gegeben haben. Die Menschen in der Steinzeit haben mit Flintmessern Bart- und Haarpflege betrieben, Nägel wurden auf rauher Steinoberfläche gefeilt und Bärenfett diente als Lippenpflege. Für spätere Zeiten (römisch und frühmittelalterlich) sind Hygieneartikel wie Pinzetten und Ohrlöffelchen aus Metall und Läusekämme aus Knochen belegt.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Erfindung des Klopapiers und bequemes aufs Klo gehen!

Junggesellenabschied im Neanderthal Museum

Ihr seid auf der Suche nach einem ganz besonderen Programm für den nächsten Junggesellenabschied? In Düsseldorf gibt es zahlreiche Aktivitäten, die dir und deinen Freunden oder Freundinnen einen spaßigen und feucht-fröhlichen Tag ermöglichen. Wenn ihr jedoch keine Lust auf Limousine, Bierbike oder Gedränge in der Altstadt habt, seid ihr bei uns genau richtig.

Ab sofort könnt ihr euren Junggesellenabschied nämlich im Neandertal feiern!  Neben unseren Outdoor Programmen und Erlebnisführungen für Gruppen kommt jetzt also der Junggesellenabschied rund um das Thema Steinzeit. Action, Spiel und Spaß erwarten euch bei der Steinzeit-Challenge für Team Braut oder Team Bräutigam. Den Abend könnt ihr natürlich immer noch in der Düsseldorfer Altstadt verbringen, denn in nur 15 Minuten seid ihr mit der S-Bahn am Museum.

Das ist eure Chance die Braut oder den Bräutigam herauszufordern und ihnen ein unvergessliches Erlebnis zu schenken. Vor Ort müsst ihr euch um nichts kümmern. Die komplette Organisation übernimmt eure persönliche Eventleitung.

Junggesellinnenabschied: Steinzeit-Challenge Team Braut

Die Braut erhält das passende Steinzeit-Outfit, und gemeinsam fertigt ihr aus Leder, Federn und Perlen einen schönen Haarschmuck an. Und dann geht’s los: Mal alle zusammen, mal in kleinen Teams ge­geneinander, mal jede gegen jede, aber auf jeden Fall mit sehr viel Spaß, begebt ihr euch auf Schatzsuche, lasst die Pfeile fliegen und entzündet nach steinzeitlicher Manier ein Feuer. Mit der von uns bereitgestellten Instax-Kamera könnt ihr die besten Momen­te zusätzlich festhalten.

Ein Glas Sekt und ein Insektensnack pro Person sind inklusive.

Alle Infos zum Junggesellinnenabschied gibt es hier.

Junggesellenabschied: Steinzeit-Challenge Team Bräutigam

Bogenschießen, Stein-Hochwurf, Speerschleuder werfen – wer schlägt sich in der Steinzeit am besten? Der Bräutigam erhält das passende Steinzeit-Outfit und dann geht’s los: In kleinen Teams tretet ihr gegeneinander an und testet eure Talente in verschiedenen Disziplinen. Wer hat bei dem Steinzeit-Battle die Nase vorn?

Eine Flasche Neanderthaler Landbier und ein Insektensnack pro Person sind inklusive.

Alle Infos zum Junggesellenabschied gibt es hier.

Für den Junggesellenabschied seid ihr mit einer Teamgröße von 4 bis zu 30 Personen flexibel.

Dauer: 2,5 Stunden
Kosten: 18,80 € p.P. (bei 30 Personen)
Buchungen über buchung@neanderthal.de , Tel.: 0 21 04 – 97 97 15

Wenn euch keines der beiden Programme zusagt, habt ihr natürlich immer noch die Möglichkeit Programme wie Steinzeit-Bubblen oder Steinzeit mit GPS für euren Junggesellenabschied zu wählen. Das Wichtigste ist doch, dass der Junggesellenabschied zu Braut und Bräutigam passt und ihr eine tolle Zeit zusammen habt.

