Schlagwort-Archive: Archäologie

Projekt Paläolithikum im Rheinland – Sammler als ehrenamtliche Stützen der Archäologie

Am 5. Oktober findet der nächste Bestimmungstag im Neanderthal Museum statt. An diesem Tag habt ihr die Möglichkeit eure steinzeitlichen Funde von Forschern bestimmen zu lassen. Um jetzt schon einen kleinen Einblick zu bekommen, berichten wir euch vom aktuellen Projekt Paläolithikum im Rheinland, bei dem mehrere Tausend Funde eines Privatsammlers überprüft werden.

Das Projekt ist in der zweiten Phase: Überprüfung der Funde vor Ort, derzeit im Magazin des Rheinischen Landesmuseums Bonn (RLMB).
Um zu Beginn erst einmal die Vorgehensweise am Material selbst zu testen, bot sich eine kürzlich vom RLMB erworbene und noch nicht inventarisierte Privatsammlung an, die außer sehr vielen jüngeren Funden auch einige paläolithische Fundstellen enthält.

Eine der mit Steinartefakten prall gefüllten Fundkisten im Magazin des RLMB.

Ein kleiner Schock war allerdings der Umfang: es handelt sich um etwa 50.000 Funde, die in Kistenstapeln auf insgesamt vier Europaletten im Magazin abgelegt waren. All diese Funde hat der Sammler in etwa 40 Jahren kontinuierlicher Tätigkeit zusammengetragen, fein säuberlich beschriftet und nach Fundorten dokumentiert. Diese außergewöhnliche Sammlung ist der Anlass, hier einmal kurz die Bedeutung der Privatsammler für die prähistorische Archäologie hervorzuheben.

Einer der vielen heute noch ehrenamtlich tätigen Sammler bei seiner liebsten Beschäftigung.
© M.Baales/LWL

Nicht erst seit den Indiana Jones-Filmen ist für viele von uns die Archäologie eine Beschäftigung von wenigen hochspezialisierten und manchmal etwas weltfremden Wissenschaftlern, die zumeist im Auftrag staatlicher Organisationen an exotischen Fundorten auf der ganzen Welt auf ‚Schatzsuche‘ sind, auch wenn es sich nicht zwangsläufig immer um materiell wertvolle Schätze handelt.

Dabei tritt völlig in den Hintergrund, dass die europäische Geschichte der Archäologie vor der eigenen Haustür mit dem Sammeln von Kuriositäten überhaupt erst begonnen hat.
Es war nämlich ein französischer Zollbeamter, Jacques Boucher de Crèvecœr de Perthes, der in seiner offenbar reichlich bemessenen Freizeit um 1830 merkwürdig geformte Steine in den Schottern der Somme im nordfranzösischen Abbéville aufsammelte und vermutete, dass es sich wohl um vor langer Zeit vom Menschen bearbeitete Steinwerkzeuge handeln müsse. Als zusammen mit diesen Steinen auch noch Knochen von „vorsintflutlichen“ ausgestorbenen Tieren gefunden wurden, wurde ganz allmählich offenbar, vor wie langer Zeit das geschehen sein musste. So wurde ein sammelnder Zollbeamter zum Begründer der prähistorischen Archäologie.

Jacques Boucher de Crèvecœr de Perthes (1788-1868), Zolldirektor, Sammler und ‚Vater‘ der prähistorischen Archäologie.
© Wikipedia

Heutzutage hat sich die prähistorische Archäologie professionalisiert und ist als Studienfach an gar nicht so wenigen Universitäten zu erlernen. Aber immer noch, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, gehen Amateure (auf Deutsch: Liebhaber) mit aufmerksamem Blick auf den Boden über die Felder vor ihrer Haustür und machen täglich kleinere oder größere Funde, ganz so wie Boucher de Perthes vor nun fast 200 Jahren. Das Sammeln von Steinwerkzeugen von der Oberfläche ist generell erlaubt und wenn die Funde der Bodendenkmalpflege gemeldet werden, verbleiben sie auch meist im Besitz der Sammler.

Ein Faustkeil aus den Schottern der Somme mit eigenhändiger Beschriftung von de Perthes, den er an Edouard Lartet verschenkte.
© Wikipedia

Für die staatliche Bodendenkmalpflege sind diese Aktivitäten von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Zwar unternimmt sie selbst auch immer wieder Feldbegehungen zur Begutachtung von Flächen, die von Baumaßnahmen und potentieller Zerstörung bedroht sind, kann das aber in der Regel nur ein- oder maximal zweimal tun, bevor sie eine Entscheidung für immer treffen muss. Sammlungen von Amateuren, die in der Regel über viele Jahre immer wieder das gleiche Feld begangen haben, sind da allein aufgrund ihres Umfangs erheblich aussagekräftiger als die kleinen Serien, die die professionelle Bodendenkmalpflege bei einer oder zwei Begehungen eines Feldes finden kann. Die privaten Sammlungen können also wertvolle Hinweise liefern, in welchem Umfang wo mit welchen Funden zu rechnen ist – und das ganz umsonst. Voraussetzung ist eine minimale Dokumentation der Funde, die insbesondere den genauen Fundort und heutzutage im optimalen Fall die GPS-Koordinaten des einzelnen Funds umfassen sollte.

Daniel Schyle

Kleine sächsische Klimageschichte in 3 Akten

Es ist wieder Zeit für den #ArchaeoSwap, jenen Tauschtag, an dem archäologische Museen in ganz Deutschland ihre Social-Media-Kanäle swappen – also tauschen – und so auf ein ganz anderes Publikum treffen als sonst. In diesem Jahr wurde hinter den Kulissen für eine thematische Begrenzung gestimmt: es soll um den Klimawandel gehen. Was haben archäologische Museen zum Thema Klimawandel bzw. Klimakrise beizutragen? Eine ganze Menge wie wir im folgenden Drama zeigen wollen. Heute bespielen wir, das staatliche Museum für Archäologie in Chemnitz – kurz: smac – die Kanäle des Neandertal Museum in Mettmann. Vorbereitet haben wir ein ganz klassisches dreiteiliges Drama, das sich durch die drei Etagen unserer Dauerausstellung arbeitet, mit einer ebenso klassischen Katastrophe am Ende.

ERSTER AKT: EXPOSITION (DIE VORAUSSETZUNGEN)

Unsere kleine sächsische Klimageschichte beginnt 1844 mit einem Mann, den es friert. Es ist Bernhard von Cotta, ein Geologe der sich mit zwei Kollegen auf die Suche nach Beweisen macht, dass Teile des heutigen Sachsens einst von riesigen Gletschermassen bedeckt gewesen sind. Diese Idee hatte sich seit Beginn des Jahrhunderts langsam in der Geologie verfestigt und 1844 wurden die Männer bei Wurzen fündig. Rillen und Ritzungen an Felsen identifizierten sie als Gletscherschliffe, also Zeugnisse für die Bewegung der Eismassen auf Gestein. Alles begraben unter Eis? Cotta notiert: „Sollten die nordischen Gletscher wirklich von den Skandinavischen Bergen bis an die Wurzner Hügel gereicht haben? Mich friert bei dem Gedanken!“

Es brauchte noch drei weitere Jahrzehnte, bis der Gedanke von einer Zeit weit über die eigene Vorstellungskraft und die biblische Schöpfungsgeschichte hinaus in den Köpfen einen Platz fand.

