SCHULTERBLICK FORSCHUNG: Von der Ausgrabung in die Öffentlichkeit

Forschung muss nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden: Dies beweist das Archäologenteam der Rio Secco-Höhle unter der Leitung von Marco Peresani (Universität Ferrara). Anlass für die Aktivitäten ist die neue Grabungskampagne in der Rio Secco Höhle am Südrand der italienischen Alpen (Pradis, Gemeinde Clauzetto). Hier fanden sich Spuren der Neanderthaler und prähistorischer moderner Menschen. Das Neanderthal Museum in Mettmann ist als Kooperationspartner an den Ausgrabungen beteiligt.

Der Einsatz der hier arbeitenden Archäologen ist extrem vielseitig. Wer in der zwar idyllischen, jedoch abseits gelegenen Bergregion die Aufmerksamkeit der Bewohner und Touristen auf die Urgeschichte lenken möchte, muss kreativ werden. So wird während der laufenden Ausgrabungen interessierten Laien die Möglichkeit geboten, die Fundstelle zu besuchen und an Führungen teilzunehmen. Für Grundschulklassen organisieren die Archäologiestudenten der Grabung zusätzlich auch einen Mitmach-Workshop direkt bei der Höhle. Die Arbeit der Archäologen wird anhand der laufenden Grabung erklärt. Dann wird nach „prähistorischen Funden“ gesucht: Knochen, Werkzeuge aus Stein, Schnecken oder Muscheln. Die Funde werden fachgerecht in kleinen Tüten verpackt und dürfen – zusammen mit einem „Archäologen-Diplom“ – mit nach Hause genommen werden.

Anfang Oktober strömten mehrere hundert Kinder mit ihren Eltern zu den „giornate della preistoria“, den „Urgeschichtstagen“ nach Pradis di Sotto, einem kleinen Bergdorf in der Nähe der Rio Secco Höhle. Hier vermischen sich Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit und aktuelle Forschungsfragen.

Das Programm der Urgeschichtstage wurde anhand neuester Forschungsergebnisse von Marco Peresani und zwei seiner Doktoranden, Rossella Duches und Matteo Romandini, gestaltet. So lag dieses Jahr ein Schwerpunkt auf der Verwendung von Ockerpulver durch Neanderthaler. Erst vor kurzem wurde nachgewiesen, dass Neanderthaler Ockerpulver herstellten und sogar in Muscheln aufbewahrten. Es gibt bislang allerdings keinen direkten Nachweis für seine Verwendung – ganz im Gegensatz zu den zahlreichen Höhlenmalereien des frühen modernen Menschen.

Neben dem Angebot, selber Speere zu basteln und das Holz mit Ocker zu bemalen, gab es einen „Jagdausflug“ in den Wald. Die erfolgreichen Jäger wurden anschließend durch Ockerbemalung in neanderthalerzeitliche Jäger verwandelt.

Ein weiteres Thema entsprang dem brandneuen Forschungsergebnis des italienischen Teams. Demnach hatte bereits der Neanderthaler ein Interesse an den langen Schwungfedern großer Greifvögel. Dies ließ sich anhand von Schnittspuren auf den Flügelknochen nachweisen. Aber wofür wurden sie verwendet? Der Workshop ging auf verschiedene Möglichkeiten ein. Eine davon war die Bemalung der Federn mit Ocker.

Diese und auch andere Verwendungsmöglichkeiten von Ocker durch Neanderthaler werden jedoch in Zukunft archäologisch schwierig nachzuweisen sein. Nichts desto trotz hatten die anwesenden Kinder und Erwachsenen der Gattung Homo sapiens sapiens viel Freude bei den angebotenen Aktivitäten. Und auch die aktuellen Forschungsfragen werden vielen in Erinnerung bleiben.

Mit vielen Grüßen zurück aus den italienischen Alpen,

Isabell Schmidt 
Doktorandin

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