Archiv der Kategorie: Allgemein

Der größte Steinzeitspielplatz Deutschlands ist eröffnet

Am 24. Juni 2020 war es endlich soweit. Pünktlich zu den Sommerferien wurde der neue Steinzeitspielplatz direkt gegenüber dem Neanderthal Museum eröffnet. Der Spielplatz ist Teil des „Masterplan Neandertal“, dessen Ziel es ist die Attraktivität des Tals für Museumsbesucher, Naherholungssuchende und Touristen zu steigern.

Kinder auf dem Steinzeitspielplatz
Der neue Steinzeitspielplatz am Neanderthal Museum ist eröffnet.

Nach 3 Jahren Baustelle, die für uns und unsere Besucher doch einige Einschränkungen mit sich brachte, freuen wir uns über das tolle Ergebnis. Es ging immer gut voran auf der Baustelle, somit konnte der Zeitplan letztendlich eingehalten werden. Wir sind froh, dass sich die Parkplatzsituation wieder ein bisschen entspannt und es ab sofort wieder mehr Parkplätze vor unserem Haus gibt.

Trotz allem gibt es nicht so viele Parkplätze wie vor der Baustellenphase. Deshalb wird der Shuttle-Service an Sonn- und Feiertagen weiterhin angeboten und auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Neanderthal Museum gut zu erreichen. Wir genießen das bunte Treiben direkt vor unserem Haus und hoffen, dass unsere kleinen Gäste Spaß daran haben sich nach oder vor dem Museumsbesuch dort auszutoben. Die Kombination aus Museum, Spielplatz, eiszeitlichem Wildgehege, Restaurant und Wandermöglichkeiten ist für einen Familienausflug einfach ideal.

Baustelle am Neanderthal Museum
3 Jahre lang gab es die große Baustelle am Neanderthal Museum.

Direkt gegenüber des Neanderthal Museums befindet sich jetzt eine einmalige Abenteuer-Erlebniswelt, inklusive Wasserspiel. Auf 2250 Quadratmeter Spielfläche ist ein einzigartiger Steinzeit-Abenteuerspielplatz entstanden, auf dem sich Verbindungen zu Urzeit und Neanderthaler knüpfen lassen. Die geschwungene Brücke verbindet, über den Mettmanner Bach führend, auf einer Strecke von etwa 34 Metern das Neanderthal Museum mit dem Steinzeitspielplatz. Das zweite Anschlussstück über die Düssel misst etwa 22 Meter und leitet euch barrierefrei Richtung Parkplatz. 

Etwa 4 Millionen Euro hat das Gesamtprojekt „Abenteuerspielplatz“ gekostet. Davon hat das Land etwa 930.000 Euro an Fördermitteln für die Renaturierung der Fließgewässer beigesteuert. Zum Ausgleich von Eingriffen in die Landschaft wurden 2300 Pflanzen gesetzt und 16 Bäume gepflanzt.

Kunstweg Evolutionsreihe vor dem Klettergerüst
Das Kunstwerk “the man who never ceased to grow” ist Teil des Kunstweges MenschenSpuren im Neanderthal.

Die urzeitliche Gestaltung regt die Phantasie an und bietet viel Raum zum Entdecken. Die überdimensionalen steinzeitlichen Stoßlanzen sind Nachbildungen von Originalfunden aus der Zeit des Neanderthalers. Alle Spielgeräte sind schlicht gehalten, es wurden natürliche Rohstoffe wie Robinienholz und Kalkstein verwendet. Zusätzlich deuten teilweise versteckte kleine Malereien auf die Kultur des Neanderthalers hin. Passend dazu haben wir unser SteinzeitActionPack für Kinder neu aufgelegt. Neben der neuen plastikfreien Verpackung gibt es ab sofort auch eine zusätzliche Station auf dem Steinzeitspielplatz. So werdet ihr nicht nur im Museum, sondern auch draußen auf dem Gelände zu echten Steinzeitforschern.

SteinzeitActionPack im Stoffbeutel
Das SteinzeitActionPack könnt ihr an der Museumskasse kaufen. Damit werdet ihr selbst zu echten Steinzeitforschern.

Für die Jüngsten bis zum sechsten Lebensjahr gibt es eine große Fläche als so genannte Treibholzlandschaft – mit Zitterbalken und Wasser. Pavillons, Steine und Baumstämme dienen als Ausruhplätze. Der wohl imposanteste Hingucker ist der Pfahllanzenturm, dessen höchste Spitze 9,50 Meter in den Himmel ragt. Eine Rutsche führt hinunter, Seile und Netze erhöhen den Kletterspaß. In der Bärenhöhle gibt es außerdem einige Höhlenmalereien zu entdecken.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Toben und Klettern!

Schaukeln und großes Klettergerüst auf dem Steinzeitspielplatz
2250 Quadratmeter Spielfläche umfasst der neue Steinzeitspielplatz.

Tierischer Zuwachs im Neanderthal Museum: Bienenstöcke auf dem Museumsdach

Seit Ende März dürfen wir uns über neue summende Mitbewohner auf dem Museumsdach freuen. Auf dem Museumsdach wohnen jetzt tatsächlich Honigbienen!

Die Idee gab es schon vor einigen Jahren, als der Imker Herr Peters auf der Suche nach neuen Plätzen für seine Bienen war. Den Honig von Herrn Peters als TYPISCH neanderland Produkt verkaufen wir nämlich schon seit einiger Zeit im Museumsshop. Scheinbar eignet sich unser Dach wunderbar als Wohnort für Bienen und somit ließ sich die Idee dieses Jahr schließlich umsetzen.

Zwei Bienenstöcke auf dem Dach des Museums.

Herr Peters kümmert sich immer montags um die Bienen, wenn das Museum geschlossen ist. Wir hoffen die kleinen Tiere fühlen sich bei uns wohl und genießen die Umgebung im grünen Neandertal. 🙂

Bienen stehen übrigens nicht auf Kaffee, Kuchen und Mortadella. Ihre Leibspeise sind Pollen. Sie sind ein geselliges Volk und leben gerne auf engem Raum mit ihren Artgenossen zusammen. Im Winter leben sie als Volk mit ca. 20.000 Bienen zusammen. In dieser Zeit ernähren sie sich von Honigvorräten und von Zuckerwasser, dass sie von ihrem Imker Helmut Peters bekommen. 