KulturScouts auf Spurensuche

Kriminalbiologie im Neanderthal Museum – Schüler und Schülerinnen der Städtischen Erich-Fried-Gesamtschule Ronsdorf aus Wuppertal machen sich als KulturScouts auf forensische Spurensuche.

Schüler/innen der Städtischen Erich-Fried-Gesamtschule
© KulturScouts Bergisches Land

Paläoanthropologie? Was dieser Begriff bedeutet, konnten 27 junge KulturScouts, Schülerinnen und Schüler der Erich-Fried-Gesamtschule aus Wuppertal jetzt im Rahmen des Projektes „KulturScouts Bergisches Land“ bei dem Workshop „KRIMINALBIOLOGIE mit anthropologischen Methoden der Vergangenheit auf der Spur!“ des Neanderthal Museums erfahren. Bei der einstündigen erlebnisorientierten Führung durch die faszinierenden Ausstellungsräume erhielten sie einen Einblick in die Menschheitsgeschichte, danach ging es nach einer kurzen Pause in die Steinzeitwerkstatt zum Workshop.

© KulturScouts Bergisches Land

Das Neanderthal Museum ist eines der modernsten Museen Europas und erzählt die Geschichte der Menschheit von den Anfängen in den afrikanischen Savannen vor mehr als vier Millionen Jahren bis in die Gegenwart. Gefallen fanden die KulturScouts der Erich-Fried-Gesamtschule während der Führung besonders daran, ein kleines Funkenfeuer mitten in den Ausstellungsräumen zu beobachten und mit einem Drillbohrer (ein Steinzeitbohrer, der genauso gut bohrt wie eine elektrische Bohrmaschine) Löcher entstehen zu lassen. In der Steinzeitwerkstatt hieß es nach einer kurzen Einführung in die Kriminalbiologie in Kleinteams jeweils einen eigenen Kriminalfall zu lösen. Anhand von Knochenüberresten mussten die KulturScouts das Geschlecht, das Alter, die Körpergröße sowie vorhandene Verletzungen bzw. Todesursachen analysieren und die Ergebnisse anschließend in einer Pressekonferenz vorstellen. 

© KulturScouts Bergisches Land

Am Ende des Tages waren sich die KulturScouts von der Erich-Fried-Gesamtschule einig: „Die Neandertaler waren ganz schön klug! Was wir uns alles abgeguckt haben!“ Der Besuch bleibt für sie eine Erfahrung, bei der sie viel Neues erlebt haben. Auch der begleitende Lehrer zeigte sich begeistert: „Hier haben wir von einem sehr facettenreichen und interaktiven Angebot profitiert!“. Und dass Paläoanthropologie die Wissenschaft vom vorzeitlichen Menschen ist, haben die KulturScouts am Ende des Tages interaktiv erfahren dürfen.

© KulturScouts Bergisches Land

Das Konzept der KulturScouts

Das Projekt KulturScouts wendet sich an Klassen der Sekundarstufe I aller Schulformen. „Die Praxis und das eigenständige Ausprobieren stehen dabei im Vordergrund“, betont die Projektkoordinatorin Jana Schlote. Das Format bietet im vierten Jahr ein bewährt vielfältiges Programm, das sich leicht in den Unterricht integrieren lässt. „Dadurch, dass alle Angebote an den Lehrplan anknüpfen, profitieren sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte“, freut sich Jana Schlote.

Für die Mobilität der KulturScouts sorgen erneut die Verkehrsverbünde VRS und VRR und die ihnen angeschlossenen Verkehrsunternehmen.