Als das Mammut noch in Sachsen lebte. Im Vordergrund links ein Backenzahn aus dem Fundgebiet Markkleeberg | © smac, LfA

Zeitsprung. Es ist 350.000 Jahre vor heute. Die Gletscherzungen der riesigen nordeuropäischen Eismasse reichen bis in die heutigen Gegenden von Pirna, Chemnitz und Zwickau. Südlich des Eises breitet sich eine nahezu baumlose, als Mammutsteppe bezeichnete, Landschaft mit Gräsern und Kräutern aus. Mammuts, Bisons, Rentiere, Wollnashörner und eine Vielzahl von Kleinsäugern bevölkern den Lebensraum während dieser Kaltzeit, die Elsterkaltzeit genannt wird. Ihr werden zwei weitere Kaltzeiten folgen, deren Eisrandlagen sich schrittweise nach Norden verschieben. Während der Saalekaltzeit vor etwa 250.000 Jahren reichen sie nur noch bis zur Linie Bautzen-Dresden-Grimma und während der Weichselkaltzeit vor ca. 115.000 Jahren wird die Grenze des heutigen Sachsens bereits knapp verfehlt, die letzten Ausläufer liegen nördlich von Cottbus.

Klimaforschung im smac. Eisbohrkerne geben Aufschluss über den Verlauf großerer Klimaanderungen der letzten 600.000 bis 800.000 Jahre. | © smac, LfA

In einem sehr weiten Rahmen betrachtet, befinden wir uns aktuell also in einer Warmzeit, die mit dem Rückzug der letzten Eismassen vor 12.000 Jahren begann und bis heute anhält.¹ In diesem weiten Rahmen muss auch die Geschichte der Menschheit betrachtet werden, denn die Gattung Homo gibt es seit 2 Millionen Jahren, wir sind so gesehen Kinder der Eiszeit, wenngleich wir erst nach dem Ende der Kaltzeiten unseren Siegeszug antraten. Seitdem hat sich das Ökosystem zu der Form entwickelt, die wir heute vor der Haustür haben. Aus der Steppe wurde Wald. Die in großen Herden umherwandernden Pflanzenfresser wie Rentier oder Pferd, welche die Lebensgrundlage der eiszeitlichen Menschen darstellten, verschwinden. In weiten Teilen des heutigen Sachsens verändern sich so Klima und Lebensraum für Tier und Mensch erheblich. Was bedeutet das? Und woher wissen wir das so genau?

Klimakurve und Einfluss des Menschen| © smac, LfA

In einem Zeitalter häufiger und extremer Klimaschwankungen muss der Neandertaler flexibel sein. Je nach Klimagunst oder –ungunst besiedelte er bestimmte Gebiete oder zog sich wieder zurück. Vor allem im Norden Sachsens finden sich seine Spuren. Als es mit dem Ende der Weichselkaltzeit zu einer dauerhaften Klimaerwärmung der nördlichen Hemisphäre kommt, verändert sich auch die Umwelt entscheidend. Die Lebenswelt der Menschen ist nun dicht bewaldet, eine Sicht über weite Entfernungen gibt es nicht mehr. Die Kommunikation untereinander, das rechtzeitig Erkennen von Feinden, veränderte Jagdvoraussetzungen ein angepasster Speiseplan sind die Folgen.

Ganz konkret lassen sich neue Werkzeuge zur Bearbeitung von Bäumen wie Steinbeile oder Äxte in den Fundgebieten nachweisen. Besonders um Rochlitz, im Gebiet der Mulde zwischen Wurzen und Trebsen, entlang der Elbe sowie gehäuft in der nördlichen Oberlausitz sind Siedlungsspuren zu finden. Die zur Jagd in der offenen Tundra geeignete Speerschleuder wurde am Ende der Eiszeit nach und nach von Pfeil und Bogen ersetzt, denn auf dem Speiseplan steht nun Standwild wie Hirsch, Reh oder Elch.

Modell des altsteinzeitlichen Siedlungs-/Werkplatzes von Markkleeberg | © smac, LfA

Es ist 280.000 Jahre vor heute: an einem Flussufer im heutige Markleeberg (Lkr. Leipzig) leben über einen längeren Zeitraum kleine Gruppen von altsteinzeitlichen Sammlern und Jägern, vielleicht eine frühe Form des Neandertalers. Die zweite Kaltzeit (Saalekaltzeit) bricht langsam an. Von ihrem Alltagsleben haben sich nur Steinartefakte erhalten, Steinwerkzeuge und der Abfall der Herstellungsprozesse zeugen von geschickten Vorfahren.

ZWEITER AKT: ENTWICKLUNG

Die Zeit des Umbruchs von der Jäger- und Sammlerwirtschaft mit mobiler Lebensweise hin zu Getreideanbau und Tierhaltung und der Entstehung erster Siedlungen nennen wir „Neolithisierung“. Dieser tiefgreifende Wandel der Lebensweise der Menschen kommt als Ideengut aus der Region des Fruchtbaren Halbmondes über einen langen Zeitraum nach Mitteleuropa. In Sachsen erreichten um 5500 v.Chr. die ersten Siedler zunächst das Dresdner Elbtal. Wir nehmen an, dass es ein friedliches Nebeneinander von Neuankömmlingen und einheimischer Bevölkerung war. Durch Pollenproben aus ergrabenen Brunnen dieser Zeit kann man den Beginn der Landwirtschaft für diesen Zeitraum nachweisen. Den Lebensraum der Menschen müssen wir uns als einen „Flickenteppich aus Siedlungen, landwirtschaftlich genutzten Garten und kleinen Feldern am Rande von dicht bewaldeten Auen oder auch inmitten der weit verbreiteten Eichenmischwälder vorstellen“.²

Modell einer Siedlungslandschaft zur Zeit der Stichbandkeramik um 4700 v. Chr. in Dresden-Nickern. | © smac, LfA

Die ersten wirklich sesshaften Bewohner Sachsens leben in aus heutiger Sicht unverhältnismäßig großen Häusern, die an sich bereits ein Statement sind. Sie stehen dafür, dass sich der Mensch erstmals nicht der Natur unterwarf, sondern diese nachhaltig gestaltete und beeinflusste. Für die Felder und Siedlungen wurden Wälder gerodet. Aus archäologischen Grabungen wissen wir, dass die 6 Meter breiten und zwischen 25 und 50 Meter langen (!) Häuser deutlich mehr Holz verbaut wurde, als statisch gesehen notwendig gewesen wäre. Die vermutlich dreigeteilten Gebäude verfügten über Eingangs- bzw. Lagerbereich, gedämmtem Wohnbereich und einem luftigeren, kühleren Bereich im hinteren Teil.

Modell eines massiven Langhauses. | © smac, LfA

In der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. wandeln sich die Siedlungen, die Häuser werden kleiner, genaue Grundrisse sind schwerer nachzuweisen, da da die Spuren weitaus unscheinbarer sind. Der Platz wird nun für Äcker und Weideflächen gebraucht. Die zyklische Verlagerung der Flächen und eine mobilere Lebensweise brauchen deutlich mehr Raum, der Eingriff in die Natur wird größer.

