Archäologie in Westfalen – Von Dinos über steinzeitliche Gräber zu Römerlagern und neuzeitlichen Trinkspielen

Am Montag, dem 24. März 2014, fand wieder die alljährliche Tagung des LWL statt „Archäologie in Westfalen-Lippe. Aktuelle Forschungen, Ausgrabungsprojekte und Funde von der Paläontologie bis zur Neuzeit“. Über 350 Besucher und Mitglieder des Verbandes konnten sich in der Speicherstadt Münster, dem Sitz der LWL-Archäologie für Westfalen, 13 Vorträge anhören und bei Kaffee und Kuchen Networking betreiben.

Der Who‘s Who des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe war anwesend. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Kulturdezernentin und dem Referat Bodendenkmalschutz und Bodendenkmalpflege im Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes NRW gab es eine Einführung durch den Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen.

Die darauffolgenden 20-Minuten-Vorträge fassten die Forschungsergebnisse des vergangenen Jahres auf präzise Weise zusammen. Wichtige Änderungen im Denkmalschutzgesetz kamen zur Sprache, welche die Rechtslage für die Bodendenkmalpflege nun wesentlich erleichtern: u. a. müssen seit Mitte 2013 die Belange der Bodendenkmalpflege bei Bauvorhaben nun immer berücksichtigt werden, wenn Denkmäler im Spiel sind, und die Kosten für Untersuchung, Bergung und Unterbringung der Funde werden größtenteils auf den Verursacher abgewälzt. Außerdem haben die Denkmalbehörden nun Betretungsrecht auf Grundstücken, um Denkmäler zu begutachten und unter Schutz zu stellen, und bei der geänderte Schatzregalregelung gilt jeder Fund als Eigentum des Landes NRW und es muss keine Enteignungsentschädigung an den Grundstückseigentümer oder den Finder mehr gezahlt werden.

Nach einem kurzen Ausflug zu den Funden von Flugsaurierzähnen und Iguanodondenknochen aus der Unterkreidezeit vor 125 Millionen Jahren im nördlichen Sauerland, wurden die Zuhörer zunächst in die Steinzeit entführt und es gab faszinierende neue Forschungsergebnisse zum Zusammenleben der Mesolithischen (Mittelsteinzeit) und Neolithischen (Jungsteinzeit) Gruppen zu sehen. In den Bestattungen der Blätterhöhle konnten mithilfe von genetischen Untersuchungen die Nachfahren einer mesolithischen Population aus dem 9. Jahrtausend v. Chr. ermittelt werden, die sich im 4. Jahrtausend v. Chr. zu 100% von Fisch ernährte und offensichtlich zur gleichen Zeit wie die neolithischen Einwanderer in dieser Gegend lebten und womöglich Tauschhandel mit ihnen betrieben.

Weiteren interessanten Vorträgen zu Kollektivbestattungen aus dem 4. Jahrtausend, Bestattungssitten in der Bronze- und Eisenzeit im Rahmen eines Studierendenprojektes der Uni Münster und neuen Ergebnissen zu den Ausgrabungen im Römerlager in Haltern konnten die Zuhörer um die Mittagszeit lauschen. Nicht schlecht staunten die Besucher über die wunderschönen digitalen 3D Modelle von Sparthae (den Langschwertern aus der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr.), die mithilfe von 3D Computertomographien erstellt und deren handwerkliche Qualität dadurch leichter analysiert werden konnte.

Der lustigste Vortrag kam dann aber fast ganz zum Schluss. Anhand eines Trinkbechers aus dem 17. Jahrhundert erläuterte Dr. Werner Best die Trinkspiele jener Zeit. Aufgrund der schlechten Trinkwasserqualität tranken die Menschen aller Bevölkerungsschichten täglich fast 2,5 Liter Bier oder Wein! Generell durfte kein Getränk abgelehnt werden, das einem angeboten wurde, denn das wurde als Beleidigung oder Schwäche aufgefasst und soziale Ausgrenzung konnte die Folge sein. Trinkspiele gab es in allen Schichten, z.B. mit Passgläsern. Auf dem Becher waren mehrere umlaufende Linien aufgebracht (ähnlich eines Eichstriches), die sog. Pässe. Bei einem Trinkspiel wurde vorher festgelegt, bis zu welchem Pass der Becher geleert werden musste. Dann musste jeder Spieler versuchen, den Becher nur bis zu dieser Linie zu leeren. Wenn er es schaffte, gab er das Glas an den Nächsten weiter – wenn nicht, musste er alles austrinken und es nochmal versuchen. Man kann sich vorstellen, dass die Runde recht schnell sehr lustig wurde… Neben solchen Passgläsern gab es auch noch viele Scherzgefäße, bei denen z.B. Männer und Frauen gleichzeitig aus zwei Enden des Bechers trinken mussten, was eine gewisse Erotik barg, oder auch Sturzbecher, die nur entleert auf den Tisch gestellt werden konnten, sonst wären sie umgestürzt. Interessant ist, dass die Menschen nicht glaubten, es sei eine eigene Entscheidung, sich zu betrinken, sondern dass der Teufel einen dazu brachte, wie eine Schrift aus dem 16. Jahrhundert beschreibt (Wider den Sauffteufel).

Wer Interesse an regionaler Archäologie in NRW hat, darf diese Tagung nächstes Mal auf keinen Fall verpassen. Auch für Laien sind die Vorträge sehr interessant. Für alle, die nicht die Möglichkeit hatten, teilzunehmen: der LWL veröffentlicht noch einen Tagungsband dazu.

Auch der LWL hat einen Bericht zu der Tagung verfasst: http://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=32550#.UzQMg4VTkYI

Sonnige Grüße

Viviane Bolin

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