Im Sommer leben sie sogar mit 50.000 Kollege*innen und ihrer Königin zusammen. Die Arbeiterinnen halten den Bienenstock sauber und sammeln fleißig Pollen. Der Job der Drohnen besteht darin eine Königin zu befruchten. 

Bienen haben einen beeindruckenden Körper, der so einiges kann: Mit ihren Hinterbeinen sammeln sie Pollen und mit den Flügeln können sie nicht nur durchschnittlich 24 km/h schnell fliegen, sondern sogar Wärme erzeugen oder den Bienenstock kühlen. Die Facettenaugen ermöglichen es ihnen ultraviolettes Licht zu sehen. Dafür sind sie rotblind und nehmen die Farbe Rot als Schwarz wahr.

Seitdem das Museumscafe wieder geöffnet hat, könnt ihr die Bienenstöcke von der Dachterrasse aus sehen und sie beobachten. Wenn ihr noch mehr über die Bienen und den Honig erfahren wollt, könnt ihr euch direkt an den Imker, Helmut Peters, von der Honigmanufaktur Neanderthal wenden.

Ohne Klopapier überleben – wie haben Menschen in der Steinzeit “ihr Geschäft beendet” ?

In Zeiten der Coronakrise kommt es in Deutschland vermehrt zu Hamsterkäufen. Dabei steht wohl besonders das Klopapier im Mittelpunkt und landet bei den meisten Menschen direkt in mindestens dreifacher Menge im Einkaufswagen.

An dieser Stelle muss wohl nochmal betont werden, dass es absolut keinen Anlass dafür gibt. Die Bundesregierung stellt klar, dass die Versorgung in Deutschland gesichert ist. Die Mitarbeiter*innen in den Supermärkten kommen mit dem Regale Einräumen gar nicht hinterher, und viele Menschen können es sich überhaupt nicht leisten, einen großen Vorrat zu kaufen. Solidarität steht hierbei wohl nicht an erster Stelle.

Mammut Plüschtier und Klopapier

Auch wir möchten euch dazu ermutigen, mit Bedacht einzukaufen, Vorräte sinnvoll einzuteilen und vor allem die Produkte der “modernen Welt” wertzuschätzen. Eines haben wir unseren Vorfahren nämlich definitiv voraus: Das Phänomen von Hamsterkäufen und Klopapier-Engpässen blieb den Neandertalern damals erspart. 😉 Warum wir vier- bis fünflagiges Klopapier mit geprägtem Blümchenmuster und Duftstoffen horten, lässt sich mit Sicherheit psychologisch erklären. Wenn es also aufgrund von Hamsterkäufen zu Engpässen in manchen Haushalten kommt, kursieren mittlerweile schon einige kreative Ideen, wie es sich auch ohne Klopapier leben lässt.

Bild von Markus Distelrath auf Pixabay

Papier war in der Steinzeit ein Fremdwort. Alles was man zum leben brauchte, gab es in der Natur. Leider erhält sich aus organischen Materialien in archäologischen Befunden selten etwas. Es wäre möglich, dass die Neandertaler Pflanzen zum Poabwischen verwendet haben oder es fand sich bei Gelegenheit einfach etwas Wasser zum Waschen. 🙂 Es wird vermutet, dass die Pestwurz als “Klopapier der Steinzeit” verwendet wurde. Mit ihren großen, tellerförmigen Blättern bietet die Pflanze gute Voraussetzungen. Wissenschaftlich belegt ist diese These jedoch nicht.

Körperhygiene wird es in der ein oder anderen Form wohl gegeben haben. Die Menschen in der Steinzeit haben mit Flintmessern Bart- und Haarpflege betrieben, Nägel wurden auf rauher Steinoberfläche gefeilt und Bärenfett diente als Lippenpflege. Für spätere Zeiten (römisch und frühmittelalterlich) sind Hygieneartikel wie Pinzetten und Ohrlöffelchen aus Metall und Läusekämme aus Knochen belegt.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Erfindung des Klopapiers und bequemes aufs Klo gehen!

Projekt Paläolithikum im Rheinland – Sammler als ehrenamtliche Stützen der Archäologie

Am 5. Oktober findet der nächste Bestimmungstag im Neanderthal Museum statt. An diesem Tag habt ihr die Möglichkeit eure steinzeitlichen Funde von Forschern bestimmen zu lassen. Um jetzt schon einen kleinen Einblick zu bekommen, berichten wir euch vom aktuellen Projekt Paläolithikum im Rheinland, bei dem mehrere Tausend Funde eines Privatsammlers überprüft werden.

Das Projekt ist in der zweiten Phase: Überprüfung der Funde vor Ort, derzeit im Magazin des Rheinischen Landesmuseums Bonn (RLMB).
Um zu Beginn erst einmal die Vorgehensweise am Material selbst zu testen, bot sich eine kürzlich vom RLMB erworbene und noch nicht inventarisierte Privatsammlung an, die außer sehr vielen jüngeren Funden auch einige paläolithische Fundstellen enthält.

Eine der mit Steinartefakten prall gefüllten Fundkisten im Magazin des RLMB.

Ein kleiner Schock war allerdings der Umfang: es handelt sich um etwa 50.000 Funde, die in Kistenstapeln auf insgesamt vier Europaletten im Magazin abgelegt waren. All diese Funde hat der Sammler in etwa 40 Jahren kontinuierlicher Tätigkeit zusammengetragen, fein säuberlich beschriftet und nach Fundorten dokumentiert. Diese außergewöhnliche Sammlung ist der Anlass, hier einmal kurz die Bedeutung der Privatsammler für die prähistorische Archäologie hervorzuheben.