© KulturScouts Bergisches Land

Die Geschäftsstelle der KulturScouts ist an das Kulturbüro des Rheinisch-Bergischen Kreises angegliedert. Getragen werden die KulturScouts Bergisches Land in enger Zusammenarbeit gemeinsam durch den Rheinisch-Bergischen Kreis sowie den Kreis Mettmann, den Oberbergischen Kreis und die Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal. Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW fördert die „KulturScouts Bergisches Land“. Neben den sechs beteiligten Kreisen und Städten unterstützen die folgenden Förderer finanziell das vierte Projektjahr: Dr. Jürgen Rembold Stiftung, Kultur- und Umweltstiftung der Kreissparkasse Köln, Bürger für uns Pänz e.V. sowie die Initiative der Ordensträgerinnen e. V.

Das aktuelle Programm und weitere Informationen zu den KulturScouts finden Sie auf der projekteigenen Webseite unter www.kulturscouts-bl.de.

Projekt Paläolithikum im Rheinland – Sammler als ehrenamtliche Stützen der Archäologie

Am 5. Oktober findet der nächste Bestimmungstag im Neanderthal Museum statt. An diesem Tag habt ihr die Möglichkeit eure steinzeitlichen Funde von Forschern bestimmen zu lassen. Um jetzt schon einen kleinen Einblick zu bekommen, berichten wir euch vom aktuellen Projekt Paläolithikum im Rheinland, bei dem mehrere Tausend Funde eines Privatsammlers überprüft werden.

Das Projekt ist in der zweiten Phase: Überprüfung der Funde vor Ort, derzeit im Magazin des Rheinischen Landesmuseums Bonn (RLMB).
Um zu Beginn erst einmal die Vorgehensweise am Material selbst zu testen, bot sich eine kürzlich vom RLMB erworbene und noch nicht inventarisierte Privatsammlung an, die außer sehr vielen jüngeren Funden auch einige paläolithische Fundstellen enthält.

Eine der mit Steinartefakten prall gefüllten Fundkisten im Magazin des RLMB.

Ein kleiner Schock war allerdings der Umfang: es handelt sich um etwa 50.000 Funde, die in Kistenstapeln auf insgesamt vier Europaletten im Magazin abgelegt waren. All diese Funde hat der Sammler in etwa 40 Jahren kontinuierlicher Tätigkeit zusammengetragen, fein säuberlich beschriftet und nach Fundorten dokumentiert. Diese außergewöhnliche Sammlung ist der Anlass, hier einmal kurz die Bedeutung der Privatsammler für die prähistorische Archäologie hervorzuheben.

Einer der vielen heute noch ehrenamtlich tätigen Sammler bei seiner liebsten Beschäftigung.
© M.Baales/LWL

Nicht erst seit den Indiana Jones-Filmen ist für viele von uns die Archäologie eine Beschäftigung von wenigen hochspezialisierten und manchmal etwas weltfremden Wissenschaftlern, die zumeist im Auftrag staatlicher Organisationen an exotischen Fundorten auf der ganzen Welt auf ‚Schatzsuche‘ sind, auch wenn es sich nicht zwangsläufig immer um materiell wertvolle Schätze handelt.

Dabei tritt völlig in den Hintergrund, dass die europäische Geschichte der Archäologie vor der eigenen Haustür mit dem Sammeln von Kuriositäten überhaupt erst begonnen hat.
Es war nämlich ein französischer Zollbeamter, Jacques Boucher de Crèvecœr de Perthes, der in seiner offenbar reichlich bemessenen Freizeit um 1830 merkwürdig geformte Steine in den Schottern der Somme im nordfranzösischen Abbéville aufsammelte und vermutete, dass es sich wohl um vor langer Zeit vom Menschen bearbeitete Steinwerkzeuge handeln müsse. Als zusammen mit diesen Steinen auch noch Knochen von „vorsintflutlichen“ ausgestorbenen Tieren gefunden wurden, wurde ganz allmählich offenbar, vor wie langer Zeit das geschehen sein musste. So wurde ein sammelnder Zollbeamter zum Begründer der prähistorischen Archäologie.

