Post aus Fernost – Museen und soziale Verantwortung

Letzte Woche hatte ich die einmalige Gelegenheit, an der Tagung Museum 2012: The Socially Purposeful Museum im fernen Taipei, Taiwan, teilzunehmen. Organisiert wurde die Tagung gemeinsam von der Staatlichen Pädagogischen Hochschule Taipei, dem Forschungszentrum für Museen und Galerien an der Universität Leicester, den Staatlichen Museen Liverpool und dem Staatlichen Historischen Museum Taipei. Teilnehmer aus mehr als 20 verschiedenen Ländern kamen zu intensiven Diskussionen zusammen.

In rund 70 Vorträgen ging es um soziale Verantwortung von Museen. Ein Schwerpunkt lag auf den Museumsbesuchern. Diskutiert wurde, wie man ein breites und buntes Publikum ins Museum holen kann, inklusive Menschen aus allen Einkommens- oder Bildungsschichten. Diese Frage betrifft alle Bereiche eines Museums – von der Ausstellungsgestaltung über die Pädagogik über das Marketing bis hin zum Leitbild des Museums selbst. Dementsprechend vielfältig waren auch die Vorträge. Ein Beispiel: Immer mehr Museen haben Angebote, die gezielt auf Gruppen zugeschnitten sind, die sonst nicht ins Museum gehen (können), wie z.B. sozial benachteiligte Jugendliche, blinde und taube Menschen oder sogar Gefängnisinsassen. Besonders spannend fand ich ein Projekt aus Norwegen, das Alzheimer Patienten ins Museum holt und damit sehr positive Erfahrungen gemacht hat.

Gerade in Großbrittanien gehen Museen inzwischen häufig einen Schritt weiter und holen die Menschen nicht nur als passive Betrachter ins Museum, sondern um aktiv am Museumsprozess teilzuhaben. So werden Ausstellungen „co-creative“ erstellt, das heisst in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort – mit Kindern, Künstlern, Nachbarn. Noch weiter geht das Freilichtmuseum Museum of East Anglian Life in Suffolk: es begreift sich im Kern als soziale Institution und beschäftigt z.B. Langzeitarbeitslose oder arbeitet mit Gefangenen und Kranken zusammen. Durch das Projekt Happy Museum sollen dieses und 11 andere beteiligte Museen zu Orten des Wohlbefindens werden. Insgesamt ging es also auch darum, das Museum an sich umzudefinieren, es als Ort für neue Ideen und Dialoge zu begreifen. So besagt beispielsweise das Leitbild der Staatlichen Museen Liverpool, dass Museen dazu da seien „Leben zu verändern“

Der zweite Schwerpunkt der Vorträge war die Ausstellungsgestaltung. Einerseits ging es darum, Ausstellungen über aktuelle Themen von Umweltschutz bis Menschenrechte zu gestalten, so zum Beispiel eine Ausstellung über Menschenhandel am Museum of London. In diesen Kontext gehörte auch mein Vortrag über unsere Ausstellung Wie Menschen Affen Sehen, in der wir die schwierige Balance zwischen ernsten, aktuellen Themen und Unterhaltung versucht haben. Darüber hinaus ging es darum, auch Ausstellungen zu allen anderen Themen inklusiver zu gestalten, d.h. einen bunten Querschnitt durch die Gesellschaft zu repräsentieren und vielfältige Geschichten zu erzählen. So baut z.B. das Science Museum in London gerade seine Dauerausstellung zur Kommunikationstechnik um. Ziel dabei ist auch, nicht nur „gebildete, weiße, bärtige, heterosexuelle Männer“ darin vorkommen zu lassen. So erzählen z.B. in der Ausstellung auch die Frauen, die früher täglich mit einer Telefonanlage gearbeitet haben, von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Technik.

Wie es sich für eine Museumstagung gehört, fanden auch einige Veranstaltungspunkte in Museen statt. So gab es einen Abendempfang im staatlichen Historischen Museum, welches äußerlich einem chinesischen Palast aus der Ming oder Qing Zeit nachempfunden ist und innen zahlreiche Schätze aus Chinas Archäologie und Kunst beherbergt. Eine besonders bewegende Veranstaltung fand im Jingmei Museum für Menschenrechte statt, welches erst im nächsten Jahr offiziell eröffnen wird. Das Museum ist eine Gedenkstätte in einem ehemaligen Militärgefängnis, in dem in den 60er bis 80er Jahren unzählige politische Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen verurteilt und festgehalten wurden. Wir bekamen die Gelegenheit, ausführlich mit einem ehemaligen Insassen zu diskutieren.

Nach der Tagung haben die meisten Teilnehmer die Chance genutzt, das Land Taiwan und natürlich seine Museumslandschaft weiter zu erkunden. Ein Pflichttermin war dabei das Nationale Palastmuseum in Taipei, in dem weit über eine halbe Millionen Schätze aus rund 8.000 Jahren chinesischer Geschichte aufgehoben sind. Zum Ende des chinesischen Bürgerkriegs Ende der 1940er nahmen die chinesischen Nationalisten auf ihrer Flucht vor den Kommunisten wichtige Teile der staatlichen Sammlung mit nach Taiwan. Dort liegt sie auch heute noch, weshalb die Sammlung in Taipei absolut sehenswert ist. Einen Besuch wert ist auch Taipei selbst, eine bunte, lebendige Metropole die alt und neu verbindet.

Insgesamt war es eine inspirierende Tagung mit guten Gesprächen in und zwischen den Veranstaltungen. Nicht zuletzt dank der sehr herzlichen Gastgeber herrschte durchgängig eine gute Atmosphäre. Die Menschen Taiwans sind sehr gastfreundlich – am letzten Abend lud zum Beispiel eine Kollegin aus dem Staatlichen Naturwissenschaftlichen Museum in Taichung, Taiwan, eine ganze Runde europäischer Kollegen ein zu einer traditionellen Teezeremonie, zu einem sehr leckeren taiwanesischen Essen und zu einem Spaziergang durch eine alte Straße Taipeis.

Inspirierte Grüße aus Fernost

Kerstin Pannhorst

 

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