Mit dem Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. fasst eine neue Ideenwelt Fuß, die wir Becherkulturen beschreiben können. Vor allem archäologische Funde aus Gräbern dieser Zeit geben uns einen Einblick in die Lebenswelt. Es finden sich nun Waffen in den Gräbern, die Toten weisen Wunden auf. Gibt es kriegerische Auseinandersetzungen? Becher und zum Teil nachweisbare Alkoholrückstände an ihnen weisen auf rituelle Trinkhandlungen hin. Metallschmuck und Dolche und Beile aus Kupfer zeugen vom Abbau von Erz und den Kenntnissen der Verarbeitung. Pflugbau lässt sich nachweisen. Der Mensch wird effektiver und nutzt Rinder als Zugtiere. Insgesamt scheint die Lebenswelt komplexer zu werden. Um 3500 v.Chr. wird außerdem eine drastische Klimaverschlechterung angenommen, die als „vorbronzezeitliche Abkühlung“ technische, wirtschaftliche und soziale Veränderung zusätzlich beschleunigt haben könnte.

Bronzetasse Königswartha | © smac, LfA

Die Bronzezeit ab 2300 v.Chr. steht ihrem Namen nach für die Umwelt gesehen ganz im Zeichen des sich entwickelnden Bergbaus. Für Sachsen wird eine Nutzung des Zinnvorkommens im Erzgebirge ab der jüngeren Bronzezeit vermutet, darauf weisen Funde mit bronzezeitlicher Keramik im Bereich einer Zinnseife bei Johanngeorgenstadt. Nach langer Suche konnte jüngst erstmals auch frühbronzezeitlicher Kupferbergbau im Erzgebirge nachgewiesen werden. Aus einem glockenbecherzeitlichen Grab (um 2300 v.Chr.) eines Tagebauschmieds südlich von Leipzig sind neben Schleif- und Ambossteinen auch die ältesten Goldfunde, drei winzige Scheiben aus feinem Goldblech, erhalten.

Der Siegeszug des neuen Werkstoffes ist vorprogrammiert: Er lässt sich nahezu beliebig zu Waffen und Werkzeugen formen, seine Optik ist im Vergleich zu Stein wesentlich hochwertiger und noch viel wichtiger: Metall ist ein ideales Wertaufbewahrungsmittel. Seine Gewinnung und Verarbeitung jedoch geht mit einer erheblichen Belastung der Natur einher.

DRITTER AKT: KATASTROPHE

Unsere kleine Klimageschichte hat sich inzwischen am Menschen und seinen immer größer werdenden Eingriffen und Forderungen in/an die Natur hochgeschaukelt. Wir befinden uns nun kurz vor dem Höhepunkt dieses Dramas und lassen notgedrungen Aspekte im Flug der Zeit an uns vorbeirauschen.

Wir springen in die Zeit des „Großen Landesausbaus“ in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Bisher ist Sachsen in einem breiten Streifen des Erzgebirges, Erzgebirgsvorlandes, Vogtlandes und Lausitzer Berglandes nahezu unbesiedelt. Keinerlei Spuren menschlicher Besiedlung von der Steinzeit bis ins hohe Mittelalter in einem Gebiet, das in der folgenden Zeit die Geschichte des heutigen Sachsens erheblich prägen wird. Noch im 13. Jahrhundert wird das Land bis in die Kammlagen aufgesiedelt. Grundlage dafür ist wohl auch das hochmittelalterliche Klimaoptimum, das die Bevölkerung wachsen lässt und Landwirtschaft im eher unwirtlichen Erzgebirge erst ermöglicht. Ab 1168 werden bei Freiberg reiche Silbererze entdeckt. Die kurz darauf gegründete Stadt wächst schneller als jede andere in Sachsen. Doch der Bergbau macht nicht an einem Ort halt. Auf dem Treppenhauer in der Nähe von Frankenberg entsteht eine weitere Bergstadt, die keine zwei Jahrhunderte existiert und nach Erschöpfung der Silbergruben wieder verlassen wird.

Ganz anders lief die Entwicklung Dippoldiswaldes. Niemand wusste davon, dass das beschauliche Erzgebirgsstädtchen einstmals ein Zentrum des Silberbergbaus war, bis 2008 in einem Keller der Boden einbrach und nach und nach ein verzweigtes Gangsystem entdeckt wurde, das Bergleute im 13. Jahrhundert angelegt hatten. Die Untersuchungen dort dauern an und bringen immer wieder neue Erkenntnisse zur frühen Bergbautechnik zutage.

Wir springen zu einem weiteren Mann. 1556 erscheint das Buch XII libri de rei metallica von Georgius Agricola (in späterer deutscher Übersetzung: Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen). Das Werk mit seinen 292 detailgetreuen Holzschnitten wird für zwei Jahrhunderte die Fibel der Bergbauwissenschaft sein. Sachsen hatte sich seit der Entdeckung ergiebiger Silbererzadern 1470 in Schneeberg zum wichtigsten Bergbauterritorium in deutschen Landen entwickelt. Das „Zweite Berggeschrey“ bringt Reichtum einerseits (und auch nicht für alle) und eine tiefgreifende Veränderung der Umwelt andererseits. Agricola selbst geht ausführlich darauf ein. Die „Tadler“ des Bergbaus, so nennt er jene, die den Bergbau als gefährlichen und unwürdigen Eingriff in die Natur verurteilen, erheben schwere Vorwürfe:

Holzschnitt aus dem dritten Buch vom Berg- und Hüttenwesen, S. 58 (Agricola)

“Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet, […] Wälder und Haine werden umgehauen, denn man bedarf zahlloser Hölzer für die Gebäude und das Gezeug sowie um die Erze zu schmelzen. Durch das Niederlegen der Wälder und Haine aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen; durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen sich verschaffen sollen, […] so ist vor aller Augen klar, daß bei dem Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt.” (ebd. Erstes Buch, Seite 6)

„Vor aller Augen klar“ und doch ohne Lösung, denn die präsentiert Agricola schlicht nicht. Die Beeinflussung der Natur mag auf einen Bereich Sachsens beschränkt sein, doch sie ist über- und untertage zum Teil bis heute vorhanden. Angriffsflächen für Erosion durch Wasser und Wind und Eingriffe in das Ökosystem haben dem einst florierenden Bergbaugebiet nachhaltig geschadet.

Modell eines Braunkohlebaus 1:250 | © smac, LfA

Das Zeitalter der Industrialisierung schließlich, hat den Menschen in Sachsen und weit darüber hinaus zu ungeahntem Wohlstand und Macht verholfen. Kohle, Elektrizität, Maschinenbau, Automatisierung. Der Rest ist Geschichte und wir alle kennen diese Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Umwelt ziemlich gut, sie ist hervorragend dokumentiert, Archäologen sind dafür kaum mehr zuständig. Eisenbahnnetze entstehen (und verkümmern im Chemnitzer Fall *wir blicken vorwurfsvoll an dieser Stelle*), Chemnitz als sächsisches Manchester. Schornsteine.

März im Jahr 2019. Vor den Foyerschaufenstern des smac laufen rund 2000 Schüler mit Transparenten in Richtung Sonnenberg. Auf ihren Schildern steht „save the world now“.