Jacques Boucher de Crèvecœr de Perthes (1788-1868), Zolldirektor, Sammler und ‚Vater‘ der prähistorischen Archäologie.
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Heutzutage hat sich die prähistorische Archäologie professionalisiert und ist als Studienfach an gar nicht so wenigen Universitäten zu erlernen. Aber immer noch, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, gehen Amateure (auf Deutsch: Liebhaber) mit aufmerksamem Blick auf den Boden über die Felder vor ihrer Haustür und machen täglich kleinere oder größere Funde, ganz so wie Boucher de Perthes vor nun fast 200 Jahren. Das Sammeln von Steinwerkzeugen von der Oberfläche ist generell erlaubt und wenn die Funde der Bodendenkmalpflege gemeldet werden, verbleiben sie auch meist im Besitz der Sammler.

Ein Faustkeil aus den Schottern der Somme mit eigenhändiger Beschriftung von de Perthes, den er an Edouard Lartet verschenkte.
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Für die staatliche Bodendenkmalpflege sind diese Aktivitäten von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Zwar unternimmt sie selbst auch immer wieder Feldbegehungen zur Begutachtung von Flächen, die von Baumaßnahmen und potentieller Zerstörung bedroht sind, kann das aber in der Regel nur ein- oder maximal zweimal tun, bevor sie eine Entscheidung für immer treffen muss. Sammlungen von Amateuren, die in der Regel über viele Jahre immer wieder das gleiche Feld begangen haben, sind da allein aufgrund ihres Umfangs erheblich aussagekräftiger als die kleinen Serien, die die professionelle Bodendenkmalpflege bei einer oder zwei Begehungen eines Feldes finden kann. Die privaten Sammlungen können also wertvolle Hinweise liefern, in welchem Umfang wo mit welchen Funden zu rechnen ist – und das ganz umsonst. Voraussetzung ist eine minimale Dokumentation der Funde, die insbesondere den genauen Fundort und heutzutage im optimalen Fall die GPS-Koordinaten des einzelnen Funds umfassen sollte.

Daniel Schyle

Kleine sächsische Klimageschichte in 3 Akten

Es ist wieder Zeit für den #ArchaeoSwap, jenen Tauschtag, an dem archäologische Museen in ganz Deutschland ihre Social-Media-Kanäle swappen – also tauschen – und so auf ein ganz anderes Publikum treffen als sonst. In diesem Jahr wurde hinter den Kulissen für eine thematische Begrenzung gestimmt: es soll um den Klimawandel gehen. Was haben archäologische Museen zum Thema Klimawandel bzw. Klimakrise beizutragen? Eine ganze Menge wie wir im folgenden Drama zeigen wollen. Heute bespielen wir, das staatliche Museum für Archäologie in Chemnitz – kurz: smac – die Kanäle des Neandertal Museum in Mettmann. Vorbereitet haben wir ein ganz klassisches dreiteiliges Drama, das sich durch die drei Etagen unserer Dauerausstellung arbeitet, mit einer ebenso klassischen Katastrophe am Ende.

ERSTER AKT: EXPOSITION (DIE VORAUSSETZUNGEN)

Unsere kleine sächsische Klimageschichte beginnt 1844 mit einem Mann, den es friert. Es ist Bernhard von Cotta, ein Geologe der sich mit zwei Kollegen auf die Suche nach Beweisen macht, dass Teile des heutigen Sachsens einst von riesigen Gletschermassen bedeckt gewesen sind. Diese Idee hatte sich seit Beginn des Jahrhunderts langsam in der Geologie verfestigt und 1844 wurden die Männer bei Wurzen fündig. Rillen und Ritzungen an Felsen identifizierten sie als Gletscherschliffe, also Zeugnisse für die Bewegung der Eismassen auf Gestein. Alles begraben unter Eis? Cotta notiert: „Sollten die nordischen Gletscher wirklich von den Skandinavischen Bergen bis an die Wurzner Hügel gereicht haben? Mich friert bei dem Gedanken!“

Es brauchte noch drei weitere Jahrzehnte, bis der Gedanke von einer Zeit weit über die eigene Vorstellungskraft und die biblische Schöpfungsgeschichte hinaus in den Köpfen einen Platz fand.

