SCHULTERBLICK FORSCHUNG: Von Projektilen und Koryphäen – Materialaufnahme Nordspanien Teil 2

In diesem Jahr bot sich mir die Möglichkeit, direkt im Anschluss an die Ausgrabung in Südspanien meine, im letzten Jahr begonnene, Materialaufnahme in Nordspanien fortzusetzen. Doch bevor ich in Santander mit der Arbeit beginnen konnte, musste ich erst einmal das Land der Länge nach durchqueren. Somit konnte ich innerhalb von 24 Stunden aus eigener Hand die landschaftliche Vielfalt erfahren, die ein wichtiger Grund für die Arbeiten des Sonderforschungsbereichs auf der Iberischen Halbinsel darstellt. Von der semi-ariden Mittelmeerküste ging es über das Sistema Penibético (zu der auch die Sierra Nevada gehört) auf das kastilische Hochland, die Meseta. Diese bildet mit einer Höhe zwischen 650 und 900m ü.NN das Zentrum der iberischen Halbinsel. Hier zieht sich die Autobahn über lange Strecken schnurgerade durch die teilweise recht karge Landschaft. An Madrid vorbei erreicht man nach weiteren Kilometern das kantabrische Gebirge, welches die kantabrische Küstenregion abgrenzt. Diese, auch costa verde oder “grüne Küste” genannt, macht ihren Namen alle Ehre und der Übergang der kargen Landschaft zur immergrünen Küstenregion könnte nicht eindrucksvoller verlaufen.

In Santander angekommen, war mein Arbeitsplatz im 2010 neu eingeweihten Archiv des Museums für prähistorische Archäologie in Kantabrien. Dieses bot nicht nur einen geräumigen Arbeitsplatz, inklusive moderner digitaler Mikroskopkamera und Fotoausrüstung, sondern auch eine Lehrsammlung für Studenten und Wissenschaftler. Aber nicht zuletzt die freundliche, kompetente Betreuung der Mitarbeiter vor Ort, die an der neuen Dauerausstellung des Museum arbeiten, machte die Zeit sehr angenehm. Nachdem ich im letzten Jahr Inventare aus dem baskischen Raum für meine laufende Dissertation untersucht habe, sollte in diesem Jahr die Analyse des Materials aus der Cueva Morin (Kantabrien) folgen. Diese Höhle zählt zu den Wichtigsten in Nordspanien, vor allem wegen einer durchlaufenden Besiedlungsabfolge von der Zeit der Neandertaler bis ins Spätglazial. Die Artefakte stammten aus der Ausgrabungen 1966-1969 unter der Leitung von J. González Echegarray und I. G. Freeman. Insgesamt konnten über 2100 Artefakte detailliert untersucht werden. Auf Grund der insgesamt guten Erhaltung der Artefakte (an vielen Stücken klebten noch alte Sedimentreste) und unter Zuhilfenahme der Mikroskopkamera konnte an einigen Projektilfragmenten organische Reste identifiziert werden, bei den es sich wahrscheinlich um Reste eines “Steinzeitklebers” handelt. Weitere Untersuchungen werden hier Aufschluss über die chemische Zusammensetzung liefern.

Eines der Highlights während des Aufenthalts war die Teilnahme am Kongress “Das Gravettian in Nordspanien”, der in einem weiteren Blogbeitrag gesondert besprochen werden soll. Ehrengast der Konferenz war hier J. González Echegarray. Mittlerweile pensioniert, kann Dieser auf eine jahrzehntelange Erfahrung im In- und Ausland zurückblicken und als Koryphäe für das Paläolithikum Nordspaniens betrachtet werden. Durch einen Zufall bot sich mir ein paar Tage später die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs. Neben erhellenden Antworten in Bezug auf die Ausgrabungen in der Cueva Morin, verabschiedete ich mich vor allem mit einer großen Portion Ehrfurcht vor einem Mann, der nach einer erfolgreichen Karriere immer noch kritisch seinen eigenen Positionen gegenübersteht. So vergingen 5 Wochen wie im Flug und auf die sprichwörtlich letzte Sekunde konnte ich dann auch meine Materialaufnahme abschließen. Auf dem Rückweg nach Deutschland hatte ich noch Termine mit Kollegen in San Sebastian und Toulouse, um vor Ort diverse Fragestellung in Bezug auf die Auswertung der Cueva Amalda (Aufnahme letztes Jahr) zu besprechen, aus denen ein gemeinsames Publikationsprojekt entsteht. Und danach war eine lange Heimreise angesagt…

Hasta luego!

Marcel Bradtmöller, Doktorand

Links:
Museum Santander
Museum Altamira

Schreibe einen Kommentar