Einer der vielen heute noch ehrenamtlich tätigen Sammler bei seiner liebsten Beschäftigung.
© M.Baales/LWL

Nicht erst seit den Indiana Jones-Filmen ist für viele von uns die Archäologie eine Beschäftigung von wenigen hochspezialisierten und manchmal etwas weltfremden Wissenschaftlern, die zumeist im Auftrag staatlicher Organisationen an exotischen Fundorten auf der ganzen Welt auf ‚Schatzsuche‘ sind, auch wenn es sich nicht zwangsläufig immer um materiell wertvolle Schätze handelt.

Dabei tritt völlig in den Hintergrund, dass die europäische Geschichte der Archäologie vor der eigenen Haustür mit dem Sammeln von Kuriositäten überhaupt erst begonnen hat.
Es war nämlich ein französischer Zollbeamter, Jacques Boucher de Crèvecœr de Perthes, der in seiner offenbar reichlich bemessenen Freizeit um 1830 merkwürdig geformte Steine in den Schottern der Somme im nordfranzösischen Abbéville aufsammelte und vermutete, dass es sich wohl um vor langer Zeit vom Menschen bearbeitete Steinwerkzeuge handeln müsse. Als zusammen mit diesen Steinen auch noch Knochen von „vorsintflutlichen“ ausgestorbenen Tieren gefunden wurden, wurde ganz allmählich offenbar, vor wie langer Zeit das geschehen sein musste. So wurde ein sammelnder Zollbeamter zum Begründer der prähistorischen Archäologie.

Jacques Boucher de Crèvecœr de Perthes (1788-1868), Zolldirektor, Sammler und ‚Vater‘ der prähistorischen Archäologie.
© Wikipedia

Heutzutage hat sich die prähistorische Archäologie professionalisiert und ist als Studienfach an gar nicht so wenigen Universitäten zu erlernen. Aber immer noch, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, gehen Amateure (auf Deutsch: Liebhaber) mit aufmerksamem Blick auf den Boden über die Felder vor ihrer Haustür und machen täglich kleinere oder größere Funde, ganz so wie Boucher de Perthes vor nun fast 200 Jahren. Das Sammeln von Steinwerkzeugen von der Oberfläche ist generell erlaubt und wenn die Funde der Bodendenkmalpflege gemeldet werden, verbleiben sie auch meist im Besitz der Sammler.

Ein Faustkeil aus den Schottern der Somme mit eigenhändiger Beschriftung von de Perthes, den er an Edouard Lartet verschenkte.
© Wikipedia

Für die staatliche Bodendenkmalpflege sind diese Aktivitäten von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Zwar unternimmt sie selbst auch immer wieder Feldbegehungen zur Begutachtung von Flächen, die von Baumaßnahmen und potentieller Zerstörung bedroht sind, kann das aber in der Regel nur ein- oder maximal zweimal tun, bevor sie eine Entscheidung für immer treffen muss. Sammlungen von Amateuren, die in der Regel über viele Jahre immer wieder das gleiche Feld begangen haben, sind da allein aufgrund ihres Umfangs erheblich aussagekräftiger als die kleinen Serien, die die professionelle Bodendenkmalpflege bei einer oder zwei Begehungen eines Feldes finden kann. Die privaten Sammlungen können also wertvolle Hinweise liefern, in welchem Umfang wo mit welchen Funden zu rechnen ist – und das ganz umsonst. Voraussetzung ist eine minimale Dokumentation der Funde, die insbesondere den genauen Fundort und heutzutage im optimalen Fall die GPS-Koordinaten des einzelnen Funds umfassen sollte.

Daniel Schyle

Kleine sächsische Klimageschichte in 3 Akten

Es ist wieder Zeit für den #ArchaeoSwap, jenen Tauschtag, an dem archäologische Museen in ganz Deutschland ihre Social-Media-Kanäle swappen – also tauschen – und so auf ein ganz anderes Publikum treffen als sonst. In diesem Jahr wurde hinter den Kulissen für eine thematische Begrenzung gestimmt: es soll um den Klimawandel gehen. Was haben archäologische Museen zum Thema Klimawandel bzw. Klimakrise beizutragen? Eine ganze Menge wie wir im folgenden Drama zeigen wollen. Heute bespielen wir, das staatliche Museum für Archäologie in Chemnitz – kurz: smac – die Kanäle des Neandertal Museum in Mettmann. Vorbereitet haben wir ein ganz klassisches dreiteiliges Drama, das sich durch die drei Etagen unserer Dauerausstellung arbeitet, mit einer ebenso klassischen Katastrophe am Ende.

ERSTER AKT: EXPOSITION (DIE VORAUSSETZUNGEN)

Unsere kleine sächsische Klimageschichte beginnt 1844 mit einem Mann, den es friert. Es ist Bernhard von Cotta, ein Geologe der sich mit zwei Kollegen auf die Suche nach Beweisen macht, dass Teile des heutigen Sachsens einst von riesigen Gletschermassen bedeckt gewesen sind. Diese Idee hatte sich seit Beginn des Jahrhunderts langsam in der Geologie verfestigt und 1844 wurden die Männer bei Wurzen fündig. Rillen und Ritzungen an Felsen identifizierten sie als Gletscherschliffe, also Zeugnisse für die Bewegung der Eismassen auf Gestein. Alles begraben unter Eis? Cotta notiert: „Sollten die nordischen Gletscher wirklich von den Skandinavischen Bergen bis an die Wurzner Hügel gereicht haben? Mich friert bei dem Gedanken!“

Es brauchte noch drei weitere Jahrzehnte, bis der Gedanke von einer Zeit weit über die eigene Vorstellungskraft und die biblische Schöpfungsgeschichte hinaus in den Köpfen einen Platz fand.