Als das Mammut noch in Sachsen lebte. Im Vordergrund links ein Backenzahn aus dem Fundgebiet Markkleeberg | © smac, LfA

Zeitsprung. Es ist 350.000 Jahre vor heute. Die Gletscherzungen der riesigen nordeuropäischen Eismasse reichen bis in die heutigen Gegenden von Pirna, Chemnitz und Zwickau. Südlich des Eises breitet sich eine nahezu baumlose, als Mammutsteppe bezeichnete, Landschaft mit Gräsern und Kräutern aus. Mammuts, Bisons, Rentiere, Wollnashörner und eine Vielzahl von Kleinsäugern bevölkern den Lebensraum während dieser Kaltzeit, die Elsterkaltzeit genannt wird. Ihr werden zwei weitere Kaltzeiten folgen, deren Eisrandlagen sich schrittweise nach Norden verschieben. Während der Saalekaltzeit vor etwa 250.000 Jahren reichen sie nur noch bis zur Linie Bautzen-Dresden-Grimma und während der Weichselkaltzeit vor ca. 115.000 Jahren wird die Grenze des heutigen Sachsens bereits knapp verfehlt, die letzten Ausläufer liegen nördlich von Cottbus.

Klimaforschung im smac. Eisbohrkerne geben Aufschluss über den Verlauf großerer Klimaanderungen der letzten 600.000 bis 800.000 Jahre. | © smac, LfA

In einem sehr weiten Rahmen betrachtet, befinden wir uns aktuell also in einer Warmzeit, die mit dem Rückzug der letzten Eismassen vor 12.000 Jahren begann und bis heute anhält.¹ In diesem weiten Rahmen muss auch die Geschichte der Menschheit betrachtet werden, denn die Gattung Homo gibt es seit 2 Millionen Jahren, wir sind so gesehen Kinder der Eiszeit, wenngleich wir erst nach dem Ende der Kaltzeiten unseren Siegeszug antraten. Seitdem hat sich das Ökosystem zu der Form entwickelt, die wir heute vor der Haustür haben. Aus der Steppe wurde Wald. Die in großen Herden umherwandernden Pflanzenfresser wie Rentier oder Pferd, welche die Lebensgrundlage der eiszeitlichen Menschen darstellten, verschwinden. In weiten Teilen des heutigen Sachsens verändern sich so Klima und Lebensraum für Tier und Mensch erheblich. Was bedeutet das? Und woher wissen wir das so genau?

Klimakurve und Einfluss des Menschen| © smac, LfA

In einem Zeitalter häufiger und extremer Klimaschwankungen muss der Neandertaler flexibel sein. Je nach Klimagunst oder –ungunst besiedelte er bestimmte Gebiete oder zog sich wieder zurück. Vor allem im Norden Sachsens finden sich seine Spuren. Als es mit dem Ende der Weichselkaltzeit zu einer dauerhaften Klimaerwärmung der nördlichen Hemisphäre kommt, verändert sich auch die Umwelt entscheidend. Die Lebenswelt der Menschen ist nun dicht bewaldet, eine Sicht über weite Entfernungen gibt es nicht mehr. Die Kommunikation untereinander, das rechtzeitig Erkennen von Feinden, veränderte Jagdvoraussetzungen ein angepasster Speiseplan sind die Folgen.