¹ Die Abfolge von Kalt- und Warmzeiten unterliegt einem Rhythmus, der nach seinem Entdecker Milankovitch-Zyklus benannt ist. Er beschreibt, dass eine etwa 85.000 Jahre andauernde Kaltzeit von kürzeren Warmzeiten von etwa 10.000 bis 20.000 Jahren unterbrochen wird. Zwischen diesen langen, etwa 100.000 Jahre dauernden Zyklen gibt es immer wieder größere Klimaschwankungen, die sich aber nicht vollends zu einer Kaltzeit oder einer Warmzeit entwickeln.

² Katalog, S. 94

Forschung im Museum: Das Paläolithikum im Rheinland

Im September diesen Jahres startete im Neanderthal ein Projekt zum Paläolithikum im Rheinland mit einer Laufzeit von vier Jahren. Es wird gemeinschaftlich finanziert vom Landschaftsverband Rheinland und der Stiftung Neanderthal Museum in Kooperation mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln.

Worum geht es? Seit mehr als 100 Jahre werden vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege und seinen Vorgänger-Institutionen als paläolithisch registrierte Funde und Fundstellen archiviert. Das gesamte Archiv wird nun systematisch überprüft. Die sehr heterogenen Informationen werden vereinheitlicht, auf den neuesten Stand gebracht und den vier beteiligten Institutionen für ihre tägliche Arbeit zugänglich gemacht.

Karte der altsteinzeitlichen Fundstellen in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf (blaue Punkte) auf der Verbreitung des eiszeitlichen Lösses (in den Kaltzeiten vom Wind abgelagerte feinkörnige Sedimente: Gelbtöne).

Dazu werden die vor vier Jahren erstmals aus unterschiedlichsten analogen und digitalen Archiven der rheinischen Bodendenkmalpflege in einer digitalen Gesamtdatenbank zusammengeführten Informationen lektoriert und, wo nötig und noch möglich, sukzessive am Fundmaterial und den Fundstellen selbst überprüft, aktualisiert und ergänzt.

Der Faustkeil von Hochdahl, das möglicherweise älteste Steinwerkzeug Nordrheinwestfalens (Foto: Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Im aktualisierten Zustand wird die Datenbank nicht nur als Entscheidungsgrundlage die Planung und Ausführung zukünftiger bodendenkmalpflegerischer Maßnahmen erleichtern, sondern auch die Möglichkeit bieten, sowohl das wissenschaftliche Potential einzelner Fundstellen als auch die Funde in ihrer Gesamtheit neu zu bewerten. Auf der Datengrundlage können neue Forschungsfragen und Projekte entwickelt werden.

TIPP: Am Tag der Forschung reden wir mit euch gerne über unsere aktuelle Forschung und neue wissenschaftliche Projekte!

Kontakt:

Dr. Daniel Schyle

Feste und Fotos

Planung, Vorbereitung & Umsetzung von Museumsfest und Sonderausstellung

Kurz vor der finalen Phase des Aufbaus der kommenden Sonderausstellung Wisent, Bison, Buffalo und nach dem sehr erfolgreichen und schönen Museumsfest wollen wir ein bisschen von unseren Vorbereitungen, Planungen und Umsetzungen für das Museumsfest und die kommende Sonderausstellung berichten. Wir, das sind Carina Bammesberger, wissenschaftliche Volontärin im Bereich Ausstellungsprojekte und Florian Gumboldt, wissenschaftlicher Volontär in der Abteilung Bildung und Vermittlung!

Die Organisation des Museumsfestes fällt immer in den Bereich des wissenschaftlichen Volontärs der Abteilung Bildung und Vermittlung. Wie auch im vergangenen Jahr ist es meine (Florian) Aufgabe gewesen, dass diesjährige Museumsfest zu planen und umzusetzen. Bereits im November des vergangenen Jahres hatte ich mit der Planung für das Fest begonnen. Erste Ideen für besondere Aktionen, “Save the Date”-Mails an unsere vielen externen Akteure und ein erster Material-Check gehörten zu dieser frühen Planungsphase. Weitere sollten folgen…!

Fröhliches Ofenbauen für das Brotbacken

Zwei Wochen vor dem Museumsfest gab es mein erstes persönliches Highlight. Nachdem im vergangenen Jahr unser alter Lehmofen, nach 20 Jahren, zerbrochen war, haben Archäologe Wolfgang Heuschen, Archäologie-Studentin Joana Steffens und ich einen neuen gebaut. Nach zwei Tagen harter Arbeit, Faszination, Frustration, Hitze, viel Wasser, Eis und Pommes (Vielen Dank an Biene!) konnte dieser endlich zum Trocknen im Museumsgarten aufgestellt werden. In den letzten zwei Wochen vor dem Museumsfest stand dann der letzte Materialcheck an, bei dem ich von unserer Praktikantin Maike unterstützt wurde. Für unsere Speerschleuder-Station wurden von uns die letzten Speere gefertigt, die fehlenden Ersatzteile für unsere Jurte besorgt (Die Jurte hatte sich im vergangenen Jahr, während eines Sturms, selber abgebaut!) und die Verpflegung für unsere Akteure und Helfer eingekauft.

Sommerliches Wetter am Museumsfest

Den Freitag vor dem Museumsfest haben wir genutzt, um die Drängelgitter, die Pavillons und Biergarten-Garnituren am Fundort und im Museumsgarten aufzubauen. Obwohl das Fest am Samstag erst um 14 Uhr seine Tore geöffnet hat, waren wir schon gegen 10 Uhr vor Ort. Vor Eröffnung musste das Material an die einzelnen Stände verteilt werden, die ankommenden Akteure und Helfer eingewiesen werden und letzte Probleme gelöst werden. Wie immer dauert dies bis zur letzten Minute (14:05!!!). Doch am Ende konnten wir eines der erfolgreichsten Museumsfest bisher feiern, vielen kleinen und großen Besuchern zwei unvergessliche Tage bieten und ein tolles Fest am Sonntagabend mit einem gemütlichen Grillabend für alle Akteure und Helfer abschließen. In der folgenden Woche wurden die letzten Materialien zurück an ihren Platz geräumt und danach der Abbau der Sonderausstellung “Eiszeit-Safari” gestemmt. Die neue Sonderausstellung “Wisent, Bison, Buffalo” kann kommen und das nächste Museumsfest, im kommenden Jahr, auch das nächste Museumsfest, im kommenden Jahr, auch!

Tinka mit Carina in der Wisentwelt

Die Planung und Gestaltung der kommenden Sonderausstellung Wisent, Bison, Buffalo fällt in meinen (Carina) Aufgabebereich. Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Fotoausstellung mit Fotographien über amerikanische Buffalo von Heidi und Hans-Jürgen Koch. Da das Neanderthal Museum ein Vor- und Frühgeschichtliches Museum ist, war es unser Anliegen, auch die eiszeitlichen Steppenbisons und die noch heute lebenden Wisente in die Ausstellung zu integrieren. Beides sind übrigens Verwandte des amerikanischen Buffalos. Ich recherchierte nach eiszeitlichen Kleinkunstobjekten,  zumeist Schnitzereien aus Geweih, die Steppenbisons abbilden.

