SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Obermaierei! Die Paläolith-Tagung 2015 in Heidenheim

Das Team der Archäologen aus dem Neanderthal Museum hat im April an der 57. Jahrestagung der Hugo Obermaier Gesellschaft in Heidenheim teilgenommen. Diese Konferenz legt ihren Schwerpunkt auf paläolithische und mesolithische Forschungen und Wissenschaftler aus den deutschen, aber auch der internationalen Universitäten, besuchten diese Tagung. Das Thema dieses Jahr war „Symbolische Kommunkation und Moderne Kulturen“.

Am ersten Tag fanden die Posterpräsentationen statt und Viviane Bolin und Dr. Manuel Alcaraz-Castaňo, beide zurzeit Wissenschaftler am Neanderthal Museum, haben ihre Forschungsprojekte vorgestellt. Das erste Projekt handelt von jungpaläolithischer Felskunst auf der Iberischen Halbinsel und das zweite Projekt analysiert die Besiedlungslücke zwischen Mittel- und Jungpaläolithikum (also zwischen Neanderthalern und frühen modernen Menschen) auf der Iberischen Halbinsel.

Am zweiten Tag haben drei weitere Teammitglieder Vorträge über ihre Arbeit gehalten. María de Andrés-Herrero präsentierte ihre Analyse der Zugänglichkeit und Erreichbarkeit der jungpaläolithischen Fundplätze auf der Iberischen Halbinsel und Dr. Andreas Pastoors zeigte die Ergebnisse seines interessanten Projektes „Tracking in Caves“ (mehr Informationen auch in unserem Blogbeitrag vom 04. März 2015). Außerdem sprach Yvonne Tafelmaier über die Definitionen des Proto-Aurignacien und des Frühen Aurignacien in Nordspanien.

Nach drei Tagen vielseitiger und interessanter Vorträge und Diskussionen zwischen den Tagungsteilnehmern, haben die Mitglieder der Versammlung zwei Tage lang auf Exkursionen die wichtigsten archäologischen Fundstätten und Museen der Umgebung besucht, um sich ein Bild über das Paläolithikum der Schwäbischen Alb zu machen. Die Höhlen dieser Gegend, mit ihren reichen Hinterlassenschaften des Neanderthaler und modernen Menschen, helfen beim Verständnis dieser Übergangsperiode, dem Aussterben des Neanderthalers und der Ankunft des modernen Menschen.

Am ersten Morgen haben wir das Ulmer Museum besichtigt und die berühmte Elfenbeinstatue des Löwenmenschen im Original bewundert. Dieses Objekt wurde 2013 neu restauriert und weitere fehlende Elfenbeinfragmente aus alten und neuen Ausgrabungen im Hohlenstein-Stadel konnten an die bereits existierende Figur angepasst werden. Danach wanderten wir durch das Lonetal und erkletterten die dort die paläolithischen Höhlen Bockstein und Hohlenstein (Fundort der Löwenmensch-Elfenbeinfigur). Wir hatten Glück und die Sonne schien den ganzen Tag. Nachmittags wanderten wir dann zum Archäopark Vogelherd, wo wir ein wunderschönes Flötenkonzert in der Vogelherd-Höhle hören durften, eine der reichsten Aurignacien-Fundstellen der Schwäbischen Alb. Die Flötistin spielte auf Rekonstruktionen verschiedener paläolithischer Knochenflöten und kreierte so eine wunderschöne Atmosphäre vorgeschichtlicher Klänge. Die frühesten Belege der paläolithischen Flöten sind 40 000 Jahre alt. Sie wurden aus Vogelknochen oder Mammutelfenbein geschnitzt. Einen Abschluss fanden die hungrigen Wissenschaftler beim Barbecue mit Pferdewürsten und Salaten, während andere sich beim Speerewerfen oder Feuermachen im archäologischen Park versuchten.

Obwohl das Wetter am folgenden Tag nicht ganz so fantastisch war – aber davon lassen sich Archäologen ja für gewöhnlich nicht abhalten –, sind wir ins Achtal gefahren und haben dort den Hohle Fels besichtigt, eine Höhle, die für die Überreste dreier Knochenflöten und für den Fund der Venus von Hohle Fels bekannt ist. Auch dort lauschten wir den verzaubernden Flötenklängen in der vollständigen Dunkelheit der Höhle und es war ein wirklich faszinierendes Erlebnis. Hohle Fels ist eine wichtige Fundstelle, denn sie enthält eine große Abfolge archäologischer Schichten mit Belegen menschlicher Besiedlung vom Mittelpaläolithikum bis zum späten Jungpaläolithikum. Außerdem kletterten wir zum Geißenklösterle hinauf, auch eine Höhle mit langer stratigrafischer Abfolge vom Mittelpaläolithikum zum Mesolithikum. Nach einem kurzen Mittagspicknick im Freien ging es dann weiter in das Urgeschichtliche Museum Blaubeuren. Dort konnten wir einige der frühesten Kunstwerke des modernen Menschen aus dem Achtal betrachten: die Menschen- und Tierfiguren aus Elfenbein, u. a. die berühmte Venus vom Hohle Fels. Diese Statuette wurde aus Mammutelfenbein geschnitzt und ist zwischen 40 000 und 35 000 Jahre alt.

Das Team des Neanderthal Museums konnten also die Arbeit mit dem Vergnügen verbinden. Einerseits haben sie sich auf der Tagung weitergebildet und Forschungsergebnisse aus erster Hand über die nationalen und internationalen Projekte der europäischen Paläolith-Forschung erfahren und sich mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt austauschen. Andererseits konnten sie die bekanntesten und wichtigsten Fundplätze und Objekte der frühen modernen Menschen aus der Schwäbischen Alb bestaunen. Alles in allem eine sehr erfolgreiche Tagung und sehr spannende Exkursionen. Wir werden diese Woche in ganz besonderer Erinnerung behalten.

Liebe  Grüße

María de Andrés-Herrero

Übersetzt aus dem Englischen von Viviane Bolin

 

Weitere Informationen zu den Projekten der Wissenschaftler hier: http://www.sfb806.uni-koeln.de/ und http://www.sfb806.uni-koeln.de/index.php/projects/cluster-c

Weitere Informationen zu Tracking in Caves hier: http://www.neanderthal.de/expedition/

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