Ganz konkret lassen sich neue Werkzeuge zur Bearbeitung von Bäumen wie Steinbeile oder Äxte in den Fundgebieten nachweisen. Besonders um Rochlitz, im Gebiet der Mulde zwischen Wurzen und Trebsen, entlang der Elbe sowie gehäuft in der nördlichen Oberlausitz sind Siedlungsspuren zu finden. Die zur Jagd in der offenen Tundra geeignete Speerschleuder wurde am Ende der Eiszeit nach und nach von Pfeil und Bogen ersetzt, denn auf dem Speiseplan steht nun Standwild wie Hirsch, Reh oder Elch.

Modell des altsteinzeitlichen Siedlungs-/Werkplatzes von Markkleeberg | © smac, LfA

Es ist 280.000 Jahre vor heute: an einem Flussufer im heutige Markleeberg (Lkr. Leipzig) leben über einen längeren Zeitraum kleine Gruppen von altsteinzeitlichen Sammlern und Jägern, vielleicht eine frühe Form des Neandertalers. Die zweite Kaltzeit (Saalekaltzeit) bricht langsam an. Von ihrem Alltagsleben haben sich nur Steinartefakte erhalten, Steinwerkzeuge und der Abfall der Herstellungsprozesse zeugen von geschickten Vorfahren.

ZWEITER AKT: ENTWICKLUNG

Die Zeit des Umbruchs von der Jäger- und Sammlerwirtschaft mit mobiler Lebensweise hin zu Getreideanbau und Tierhaltung und der Entstehung erster Siedlungen nennen wir „Neolithisierung“. Dieser tiefgreifende Wandel der Lebensweise der Menschen kommt als Ideengut aus der Region des Fruchtbaren Halbmondes über einen langen Zeitraum nach Mitteleuropa. In Sachsen erreichten um 5500 v.Chr. die ersten Siedler zunächst das Dresdner Elbtal. Wir nehmen an, dass es ein friedliches Nebeneinander von Neuankömmlingen und einheimischer Bevölkerung war. Durch Pollenproben aus ergrabenen Brunnen dieser Zeit kann man den Beginn der Landwirtschaft für diesen Zeitraum nachweisen. Den Lebensraum der Menschen müssen wir uns als einen „Flickenteppich aus Siedlungen, landwirtschaftlich genutzten Garten und kleinen Feldern am Rande von dicht bewaldeten Auen oder auch inmitten der weit verbreiteten Eichenmischwälder vorstellen“.²

Modell einer Siedlungslandschaft zur Zeit der Stichbandkeramik um 4700 v. Chr. in Dresden-Nickern. | © smac, LfA

Die ersten wirklich sesshaften Bewohner Sachsens leben in aus heutiger Sicht unverhältnismäßig großen Häusern, die an sich bereits ein Statement sind. Sie stehen dafür, dass sich der Mensch erstmals nicht der Natur unterwarf, sondern diese nachhaltig gestaltete und beeinflusste. Für die Felder und Siedlungen wurden Wälder gerodet. Aus archäologischen Grabungen wissen wir, dass die 6 Meter breiten und zwischen 25 und 50 Meter langen (!) Häuser deutlich mehr Holz verbaut wurde, als statisch gesehen notwendig gewesen wäre. Die vermutlich dreigeteilten Gebäude verfügten über Eingangs- bzw. Lagerbereich, gedämmtem Wohnbereich und einem luftigeren, kühleren Bereich im hinteren Teil.

Modell eines massiven Langhauses. | © smac, LfA

In der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. wandeln sich die Siedlungen, die Häuser werden kleiner, genaue Grundrisse sind schwerer nachzuweisen, da da die Spuren weitaus unscheinbarer sind. Der Platz wird nun für Äcker und Weideflächen gebraucht. Die zyklische Verlagerung der Flächen und eine mobilere Lebensweise brauchen deutlich mehr Raum, der Eingriff in die Natur wird größer.