Höhlenkunst aus Niaux, Frankreich

Aus der hauseigenen Sammlung von Fotographien eiszeitlicher Höhlenbilder suchte ich die schönsten Darstellungen von Steppenbisons aus. Mit der Auswahl aller Objekte ging es an den Ausstellungsplan – wo und wie sollten die Objekte in unserer Ausstellungsfläche präsentiert werden? Informationstexte zu den einzelnen Bereichen der Ausstellung und zu jedem einzelnen Objekt dürfen in einer Ausstellung natürlich auch nicht fehlen. Um mich über die heute noch lebenden Wisente zu informieren, besuchte ich zusammen mit Florian die Wisentwelt in Wittgenstein. Von hier nahmen wir Anregungen für Kinderstationen in unserer Ausstellung und Infomaterial über die Wisentzucht mit, die in der Ausstellung für den Besucher zur Verfügung gestellt werden sollen. Die fertige Ausstellung, mit Kleinkunstobjekten, Höhlenmalereien und den beeindruckenden Buffalobildern, kann ab dem 15.9.2018 bestaunt werden!

Kollegin Hucklenbruch mit Staplerführerschein – bei Auf/Abbauten ein Hit!

 

Kimchiii! Neanderthal in Korea

Auch ohne das koreanische Äquivalent unseres Foto-Schlachtrufs „Cheeseeee“ hat man auf Dienstreise in Süd-Korea jede Menge Gründe für ein seliges Lächeln. Vor etwa einem halben Jahr kontaktierte uns das Seokjangni-Museum aus Süd-Korea, das eine neue Sonderausstellung zum Thema „Neanderthaler“ geplant hatte. Nachdem unser Museum hierfür ein denkbar geeigneter Partner ist, beschloss man:

Wir stellen Seokjangni den Skelett-Abguss unseres Neanderthalers, Informationen, Beratung und Medien, und dafür fliegt ein unverschämt glücklicher Mitarbeiter zwecks Konferenzbeitrag, Führungen und Vortrag nach Asien. Ein guter Deal, wenn man besagter Mitarbeiter ist. Ungemein lästig, wenn man als Kollege weiterhin im Mettmanner Büro sitzt und am laufenden Band koreanischen Food Porn gewhatsappt kriegt:

Für all jene, deren Geografiekenntnisse ähnlich frisch sind wie die meinen (und besonders für jene, welche alle Teile Asiens mit einem ahnungslos-gleichgültigen „China“ abstempeln): Seokjangni ist die am frühesten wissenschaftlich ergrabene paläolithische Fundstelle Süd-Koreas, liegt etwa in der östlichen Mitte des Landes und somit nahe der 130.000 Einwohner zählenden Stadt Gongju. Die nähere Umgebung hat mehrere UNESCO-Kulturdenkmäler zu bieten, so zum Beispiel die Gongsanseong-Festung oder die königlichen Gräber von Songsan-ri. Seoul, die 10-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Südkoreas, liegt gute zwei Stunden Busfahrt nahe der Ostküste in Richtung Norden. Seokjangni und Gongju hingegen sind von bewaldeten Hügeln umgeben und werden von einem Fluss mittig geteilt.

Links: Lage von Seokjangni. Wir reisten über Incheon Airport an und wurden per Bus in die Landesmitte gebracht. Rechts: Gongsanseong-Festung

An Flussufer liegen Fundstelle, Museum und Festivalgelände von Seokjangni. Stadt und Museum arbeiten eng zusammen, um alle zwei Jahre das mehrtägige „World Palaeolithic Festival“ auf die Beine zu stellen, diesmal von . „World“ im Sinne von international – es werden Gäste aus Japan, Frankreich, Marokko und eben auch Deutschland eingeladen. „Palaeolithic“ im Sinne von „ziemlich paläo“ – neben lokalen und internationalen Steinzeit-Koryphäen taucht gerne mal ein zotteliger Walking Act im Leoparden-Janker* auf, um ein allgemeines „Ugha“ zu äußern. Und „Festival“ im Sinne von Party auf einem Gelände mit Größe der Düsseldorfer Altstadt, und zwar mit allem, was bei uns ein Museumsfest, Jahrmarkt, Stadtfest, Fortbildungstag sowie Lichterfest im Kombination bieten würden.

(Man beachte den Pfeil unten links im Plakat)

Die deutschen Kollegen in Aktion, von links oben nach rechts unten: Wulf Hein, Ruth Hecker, Cornelia  Lauxmann. Links unten die koreanischen Walking Acts

In Zusammenarbeit mit unserer Ausstellungsabteilung und Leihgaben aus Berlin haben die koreanischen Kollegen eine gute Einführung zum Thema Neanderthal gestaltet. Bei meinen täglichen Führungen kam belustigenderweise auch immer wieder die Frage, ob denn nicht alle Europäer direkt vom Neanderthaler abstammten? Knapp daneben, wie wir erklären konnten. Übersetzerin „Joyce“ (für Europäer werden gerne englische Ersatznamen angeboten) erklärte desweiteren, dass einer der einführenden Ausstellungstexte freundlicherweise darauf hinwies, Europäer bitte nicht als Neanderthaler zu bezeichnen – sie könnten es als Beleidigung missverstehen 😉 Insbesondere medial war die Sonderausstellung “Neanderthal man” auf neuestem Level, und begeisterte beispielsweise mit einem berührungssensitiven Media-Wall für die jüngsten Besucher.

Die Sonderausstellung, die tollen Volunteers und unsere Dolmetscherin

Einen Tag vor Festival-Beginn wurde am lokalen Unicampus das Seokjangni Forum, eine Konferenz zum Austausch über erfolgreiche Wissensvermittlung in der paläolithischen Forschung abgehalten. Dort bekam unser Beitrag zur Museumspädagogik und unseren neuen Ausstellungen reichlich Applaus, nicht zuletzt dank der von unserer stellvertretenden Direktorin Dr. Auffermann eingesprochenen koreanischen Begrüßungsworte. Also 안녕하십니까!

Nach Forum, Festival und zahlreichen, traditionell koreanischen Geschäftsessen gab es noch einige Tage in der Hauptstadt Seoul, bevor es zurück nach Deutschland ging. Es war eine unerfreuliche Abreise, denn ein Land, das nebst besonderer Höflichkeit, Gastfreundschaft und absurd hoher Arbeitsmotivation selbst aus Tierfüßen Köstlichkeiten fertigen kann, will  man einfach nicht verlassen.

*Für Marmeladinger siehe http://www.oesterreichisch.net/oesterreich-1482-.html?letter=J

Hallo liebe Freunde des Neanderthal Museums

Wie Ihr vielleicht schon gemerkt habt, gab es heute eine freundliche Übernahme der Social-Media-Kanäle Eures Lieblingsmuseums. Das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz – kurz smac – postet im Rahmen des ersten #ArchaeoSwap auf den Accounts des Neandethal Museums. Eine wunderbare Gelegenheit für uns, um Euch über unser Haus und unsere Ausstellungen zu informieren.

(C) smac / Laslo Farkas

Das smac ist das archäologische Landesmuseum des Freistaates Sachsen. Es zeigt in seiner Dauerausstellung auf drei Etagen und etwa 3000 m² fast 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte in den heutigen Grenzen Sachsens, von der ersten Besiedlung durch Jäger und Sammler bis zur beginnenden Industrialisierung. Erfahrbar wird bei einem Gang durch unsere Dauerausstellung, wie der Mensch aus der anfänglichen Naturlandschaft allmählich eine bäuerliche Landschaft und schließlich die moderne Kulturlandschaft geformt hat.