Als das Mammut noch in Sachsen lebte. Im Vordergrund links ein Backenzahn aus dem Fundgebiet Markkleeberg | © smac, LfA

Zeitsprung. Es ist 350.000 Jahre vor heute. Die Gletscherzungen der riesigen nordeuropäischen Eismasse reichen bis in die heutigen Gegenden von Pirna, Chemnitz und Zwickau. Südlich des Eises breitet sich eine nahezu baumlose, als Mammutsteppe bezeichnete, Landschaft mit Gräsern und Kräutern aus. Mammuts, Bisons, Rentiere, Wollnashörner und eine Vielzahl von Kleinsäugern bevölkern den Lebensraum während dieser Kaltzeit, die Elsterkaltzeit genannt wird. Ihr werden zwei weitere Kaltzeiten folgen, deren Eisrandlagen sich schrittweise nach Norden verschieben. Während der Saalekaltzeit vor etwa 250.000 Jahren reichen sie nur noch bis zur Linie Bautzen-Dresden-Grimma und während der Weichselkaltzeit vor ca. 115.000 Jahren wird die Grenze des heutigen Sachsens bereits knapp verfehlt, die letzten Ausläufer liegen nördlich von Cottbus.

Klimaforschung im smac. Eisbohrkerne geben Aufschluss über den Verlauf großerer Klimaanderungen der letzten 600.000 bis 800.000 Jahre. | © smac, LfA

In einem sehr weiten Rahmen betrachtet, befinden wir uns aktuell also in einer Warmzeit, die mit dem Rückzug der letzten Eismassen vor 12.000 Jahren begann und bis heute anhält.¹ In diesem weiten Rahmen muss auch die Geschichte der Menschheit betrachtet werden, denn die Gattung Homo gibt es seit 2 Millionen Jahren, wir sind so gesehen Kinder der Eiszeit, wenngleich wir erst nach dem Ende der Kaltzeiten unseren Siegeszug antraten. Seitdem hat sich das Ökosystem zu der Form entwickelt, die wir heute vor der Haustür haben. Aus der Steppe wurde Wald. Die in großen Herden umherwandernden Pflanzenfresser wie Rentier oder Pferd, welche die Lebensgrundlage der eiszeitlichen Menschen darstellten, verschwinden. In weiten Teilen des heutigen Sachsens verändern sich so Klima und Lebensraum für Tier und Mensch erheblich. Was bedeutet das? Und woher wissen wir das so genau?

Klimakurve und Einfluss des Menschen| © smac, LfA

In einem Zeitalter häufiger und extremer Klimaschwankungen muss der Neandertaler flexibel sein. Je nach Klimagunst oder –ungunst besiedelte er bestimmte Gebiete oder zog sich wieder zurück. Vor allem im Norden Sachsens finden sich seine Spuren. Als es mit dem Ende der Weichselkaltzeit zu einer dauerhaften Klimaerwärmung der nördlichen Hemisphäre kommt, verändert sich auch die Umwelt entscheidend. Die Lebenswelt der Menschen ist nun dicht bewaldet, eine Sicht über weite Entfernungen gibt es nicht mehr. Die Kommunikation untereinander, das rechtzeitig Erkennen von Feinden, veränderte Jagdvoraussetzungen ein angepasster Speiseplan sind die Folgen.

Ganz konkret lassen sich neue Werkzeuge zur Bearbeitung von Bäumen wie Steinbeile oder Äxte in den Fundgebieten nachweisen. Besonders um Rochlitz, im Gebiet der Mulde zwischen Wurzen und Trebsen, entlang der Elbe sowie gehäuft in der nördlichen Oberlausitz sind Siedlungsspuren zu finden. Die zur Jagd in der offenen Tundra geeignete Speerschleuder wurde am Ende der Eiszeit nach und nach von Pfeil und Bogen ersetzt, denn auf dem Speiseplan steht nun Standwild wie Hirsch, Reh oder Elch.

Modell des altsteinzeitlichen Siedlungs-/Werkplatzes von Markkleeberg | © smac, LfA

Es ist 280.000 Jahre vor heute: an einem Flussufer im heutige Markleeberg (Lkr. Leipzig) leben über einen längeren Zeitraum kleine Gruppen von altsteinzeitlichen Sammlern und Jägern, vielleicht eine frühe Form des Neandertalers. Die zweite Kaltzeit (Saalekaltzeit) bricht langsam an. Von ihrem Alltagsleben haben sich nur Steinartefakte erhalten, Steinwerkzeuge und der Abfall der Herstellungsprozesse zeugen von geschickten Vorfahren.

ZWEITER AKT: ENTWICKLUNG

Die Zeit des Umbruchs von der Jäger- und Sammlerwirtschaft mit mobiler Lebensweise hin zu Getreideanbau und Tierhaltung und der Entstehung erster Siedlungen nennen wir „Neolithisierung“. Dieser tiefgreifende Wandel der Lebensweise der Menschen kommt als Ideengut aus der Region des Fruchtbaren Halbmondes über einen langen Zeitraum nach Mitteleuropa. In Sachsen erreichten um 5500 v.Chr. die ersten Siedler zunächst das Dresdner Elbtal. Wir nehmen an, dass es ein friedliches Nebeneinander von Neuankömmlingen und einheimischer Bevölkerung war. Durch Pollenproben aus ergrabenen Brunnen dieser Zeit kann man den Beginn der Landwirtschaft für diesen Zeitraum nachweisen. Den Lebensraum der Menschen müssen wir uns als einen „Flickenteppich aus Siedlungen, landwirtschaftlich genutzten Garten und kleinen Feldern am Rande von dicht bewaldeten Auen oder auch inmitten der weit verbreiteten Eichenmischwälder vorstellen“.²

Modell einer Siedlungslandschaft zur Zeit der Stichbandkeramik um 4700 v. Chr. in Dresden-Nickern. | © smac, LfA

Die ersten wirklich sesshaften Bewohner Sachsens leben in aus heutiger Sicht unverhältnismäßig großen Häusern, die an sich bereits ein Statement sind. Sie stehen dafür, dass sich der Mensch erstmals nicht der Natur unterwarf, sondern diese nachhaltig gestaltete und beeinflusste. Für die Felder und Siedlungen wurden Wälder gerodet. Aus archäologischen Grabungen wissen wir, dass die 6 Meter breiten und zwischen 25 und 50 Meter langen (!) Häuser deutlich mehr Holz verbaut wurde, als statisch gesehen notwendig gewesen wäre. Die vermutlich dreigeteilten Gebäude verfügten über Eingangs- bzw. Lagerbereich, gedämmtem Wohnbereich und einem luftigeren, kühleren Bereich im hinteren Teil.