Mit dem Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. fasst eine neue Ideenwelt Fuß, die wir Becherkulturen beschreiben können. Vor allem archäologische Funde aus Gräbern dieser Zeit geben uns einen Einblick in die Lebenswelt. Es finden sich nun Waffen in den Gräbern, die Toten weisen Wunden auf. Gibt es kriegerische Auseinandersetzungen? Becher und zum Teil nachweisbare Alkoholrückstände an ihnen weisen auf rituelle Trinkhandlungen hin. Metallschmuck und Dolche und Beile aus Kupfer zeugen vom Abbau von Erz und den Kenntnissen der Verarbeitung. Pflugbau lässt sich nachweisen. Der Mensch wird effektiver und nutzt Rinder als Zugtiere. Insgesamt scheint die Lebenswelt komplexer zu werden. Um 3500 v.Chr. wird außerdem eine drastische Klimaverschlechterung angenommen, die als „vorbronzezeitliche Abkühlung“ technische, wirtschaftliche und soziale Veränderung zusätzlich beschleunigt haben könnte.

Bronzetasse Königswartha | © smac, LfA

Die Bronzezeit ab 2300 v.Chr. steht ihrem Namen nach für die Umwelt gesehen ganz im Zeichen des sich entwickelnden Bergbaus. Für Sachsen wird eine Nutzung des Zinnvorkommens im Erzgebirge ab der jüngeren Bronzezeit vermutet, darauf weisen Funde mit bronzezeitlicher Keramik im Bereich einer Zinnseife bei Johanngeorgenstadt. Nach langer Suche konnte jüngst erstmals auch frühbronzezeitlicher Kupferbergbau im Erzgebirge nachgewiesen werden. Aus einem glockenbecherzeitlichen Grab (um 2300 v.Chr.) eines Tagebauschmieds südlich von Leipzig sind neben Schleif- und Ambossteinen auch die ältesten Goldfunde, drei winzige Scheiben aus feinem Goldblech, erhalten.

Der Siegeszug des neuen Werkstoffes ist vorprogrammiert: Er lässt sich nahezu beliebig zu Waffen und Werkzeugen formen, seine Optik ist im Vergleich zu Stein wesentlich hochwertiger und noch viel wichtiger: Metall ist ein ideales Wertaufbewahrungsmittel. Seine Gewinnung und Verarbeitung jedoch geht mit einer erheblichen Belastung der Natur einher.

DRITTER AKT: KATASTROPHE

Unsere kleine Klimageschichte hat sich inzwischen am Menschen und seinen immer größer werdenden Eingriffen und Forderungen in/an die Natur hochgeschaukelt. Wir befinden uns nun kurz vor dem Höhepunkt dieses Dramas und lassen notgedrungen Aspekte im Flug der Zeit an uns vorbeirauschen.

Wir springen in die Zeit des „Großen Landesausbaus“ in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Bisher ist Sachsen in einem breiten Streifen des Erzgebirges, Erzgebirgsvorlandes, Vogtlandes und Lausitzer Berglandes nahezu unbesiedelt. Keinerlei Spuren menschlicher Besiedlung von der Steinzeit bis ins hohe Mittelalter in einem Gebiet, das in der folgenden Zeit die Geschichte des heutigen Sachsens erheblich prägen wird. Noch im 13. Jahrhundert wird das Land bis in die Kammlagen aufgesiedelt. Grundlage dafür ist wohl auch das hochmittelalterliche Klimaoptimum, das die Bevölkerung wachsen lässt und Landwirtschaft im eher unwirtlichen Erzgebirge erst ermöglicht. Ab 1168 werden bei Freiberg reiche Silbererze entdeckt. Die kurz darauf gegründete Stadt wächst schneller als jede andere in Sachsen. Doch der Bergbau macht nicht an einem Ort halt. Auf dem Treppenhauer in der Nähe von Frankenberg entsteht eine weitere Bergstadt, die keine zwei Jahrhunderte existiert und nach Erschöpfung der Silbergruben wieder verlassen wird.