(C) smac / Michael Schmidt

Rund 6200 Exponate und eine außergewöhnliche Ausstellungsgestaltung dokumentieren und untermalen die kulturgeschichtliche Entwicklung. Ein Highlight ist die schwebende Sachsenskulptur. Auf ihrer Fahrt durch die drei Ausstellungsetagen durchläuft sie die Jahrtausende wie im Zeitraffer. Analog gestaltet sich auch der Weg von einer Ausstellungsebene zur nächsten als Gang durch Zeit und Raum. Er führt vorbei an einem 15 Meter hohen Schnitt geologischer und archäologischer Erdschichten und wird begleitet von epochenspezifischen Klängen.

(c) smac / Michael Jungblut

Besondere Exponate, die man bei einem Besuch im smac unbedingt gesehen haben sollte, sind u.a.: Das Schieferplättchen von Groitzsch, das mit einem Alter von ca. 14.000 Jahre die älteste bildliche Darstellung in Sachsen ist.

(c) smac / Michael Jungblut

Der Brunnen aus Altscherbitz mit den zugehörigen Funden aus der Zeit vor 7200 Jahren.

Ins Staunen kommt man vor der 40 Meter langen Vitrinenwand in der dritten Etage, die Alltagsobjekte vom Mittelalter bis zur Industrialisierung enthält.

(c) smac / Michael Jungblut

Erst vor 3 Jahren im Mai 2014 eröffnet ist das smac das derzeit modernste Archäologiemuseum. Es befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude, das nach Plänen des berühmten Architekten Erich Mendelsohn errichtet und am 15. Mai 1930 als Kaufhaus des Schocken Konzerns seine Türen erstmals öffnete. Diesem besonderen Standort widmen wir uns in drei eigenständigen Ausstellungsbereichen. In den sogenannten Erkerausstellungen präsentieren wir Leben und Werk von Erich Mendelsohn, die Geschichte des Kaufhauskonzerns Schocken und die Biografie des Kaufhausgründers, Kunstmäzens und Verlegers Salman Schocken.

(c) smac / Michael Jungblut

Getreu unseres Claims „Kulturen entdecken – Geschichte verstehen“ zeigen wir in jährlichen großen Sonderausstellungen, in denen wir archäologische Themen mit aktuellen Fragestellungen verknüpfen wie Geld, Tod und Stadt oder Brücken zu Kulturen anderer Länder schlagen wie in der aktuellen Sonderausstellung „Schätze der Archäologie Vietnams“, die vor Chemnitz im LWL Museum für Archäologie Herne zu sehen war.

Na, neugierig geworden? Dann besucht uns in Chemnitz und gern auch digital unter:

Homepage: www.smac.sachsen.de

Facebook: https://www.facebook.com/smac.Staatliches.Museum.fuer.Archaeologie/

Twitter: @smac_sachsen

Instagram: @smac_Museum

 

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Die letzten Neanderthaler in Zentralspanien: die Erforschung des archäologischen Fundplatzes ‘Abrigo del Molino’ (Segovia)

Der archäologische Fundplatz “Abrigo del Molino” wurde 2012 entdeckt und wird seitdem im Rahmen des multidisziplinären Forschungsprojektes “Primeros Pobladores de Segovia” (Die ersten Siedler Segovias) erforscht, welches die Landesregierung in Castilla und León finanziert. Abrigo del Molino liegt im Tal des Eresma-Flusses, einem Nebenfluss des Douro, in der Nähe der Stadt Segovia in Zentralspanien. Es handelt sich um einen Felsvorsprung, der im Fluviokarst entstand und komplett mit Sediment gefüllt war. Unglücklicherweise wurden Teile des archäologischen Fundplatzes in den frühen 1980er Jahren durch die Legung von Abwasserrohren zerstört. Daraufhin waren die Sedimente fast 20 Jahre den Umweltbedingungen ausgesetzt, bevor Feuersteinartefakte und Knochenreste dort zum Vorschein kamen.

Seit Juli 2013 haben bereits vier Kampagnen stattgefunden. Die Leiter der Ausgrabungen, David Álvarez-Alonso, María de Andrés-Herrero und Andrés Díez-Herrero, arbeiten eng mit dem Sonderforschungsbereich SFB-806 „Our Way to Europe“ der Universität zu Köln und dem Neanderthal Museum zusammen, z.B. bei der Analyse der Mikromorphologie und der OSL- und Radiokarbondatierungen.

Als die Ausgrabungen begannen, schätzten die Forscher Abrigo del Molino als wichtigen Ort für die lokale Geschichte ein, da es sich um die älteste Besiedlung bei Segovia handelte. Von einem regionalen Standpunkt aus gesehen, ist es der einzige Fundplatz mit guter Stratigraphie in der Gegend nördlich des Iberischen Scheidegebirges. Dort sind bisher nur wenige Freilandfundstellen mit Mousterien-Besiedlungen (mittelpaläolithische Werkzeugkultur des Neanderthalers) bekannt. Heute ist dieser außergewöhnliche Fundplatz dank der neusten Datierungsergebnisse eine der wichtigsten Neanderthalerbesiedlungen der Iberischen Halbinsel und Südwesteuropas. Denn Abrigo del Molino zeigt die jüngste, chronologisch gut eingeordnete Schichtenabfolge mit Hinterlassenschaften des Neanderthalers in Zentralspanien.

Der Zeitpunkt, an dem die letzten Neanderthalerpopulationen von der Iberischen Halbinsel verschwanden, wird in der paläolithischen Archäologie viel diskutiert. Daher sind sorgfältige und genaue Datierungen von Neanderthalerfundplätzen entscheidend für die Frage, ob die Neanderthaler verschwanden, bevor der anatomisch moderne Mensch auf der Iberischen Halbinsel einwanderte, oder ob beide dort zeitglich nebeneinander lebten und sich möglicherweise auch dort vermischten – so wie es bisher nur aus Osteuropa und Westasien anhand von genetischen Untersuchungen nachgewiesen ist.

Basierend auf den neuen Radiokarbondatierungen sind die Schichten im Abrigo del Molino zwischen 42,000 und 44,000 Jahre alt, d.h. es handelt sich hierbei um die jüngste Neanderthalerbesiedlung in Zentraspanien. Das bedeutet einerseits, dass die Neanderthaler noch in Zentralspanien lebten, als anatomisch moderne Menschen zunächst in Nordspanien einwanderten – die ältesten Spuren des modernen Menschen stammen aus der Höhle El Castillo in Kantabrien. Andererseits zeigt es auch, dass die Neanderthaler in Zentralspanien früher verschwanden als im Süden der Halbinsel. Die letzten Spuren des Mousterien datieren in den südspanischen und portugiesischen Fundstellen Cueva Antón, Gruta da Oliveira und Foz do Enxarique auf zwischen 35,000 und 37,000 Jahre.

María de Andrés-Herrero

(aus dem Englischen übersetzt von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Hasta la vista, Neanderthal Museum!