Modell eines massiven Langhauses. | © smac, LfA

In der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. wandeln sich die Siedlungen, die Häuser werden kleiner, genaue Grundrisse sind schwerer nachzuweisen, da da die Spuren weitaus unscheinbarer sind. Der Platz wird nun für Äcker und Weideflächen gebraucht. Die zyklische Verlagerung der Flächen und eine mobilere Lebensweise brauchen deutlich mehr Raum, der Eingriff in die Natur wird größer.

Mit dem Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. fasst eine neue Ideenwelt Fuß, die wir Becherkulturen beschreiben können. Vor allem archäologische Funde aus Gräbern dieser Zeit geben uns einen Einblick in die Lebenswelt. Es finden sich nun Waffen in den Gräbern, die Toten weisen Wunden auf. Gibt es kriegerische Auseinandersetzungen? Becher und zum Teil nachweisbare Alkoholrückstände an ihnen weisen auf rituelle Trinkhandlungen hin. Metallschmuck und Dolche und Beile aus Kupfer zeugen vom Abbau von Erz und den Kenntnissen der Verarbeitung. Pflugbau lässt sich nachweisen. Der Mensch wird effektiver und nutzt Rinder als Zugtiere. Insgesamt scheint die Lebenswelt komplexer zu werden. Um 3500 v.Chr. wird außerdem eine drastische Klimaverschlechterung angenommen, die als „vorbronzezeitliche Abkühlung“ technische, wirtschaftliche und soziale Veränderung zusätzlich beschleunigt haben könnte.

Bronzetasse Königswartha | © smac, LfA

Die Bronzezeit ab 2300 v.Chr. steht ihrem Namen nach für die Umwelt gesehen ganz im Zeichen des sich entwickelnden Bergbaus. Für Sachsen wird eine Nutzung des Zinnvorkommens im Erzgebirge ab der jüngeren Bronzezeit vermutet, darauf weisen Funde mit bronzezeitlicher Keramik im Bereich einer Zinnseife bei Johanngeorgenstadt. Nach langer Suche konnte jüngst erstmals auch frühbronzezeitlicher Kupferbergbau im Erzgebirge nachgewiesen werden. Aus einem glockenbecherzeitlichen Grab (um 2300 v.Chr.) eines Tagebauschmieds südlich von Leipzig sind neben Schleif- und Ambossteinen auch die ältesten Goldfunde, drei winzige Scheiben aus feinem Goldblech, erhalten.

Der Siegeszug des neuen Werkstoffes ist vorprogrammiert: Er lässt sich nahezu beliebig zu Waffen und Werkzeugen formen, seine Optik ist im Vergleich zu Stein wesentlich hochwertiger und noch viel wichtiger: Metall ist ein ideales Wertaufbewahrungsmittel. Seine Gewinnung und Verarbeitung jedoch geht mit einer erheblichen Belastung der Natur einher.

DRITTER AKT: KATASTROPHE

Unsere kleine Klimageschichte hat sich inzwischen am Menschen und seinen immer größer werdenden Eingriffen und Forderungen in/an die Natur hochgeschaukelt. Wir befinden uns nun kurz vor dem Höhepunkt dieses Dramas und lassen notgedrungen Aspekte im Flug der Zeit an uns vorbeirauschen.

Wir springen in die Zeit des „Großen Landesausbaus“ in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Bisher ist Sachsen in einem breiten Streifen des Erzgebirges, Erzgebirgsvorlandes, Vogtlandes und Lausitzer Berglandes nahezu unbesiedelt. Keinerlei Spuren menschlicher Besiedlung von der Steinzeit bis ins hohe Mittelalter in einem Gebiet, das in der folgenden Zeit die Geschichte des heutigen Sachsens erheblich prägen wird. Noch im 13. Jahrhundert wird das Land bis in die Kammlagen aufgesiedelt. Grundlage dafür ist wohl auch das hochmittelalterliche Klimaoptimum, das die Bevölkerung wachsen lässt und Landwirtschaft im eher unwirtlichen Erzgebirge erst ermöglicht. Ab 1168 werden bei Freiberg reiche Silbererze entdeckt. Die kurz darauf gegründete Stadt wächst schneller als jede andere in Sachsen. Doch der Bergbau macht nicht an einem Ort halt. Auf dem Treppenhauer in der Nähe von Frankenberg entsteht eine weitere Bergstadt, die keine zwei Jahrhunderte existiert und nach Erschöpfung der Silbergruben wieder verlassen wird.

Ganz anders lief die Entwicklung Dippoldiswaldes. Niemand wusste davon, dass das beschauliche Erzgebirgsstädtchen einstmals ein Zentrum des Silberbergbaus war, bis 2008 in einem Keller der Boden einbrach und nach und nach ein verzweigtes Gangsystem entdeckt wurde, das Bergleute im 13. Jahrhundert angelegt hatten. Die Untersuchungen dort dauern an und bringen immer wieder neue Erkenntnisse zur frühen Bergbautechnik zutage.