Ganz anders lief die Entwicklung Dippoldiswaldes. Niemand wusste davon, dass das beschauliche Erzgebirgsstädtchen einstmals ein Zentrum des Silberbergbaus war, bis 2008 in einem Keller der Boden einbrach und nach und nach ein verzweigtes Gangsystem entdeckt wurde, das Bergleute im 13. Jahrhundert angelegt hatten. Die Untersuchungen dort dauern an und bringen immer wieder neue Erkenntnisse zur frühen Bergbautechnik zutage.

Wir springen zu einem weiteren Mann. 1556 erscheint das Buch XII libri de rei metallica von Georgius Agricola (in späterer deutscher Übersetzung: Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen). Das Werk mit seinen 292 detailgetreuen Holzschnitten wird für zwei Jahrhunderte die Fibel der Bergbauwissenschaft sein. Sachsen hatte sich seit der Entdeckung ergiebiger Silbererzadern 1470 in Schneeberg zum wichtigsten Bergbauterritorium in deutschen Landen entwickelt. Das „Zweite Berggeschrey“ bringt Reichtum einerseits (und auch nicht für alle) und eine tiefgreifende Veränderung der Umwelt andererseits. Agricola selbst geht ausführlich darauf ein. Die „Tadler“ des Bergbaus, so nennt er jene, die den Bergbau als gefährlichen und unwürdigen Eingriff in die Natur verurteilen, erheben schwere Vorwürfe:

Holzschnitt aus dem dritten Buch vom Berg- und Hüttenwesen, S. 58 (Agricola)

“Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet, […] Wälder und Haine werden umgehauen, denn man bedarf zahlloser Hölzer für die Gebäude und das Gezeug sowie um die Erze zu schmelzen. Durch das Niederlegen der Wälder und Haine aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen; durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen sich verschaffen sollen, […] so ist vor aller Augen klar, daß bei dem Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt.” (ebd. Erstes Buch, Seite 6)

„Vor aller Augen klar“ und doch ohne Lösung, denn die präsentiert Agricola schlicht nicht. Die Beeinflussung der Natur mag auf einen Bereich Sachsens beschränkt sein, doch sie ist über- und untertage zum Teil bis heute vorhanden. Angriffsflächen für Erosion durch Wasser und Wind und Eingriffe in das Ökosystem haben dem einst florierenden Bergbaugebiet nachhaltig geschadet.

Modell eines Braunkohlebaus 1:250 | © smac, LfA

Das Zeitalter der Industrialisierung schließlich, hat den Menschen in Sachsen und weit darüber hinaus zu ungeahntem Wohlstand und Macht verholfen. Kohle, Elektrizität, Maschinenbau, Automatisierung. Der Rest ist Geschichte und wir alle kennen diese Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Umwelt ziemlich gut, sie ist hervorragend dokumentiert, Archäologen sind dafür kaum mehr zuständig. Eisenbahnnetze entstehen (und verkümmern im Chemnitzer Fall *wir blicken vorwurfsvoll an dieser Stelle*), Chemnitz als sächsisches Manchester. Schornsteine.

März im Jahr 2019. Vor den Foyerschaufenstern des smac laufen rund 2000 Schüler mit Transparenten in Richtung Sonnenberg. Auf ihren Schildern steht „save the world now“.


¹ Die Abfolge von Kalt- und Warmzeiten unterliegt einem Rhythmus, der nach seinem Entdecker Milankovitch-Zyklus benannt ist. Er beschreibt, dass eine etwa 85.000 Jahre andauernde Kaltzeit von kürzeren Warmzeiten von etwa 10.000 bis 20.000 Jahren unterbrochen wird. Zwischen diesen langen, etwa 100.000 Jahre dauernden Zyklen gibt es immer wieder größere Klimaschwankungen, die sich aber nicht vollends zu einer Kaltzeit oder einer Warmzeit entwickeln.

² Katalog, S. 94