Am 1. Januar 2015 habe ich angefangen, als Wissenschaftler im Neanderthal Museum zu arbeiten. Heute, fast zwei Jahre später, schreibe ich diese Zeilen aus Spanien, nur wenige Wochen, nachdem ich meine Arbeit dort beendet und Deutschland wieder verlassen habe. Nun ist der Moment für einen Rückblick auf meine Zeit im Neandertal gekommen.

Als ich das erste Mal darüber nachdachte, mich für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme zu bewerben – einer angesehenen und stark umworbenen Förderung durch die Exekutivagentur für die Forschung (REA) – suchte ich nach einer aktiven und fundierten europäischen Forschungsgruppe im Bereich der paläolithischen Archäologie und Geowissenschaften. Nachdem ich einige Möglichkeiten mit meinen Professoren und Kollegen in Spanien besprochen hatte, beschloss ich im Frühjahr 2013, Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (Direktor des Neanderthal Museums) zu kontaktieren. Prof. Weniger erforscht seit Langem die Vorgeschichte der Iberischen Halbinsel. Zudem koordiniert er seit einigen Jahren das C-Projekt des Sonderforschungsbereiches SFB-806 „Our Way to Europe“ an der Universität zu Köln, in dem die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt im westlichen Mittelmeergebiet während des Spätpleistozäns untersucht wird. Seine Arbeit einerseits als Direktor des Neanderthal Museums und andererseits als Dozent an der Universität zu Köln machten ihn für mich zu einem interessanten Partner für eine Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme. Seine sehr positive und freundliche Reaktion auf meinen Vorschlag, gemeinsam die Bevölkerungsdynamiken im Zentrum der Iberischen Halbinsel während des Spätpleistozäns zu erforschen – einem bisher eher spärlich untersuchtem Thema – überraschte mich nicht. Er war sehr interessiert an diesem Projekt.

Wir entwickelten zusammen einen Antrag mit dem Titel ‘Testing Population Hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach’. Im März 2014 erhielten wir die positive Rückmeldung, dass unser Antrag für eine Förderung ausgewählt worden war. So begann mein zweijähriges Projekt am Neanderthal Museum.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño and Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger (c) Rheinische Post. Photo. D. Janicki

Das Ziel war die geoarchäologische Untersuchung von drei ausgewählten Fundplätzen im Zentrum der Iberischen Halbinsel (nördliches Gebiet der Guadalajara Provinz). Es handelt sich um die mittelpaläolithischen Siedlungsplätze Los Casares und Peña Cabra und dem jungpaläolithischen Siedlungsplatz Peña Capón. Zusammen bilden diese Orte eine exzellente Möglichkeit, die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umgebung zu untersuchen und die zurzeit führenden Modelle zur Populationsdynamik in diesem Gebiet Iberiens zu testen. Wir wollten in Erfahrung bringen, ob Zentraliberien während des Jungpaläolithikums fast komplett unbevölkert gewesen war (wie bisher in der Forschung vermutet) und wie bzw. wann der Neanderthaler aus dieser Region verschwand – ein Thema, dass zurzeit heftig diskutiert wird.

Solch ambitioniertes Projekt benötigt die Teilnahme einer großen Anzahl an Wissenschaftlern aus den verschiedensten Bereichen der Vorgeschichtlichen Archäologie und der Geowissenschaften. Zusätzlich zu Prof. Weniger und mir, gehörten u.a. folgende Wissenschaftler zu unserer Forschungsgruppe: Martin Kehl und Nicole Klasen (Geographie, Universität zu Köln), Javier Alcolea-González und Rodrigo de Balbín-Behrmann (Archäologie, Universität Alcalá), José Yravedra (Zooarchäologie, Complutense Universität Madrid), José Antonio López-Sáez (Pollenanalyse, CSIC Spanish National Research Council), Raquel Piqué (Holzkohleanalyse, Universität Barcelona), Javier Baena-Preysler und Felipe Cuartero (Archäologie, Autonome Universität Madrid), Gloria Cuenca-Bescós (Paläontologie, Universität Zaragoza). In Zusammenarbeit mit dem Team des Neanderthal Museums waren besonders Viviane Bolin, María de Andrés-Herrero, Andreas Pastoors und Eva Roggatz wertvolle Kollegen.

An den drei genannten Siedlungsplätzen führten wir mehrere Untersuchungen durch

A) Untersuchungen zur Entstehung der Erdschichten und Fundplatzes (Mikromorphologie, Sedimentologie, Taphonomie)

B) Chronometrische Analysen der menschlichen Besiedlungsperiode (14C-, OSL- und U/Th- Datierungen).

C) Analyse der Klima- und Umweltverhältnisse des Gebietes während der untersuchten Periode (Pollen-, Phytolith(Nahrungsreste)-, Mikrofauna- und Sedimentanalysen).

D) Untersuchung der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung, und Untersuchung des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens der Gruppen (z.B. Technologie der Steinwerkzeuge und Zooarchäologie).

Wir führten an allen drei Fundplätzen Ausgrabungen durch. Eine Zusammenfassung der Kampagnen können sie hier nachlesen (Blogbeitrag 02. August 2016, Blogbeitrag 29.07.2015). Zudem wurden 2015 und 2016 die oben aufgezählten Analysen in den Laboren der unterschiedlichen Universitäten in Deutschland und Spanien ausgeführt. Obwohl einige Analysen noch im Gange sind, können wir bereits wichtige Resultate festhalten:

  1. Die Untersuchung der archäologischen Schichten durch mikromorphologische Analysen zeigt, dass die drei Fundplätze „in-situ“ (d.h. ungestört) in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben sind.
  2. Die chronometrischen Analysen (14C-, OSL- und U/Th-Datierungen) an den drei Fundplätzen waren bei einem großen Teil der Proben erfolgreich. So können wir wichtige Besiedlungen von Neanderthalern und modernen Menschen im Zentrum der Iberischen Halbinsel vor ca. 90,000 – 20,000 Jahren vor heute nachweisen.
  3. Nachweise von Pollen, Holzkohle und Kleinsäugerknochen liefern wichtige Hinweise auf die Klima- und Umweltbedingungen dieser Gegend, denn sie sind wichtige Indikatoren für ökologische Rückzugsräume. In unserem Fall können wir menschliche Besiedlungen nicht nur während kalter und trockener Klimaphasen nachweisen, sondern auch während warmer Perioden.
  4. Die Untersuchungen der Steinwerkzeug-Technologie und der durch Tierknochen nachgewiesenen Tierarten geben Hinweise auf interessante Überlebensstrategien, wie z.B. die Gewinnung von Mikro-Levallois Spitzen in feinmechanischer Ausführung in Peña Cabra, die Nutzung der tieferen Höhlenbereiche für bestimmte Aktivitäten des Neanderthalers in Los Casares oder die spezialisierte Quarzproduktion während der prä-Solutréen Perioden in Peña Capón.

Einige dieser Ergebnisse haben wir auf verschiedenen internationalen Konferenzen vorgestellt, z.B. auf der European Society for the Study of Human Evolution (ESHE) in London im September 2015 und in Alcalá de Henares im September 2016) und auf der Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Heidenheim im April 2015.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño präsentiert sein Poster auf der Tagung der Hugo Obermaier Gesellschaft im April 2015 in Heidenheim

Meine Beiträge an all diesen Konferenzen und die Ausgrabungs-Kampagnen und die darauffolgenden Analysen wurden von dem Marie-Skłodowska-Curie-Projekt, dem SFB-806 und dem Neanderthal Museum finanziert. Obwohl einige Ergebnisse noch ausstehen und bisher nur vorläufige Artikel und Präsentationen verfasst und gezeigt werden konnten, leistet unser Projekt bereits einen relevanten Beitrag für die Erforschung der spätpleistozänen Populationsdynamik in Zentraliberien.