Wir springen zu einem weiteren Mann. 1556 erscheint das Buch XII libri de rei metallica von Georgius Agricola (in späterer deutscher Übersetzung: Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen). Das Werk mit seinen 292 detailgetreuen Holzschnitten wird für zwei Jahrhunderte die Fibel der Bergbauwissenschaft sein. Sachsen hatte sich seit der Entdeckung ergiebiger Silbererzadern 1470 in Schneeberg zum wichtigsten Bergbauterritorium in deutschen Landen entwickelt. Das „Zweite Berggeschrey“ bringt Reichtum einerseits (und auch nicht für alle) und eine tiefgreifende Veränderung der Umwelt andererseits. Agricola selbst geht ausführlich darauf ein. Die „Tadler“ des Bergbaus, so nennt er jene, die den Bergbau als gefährlichen und unwürdigen Eingriff in die Natur verurteilen, erheben schwere Vorwürfe:

Holzschnitt aus dem dritten Buch vom Berg- und Hüttenwesen, S. 58 (Agricola)

“Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet, […] Wälder und Haine werden umgehauen, denn man bedarf zahlloser Hölzer für die Gebäude und das Gezeug sowie um die Erze zu schmelzen. Durch das Niederlegen der Wälder und Haine aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen; durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen sich verschaffen sollen, […] so ist vor aller Augen klar, daß bei dem Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt.” (ebd. Erstes Buch, Seite 6)

„Vor aller Augen klar“ und doch ohne Lösung, denn die präsentiert Agricola schlicht nicht. Die Beeinflussung der Natur mag auf einen Bereich Sachsens beschränkt sein, doch sie ist über- und untertage zum Teil bis heute vorhanden. Angriffsflächen für Erosion durch Wasser und Wind und Eingriffe in das Ökosystem haben dem einst florierenden Bergbaugebiet nachhaltig geschadet.

Modell eines Braunkohlebaus 1:250 | © smac, LfA

Das Zeitalter der Industrialisierung schließlich, hat den Menschen in Sachsen und weit darüber hinaus zu ungeahntem Wohlstand und Macht verholfen. Kohle, Elektrizität, Maschinenbau, Automatisierung. Der Rest ist Geschichte und wir alle kennen diese Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Umwelt ziemlich gut, sie ist hervorragend dokumentiert, Archäologen sind dafür kaum mehr zuständig. Eisenbahnnetze entstehen (und verkümmern im Chemnitzer Fall *wir blicken vorwurfsvoll an dieser Stelle*), Chemnitz als sächsisches Manchester. Schornsteine.

März im Jahr 2019. Vor den Foyerschaufenstern des smac laufen rund 2000 Schüler mit Transparenten in Richtung Sonnenberg. Auf ihren Schildern steht „save the world now“.


¹ Die Abfolge von Kalt- und Warmzeiten unterliegt einem Rhythmus, der nach seinem Entdecker Milankovitch-Zyklus benannt ist. Er beschreibt, dass eine etwa 85.000 Jahre andauernde Kaltzeit von kürzeren Warmzeiten von etwa 10.000 bis 20.000 Jahren unterbrochen wird. Zwischen diesen langen, etwa 100.000 Jahre dauernden Zyklen gibt es immer wieder größere Klimaschwankungen, die sich aber nicht vollends zu einer Kaltzeit oder einer Warmzeit entwickeln.

² Katalog, S. 94

Zu Besuch im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund

Anfang Februar machten sich 5 Mitarbeiterinnen & 2 Praktikanten des Neanderthal Museums auf den Weg in das Deutsche Fußballmuseum Dortmund. Die Einladung nahmen wir gerne an und unser Mammut Tinka war natürlich auch mit an Bord. Wir freuen uns immer, wenn wir die Chance haben andere Museen zu besichtigen, uns auszutauschen und zu vernetzen. Besonders bei der Museumsdichte in Nordrhein-Westfalen ist das manchmal gar nicht so einfach. Beispielsweise waren wir sehr gespannt darauf, wie sich das Fußballmuseum mit dem Thema Inklusion auseinandersetzt. Ein Thema das immer aktuell ist und bei dem ein Austausch untereinander ganz wichtig ist.

Fußballmuseum Dortmund
Vor dem Fußballmuseum
Mammut Tinka sitzt auf Fernseher im Fußballmuseum
Tinka informiert sich über die Geschichte des Fußballs

Die Architektur und Modernität des Museums war beeindruckend. Los geht es mit jeder Menge Geschichte. Zeitungsartikel, Exponate, Fotos und Videomaterial erzählen die Geschichte des deutschen Fußballs aus der Zeit seiner Anfänge bis heute. Das Museum zeigt, erklärt, ordnet ein in Zeiten und Verhältnisse. Mal ändert der Besucher die Perspektive, mal den Standpunkt. Er testet sein Wissen am Touchscreen und kommt im 3-D-Kino seinen Stars ganz nah. Schnell haben wir festgestellt, dass das Fußballmuseum interaktiv und sehr medial und emotional ist. Eine ehemalige Kollegin führte uns durch das Museum. Sie erklärte uns sowohl Inhaltliches als auch die Abläufe der Führungen oder Kindergeburtstage. Das sind nun mal Programme, die wir im Neanderthal Museum auch anbieten. Das ist dann besonders interessant zu hören, was gut funktioniert, welche Rückmeldungen und welche Herausforderungen es gibt.

Zwei Frauen stehen in Kommentator Kabine im Fußballmuseum
Wir haben uns auch mal als Kommentatoren eines Fußballspiels versucht
Mammut Tinka im Fußballmuseum
Für Tinka gibt es viel zu entdecken

Wenn man selbst in einem Museum arbeitet, geht man natürlich immer mit einem ganz besonderen Blick durch andere Museen. Oft wird sogar weniger auf den Inhalt geachtet und wir stellen uns eher folgende Fragen: Wie viel kostet der Eintritt? Ist das Museum barrierefrei? Wie verständlich sind die Beschreibungen der Exponate? Welche Flyer gibt es? Wie ist die Ausstellung aufgebaut? Das geschulte Auge weiß eben, was für einen Museumsbesuch wichtig ist und zieht automatisch einen Vergleich. Umso spannender ist es, seinen eigenen Tunnelblick zu erweitern und immer wieder neue Inspirationen zu sammeln.
Wir bedanken uns für einen ereignisreichen Tag im Deutschen Fußballmuseum und freuen uns darauf, wenn wir die Mitarbeiter des Fußballmuseums auch mal in die Welt des Neanderthalers entführen dürfen 🙂

Und nun noch eine wichtige Frage zum Schluss: Ob der Neanderthaler wohl ein guter Fußballspieler gewesen wäre? 😉

#Tinkaontour

Mammut Tinka vor der Meisterschale
Tinka gewinnt die Meisterschale
Zu Besuch im Fußballmuseum
Den Fallrückzieher haben wir natürlich auch noch geübt.

Forschung im Museum: Das Paläolithikum im Rheinland

Im September diesen Jahres startete im Neanderthal ein Projekt zum Paläolithikum im Rheinland mit einer Laufzeit von vier Jahren. Es wird gemeinschaftlich finanziert vom Landschaftsverband Rheinland und der Stiftung Neanderthal Museum in Kooperation mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln.

Worum geht es? Seit mehr als 100 Jahre werden vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege und seinen Vorgänger-Institutionen als paläolithisch registrierte Funde und Fundstellen archiviert. Das gesamte Archiv wird nun systematisch überprüft. Die sehr heterogenen Informationen werden vereinheitlicht, auf den neuesten Stand gebracht und den vier beteiligten Institutionen für ihre tägliche Arbeit zugänglich gemacht.

Karte der altsteinzeitlichen Fundstellen in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf (blaue Punkte) auf der Verbreitung des eiszeitlichen Lösses (in den Kaltzeiten vom Wind abgelagerte feinkörnige Sedimente: Gelbtöne).

Dazu werden die vor vier Jahren erstmals aus unterschiedlichsten analogen und digitalen Archiven der rheinischen Bodendenkmalpflege in einer digitalen Gesamtdatenbank zusammengeführten Informationen lektoriert und, wo nötig und noch möglich, sukzessive am Fundmaterial und den Fundstellen selbst überprüft, aktualisiert und ergänzt.

Der Faustkeil von Hochdahl, das möglicherweise älteste Steinwerkzeug Nordrheinwestfalens (Foto: Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Im aktualisierten Zustand wird die Datenbank nicht nur als Entscheidungsgrundlage die Planung und Ausführung zukünftiger bodendenkmalpflegerischer Maßnahmen erleichtern, sondern auch die Möglichkeit bieten, sowohl das wissenschaftliche Potential einzelner Fundstellen als auch die Funde in ihrer Gesamtheit neu zu bewerten. Auf der Datengrundlage können neue Forschungsfragen und Projekte entwickelt werden.

TIPP: Am Tag der Forschung reden wir mit euch gerne über unsere aktuelle Forschung und neue wissenschaftliche Projekte!

Kontakt:

Dr. Daniel Schyle

Why we love old mud so much – 600.000 Jahre alter Matsch

600.000 Jahre alter Matsch aus äthiopischen Bohrkernen (Chew Bahir See) verrät wie die Welt unserer Vorfahren aussah

Von Verena Foerster und Frank Schäbitz (Uni Köln)

Warum bringt so richtig alter Matsch Wissenschaftler aus aller Welt in helle Aufregung? Die
Antwort ist einfach: weil in diesen sogenannten Sedimentkernen aus Südäthiopien wertvolle
Informationen über den Lebensraum und die klimatische Veränderungen unserer Vorfahren
gespeichert sind! Man spricht auch von einem natürlichen Klimaarchiv. Und genau so ein
Klimaarchiv haben wir mit einem internationalen Team von Wissenschaftlern durch eine
Tiefbohrung in einen ausgetrockneten See im Afrikanischen Rift geborgen. Derzeit werden diese insgesamt 3 t Material (was etwa 500 m Bohrkern entspricht) in den den Laboren der beteiligten Universitäten in Deutschland, Äthiopien, Wales, USA aber auch bei uns an der Universität zu Köln untersucht.

Aus den feinen sedimentären Ablagerungen kann unser Forscherteam beispielsweise
entschlüsseln unter welchen Bedingungen unsere frühen Vorfahren sich entwickelten, also welche Zusammenhänge es möglicherweise zwischen Umweltveränderungen und Evolution und Migration gibt. Neben zahlreichen Fossilien und Mikrofossilien, die in den Schichten der
Sedimentablagerungen eingebettet sind, zeigen weitere solcher sogenannter Klimaproxys (z.B.
verschiedene Korngrössen, Minerale, Farbwechsel) sehr genau wie feucht oder wie trocken das
Klima in der Vergangenheit dort war.

Am Tag der Forschung am 25. November gibt es neben so einem Stück Klimageschichte in Form von einem Bohrkern auch Mikrofossilien und Minerale unter dem Mikroskop zu entdecken, Sedimentproben zu ertasten und echte Bohrwerkzeuge zu bestaunen! Wir erklären, wie sich aus diesem „richtig alten Matsch“ Klimageschichte lesen lässt.

Die letzten Ausgrabungen in der Cueva Ardales, Spanien

Diesen Sommer reiste das Forschungsteam des Neanderthal Museums für die letzte Grabungskampagne in der Cueva Ardales wieder nach Andalusien. Seit 2015 ist unser Team zweimal pro Jahr in der Höhle, welche Anfang 2018 mit der neuen Entdeckung von Neanderthaler-Kunst Schlagzeilen gemacht hatte. Um diese neuen Erkenntnisse zu bekräftigen und neue Daten zu gewinnen, arbeiteten wir wieder im Grabungsschnitt Zone 3, direkt unterhalb einer großen Wandfläche mit roten Punkten. In diesem Schnitt hatten wir bereits in den Kampagnen zuvor Bodenschichten des Mittelpaläolithikums entdeckt. Wir trafen auch unsere spanischen Kollegen wieder, mit denen wir bereits seit Anfang der Grabungen zusammenarbeiten, um die Ausgrabung nun zum Abschluss zu bringen.

Die tägliche Arbeit in Zone 3

Hier saßen wir nun, Schulter an Schulter, um Schichtverläufe und Funde zu dokumentieren, während andere Teammitglieder im Labor oder im Büro weitere Schritte der Nachbearbeitung unternahmen. Im Labor und dem Büro wurde Sediment gewaschen und sortiert, und hier wurden auch die Funde in unseren Katalog eingetragen. Wir freuten uns besonders auf die zahlreichen Besucherinnen und Besucher nach der diesjährigen ESHE Konferenz in Faro, unter anderem die Kollegen Dirk Hoffmann (Leipzig) und Chris Standish (Southhampton), die neue Proben der Wandkunst entnahmen.

Proben der Kunst aus Hoffmann et al., 2018 (Science 359/6378, S. 912-915)

Wir waren traurig, nach so vielen Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit Andalusien zurück zu lassen, aber freuen uns auf die nächste Phase des Projekts – die Datenauswertung. Nun, da die Fundstelle geschlossen ist, sind wir bereit neue Erkenntnisse aus den Daten zu gewinnen und weiter unseren Beitrag zur Erforschung der Kultur der Neanderthaler beizutragen.

Taylor Otto, Wissenschaftliche Museumsmitarbeiterin & Doktorandin an der Universität zu Köln

Kimchiii! Neanderthal in Korea

Auch ohne das koreanische Äquivalent unseres Foto-Schlachtrufs „Cheeseeee“ hat man auf Dienstreise in Süd-Korea jede Menge Gründe für ein seliges Lächeln. Vor etwa einem halben Jahr kontaktierte uns das Seokjangni-Museum aus Süd-Korea, das eine neue Sonderausstellung zum Thema „Neanderthaler“ geplant hatte. Nachdem unser Museum hierfür ein denkbar geeigneter Partner ist, beschloss man:

Wir stellen Seokjangni den Skelett-Abguss unseres Neanderthalers, Informationen, Beratung und Medien, und dafür fliegt ein unverschämt glücklicher Mitarbeiter zwecks Konferenzbeitrag, Führungen und Vortrag nach Asien. Ein guter Deal, wenn man besagter Mitarbeiter ist. Ungemein lästig, wenn man als Kollege weiterhin im Mettmanner Büro sitzt und am laufenden Band koreanischen Food Porn gewhatsappt kriegt:

Für all jene, deren Geografiekenntnisse ähnlich frisch sind wie die meinen (und besonders für jene, welche alle Teile Asiens mit einem ahnungslos-gleichgültigen „China“ abstempeln): Seokjangni ist die am frühesten wissenschaftlich ergrabene paläolithische Fundstelle Süd-Koreas, liegt etwa in der östlichen Mitte des Landes und somit nahe der 130.000 Einwohner zählenden Stadt Gongju. Die nähere Umgebung hat mehrere UNESCO-Kulturdenkmäler zu bieten, so zum Beispiel die Gongsanseong-Festung oder die königlichen Gräber von Songsan-ri. Seoul, die 10-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Südkoreas, liegt gute zwei Stunden Busfahrt nahe der Ostküste in Richtung Norden. Seokjangni und Gongju hingegen sind von bewaldeten Hügeln umgeben und werden von einem Fluss mittig geteilt.

Links: Lage von Seokjangni. Wir reisten über Incheon Airport an und wurden per Bus in die Landesmitte gebracht. Rechts: Gongsanseong-Festung

An Flussufer liegen Fundstelle, Museum und Festivalgelände von Seokjangni. Stadt und Museum arbeiten eng zusammen, um alle zwei Jahre das mehrtägige „World Palaeolithic Festival“ auf die Beine zu stellen, diesmal von . „World“ im Sinne von international – es werden Gäste aus Japan, Frankreich, Marokko und eben auch Deutschland eingeladen. „Palaeolithic“ im Sinne von „ziemlich paläo“ – neben lokalen und internationalen Steinzeit-Koryphäen taucht gerne mal ein zotteliger Walking Act im Leoparden-Janker* auf, um ein allgemeines „Ugha“ zu äußern. Und „Festival“ im Sinne von Party auf einem Gelände mit Größe der Düsseldorfer Altstadt, und zwar mit allem, was bei uns ein Museumsfest, Jahrmarkt, Stadtfest, Fortbildungstag sowie Lichterfest im Kombination bieten würden.

(Man beachte den Pfeil unten links im Plakat)

Die deutschen Kollegen in Aktion, von links oben nach rechts unten: Wulf Hein, Ruth Hecker, Cornelia  Lauxmann. Links unten die koreanischen Walking Acts

In Zusammenarbeit mit unserer Ausstellungsabteilung und Leihgaben aus Berlin haben die koreanischen Kollegen eine gute Einführung zum Thema Neanderthal gestaltet. Bei meinen täglichen Führungen kam belustigenderweise auch immer wieder die Frage, ob denn nicht alle Europäer direkt vom Neanderthaler abstammten? Knapp daneben, wie wir erklären konnten. Übersetzerin „Joyce“ (für Europäer werden gerne englische Ersatznamen angeboten) erklärte desweiteren, dass einer der einführenden Ausstellungstexte freundlicherweise darauf hinwies, Europäer bitte nicht als Neanderthaler zu bezeichnen – sie könnten es als Beleidigung missverstehen 😉 Insbesondere medial war die Sonderausstellung “Neanderthal man” auf neuestem Level, und begeisterte beispielsweise mit einem berührungssensitiven Media-Wall für die jüngsten Besucher.

Die Sonderausstellung, die tollen Volunteers und unsere Dolmetscherin

Einen Tag vor Festival-Beginn wurde am lokalen Unicampus das Seokjangni Forum, eine Konferenz zum Austausch über erfolgreiche Wissensvermittlung in der paläolithischen Forschung abgehalten. Dort bekam unser Beitrag zur Museumspädagogik und unseren neuen Ausstellungen reichlich Applaus, nicht zuletzt dank der von unserer stellvertretenden Direktorin Dr. Auffermann eingesprochenen koreanischen Begrüßungsworte. Also 안녕하십니까!

Nach Forum, Festival und zahlreichen, traditionell koreanischen Geschäftsessen gab es noch einige Tage in der Hauptstadt Seoul, bevor es zurück nach Deutschland ging. Es war eine unerfreuliche Abreise, denn ein Land, das nebst besonderer Höflichkeit, Gastfreundschaft und absurd hoher Arbeitsmotivation selbst aus Tierfüßen Köstlichkeiten fertigen kann, will  man einfach nicht verlassen.

*Für Marmeladinger siehe http://www.oesterreichisch.net/oesterreich-1482-.html?letter=J