Neben meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich wertvolle Erfahrungen durch die Teilnahme bei verschiedenen Veranstaltungen im Neanderthal Museum sammeln können, wie z.B. das Museumsfest im August 2015. Und am Tag der Forschung im November 2016 konnte ich den Museumsbesuchern meine Forschung vorstellen und mit ihnen über meine Ergebnisse diskutieren.

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño beim Museumsfest 2015

Mein Aufenthalt am Neanderthal Museum war sehr angenehm und bereichernd. Das Team ist sehr freundlich und hilfsbereit und hat mich in seiner Mitte aufgenommen, so dass ich mich von Anfang an zugehörig fühlte. Ich wohnte mit meiner Familie während dieser zwei Jahre im nahen Erkrath-Hochdahl, dem „Fundort des Neanderthalers“. Dort hatte ich ebenfalls eine wunderbare Zeit. Heute wissen wir, dass die Neanderthaler eine hochentwickelte Kultur besaßen und dem modernen Menschen biologisch und kulturell sehr ähnlich waren. Dass ich an einem solchen Ort leben und arbeiten durfte, an dem diese Menschenart erstmals definiert und nach dem sie benannt worden ist, macht mich glücklich. Und ich kann mit gutem Grund behaupten, dass die Menschen in diesem Tal – damals wie heute – wirklich toll sind.

Herzlichen Dank an alle und bis bald!

Manuel Alcaraz-Castaño

(übersetzt aus dem Englischen von Viviane Bolin)

Neanderthaler beim Eichthaler Archäologietag

Die Außenstelle Overath des Landschaftsverband Rheinland (LVR) hatte am Sonntag den 05. Juni 2016 zum Eichthaler Archäologietag geladen und rund 700 interessierte Besucher folgten der Einladung. Bei überraschend gutem Wetter konnten die Gäste Einblick in verschiedene Bereiche der archäologischen Arbeit nehmen z.B. wie Wissenschaftler der Universität zu Köln mit Baumjahrringen Datierungen vornehmen, wie die Archäobotanik Überreste vorgeschichtlicher Pflanzen analysiert oder wie römischer Wandputz rekonstruiert und restauriert wird.

Spannend, vor allem für die „kleinen“ Besucher, waren die vielen Möglichkeiten Archäologie zu erleben. Bei einer „Ausgrabung“ konnte die Rolle des Archäologen ausprobiert werden und handwerkliches Geschick wurde u.a. beim Umgang mit alten Techniken der Textilherstellung unter Beweis gestellt.

Neueste Erkenntnisse aus unterschiedlichen Bereichen der Forschung vermittelten zahlreiche Vorträge sowie die Informationsstände aktueller archäologischer Grabungsprojekte der Außenstelle Overath.

Die Informationsstände zeigten die große zeitliche Spannweite der aktuellen Projekte der Außenstelle Overath. So waren die aus archäologischer Sicht jüngeren Epochen des Mittelalters und der Römer genauso vertreten wie auch steinzeitliche „Bauern“ und sogar der Neanderthaler.

Das „Neanderthaler-Zeitliche“ Grabungsprojekt Troisdorf-Ravensberg wurde durch die Zusammenarbeit des LVR Außenstelle Overath und dem Neanderthal Museum im August 2015 umgesetzt. Hierbei konnte eine Steinbearbeitungswerkstatt des Neanderthalers archäologisch untersucht werden. Die wissenschaftlichen Analysen sind derzeit jedoch noch nicht abgeschlossen.

Durch die Fundstelle Troisdorf-Ravensberg wird wieder aktiv an einem der ältesten Kapitel der Menschheitsgeschichte im Rheinland geforscht und der Besucher des Eichthaler Archäologietages bekam die Möglichkeit hautnah mit einem Teil der Hinterlassenschaften des Eiszeitjägers in Kontakt zu treten.

Die sehr gute Verpflegung durch traditionelle Grillspezialitäten und kühle Getränke rundeten diesen gelungenen Sonntag ab. Alle beteiligten freuen sich sicherlich schon auf den nächsten Eichthaler Archäologietag.

Liebe Grüße aus dem Neandertal

Henning Hundsdörfer

 

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Tagung in Budapest

Ende März fand erneut die Tagung der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit in Ungarn statt. Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder der Gesellschaft und diskutieren die neusten Erkenntnisse im Hinblick auf die Erforschung des Steinzeitmenschen, seiner Umwelt und seiner Kulturen. Dieses Jahr hatte das Archäologische Institut der Eötvös Loránd Universität nach Budapest eingeladen. Der Themenschwerpunkt war das späte Mittel- und frühe Jungpaläolithikum zwischen den Alpen und dem Schwarzen Meer.

An den ersten drei Tagen gab es reichlich Vorträge zu den unterschiedlichsten Fundplätzen und Technokomplexen in Osteuropa. Dabei sind nicht nur die Archäologie, sondern auch andere Disziplinen, wie z.B. die Geologie oder Paläoklimatologie vertreten. Begonnen wurde am Dienstag mit Präsentationen zum Thema Alt- und Mittelpaläolithikum. Nachmittags fand die Posterausstellung statt. Die Forscher stellen hier ihre Fragestellungen oder Analysen auf einem Poster vor. Am zweiten Tag folgten dann die Vorträge zum Themenschwerpunkt und am dritten Tag die Präsentationen zum Jungpaläolithikum und Mesolithikum.

Prof. Dr. Weniger, Dr. Andreas Pastoors, Dr. Yvonne Tafelmaier, Viviane Bolin und Henning Hundsdörfer waren dieses Jahr als Vertreter des Neanderthal Museums auf der Tagung dabei. Dr. Pastoors stellte Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen zur Territorienbildung und Landnutzung der Jäger- und Sammlergruppen anhand der jungpaläolithischen Kleinkunstfunde aus Höhlen der französischen Pyrenäen vor. Zusammen mit Dr. Tafelmaier stellten sie ein Poster zum Schwerpunktthema des Sonderforschungsbereiches der Universität zu Köln vor (SFB 806 – Our Way to Europe). Dabei diskutierten sie die theoretischen Rahmenbedingungen einer Kontaktaufnahme zwischen verschiedenen Menschengruppen während der Eiszeit über die Meerenge bei Gibraltar nach Nordafrika. Viviane Bolin stellte auf einem Poster ihre Analysen zur Verbreitung der eiszeitlichen Kunstfundplätze in Spanien vor und Henning Hundsdörfer die Ergebnisse der Ausgrabungen in Troisdorf-Ravensberg (s. Blogbeitrag vom 24.08.2015).

An den letzten beiden Tagen finden gewöhnlich Exkursionen statt. Dieses Jahr besuchten die Tagungsteilnehmer mehrere mittelpaläolithische Fundstellen. Zum einen Vértesszölös und Tata, zwei ausgetrocknete Becken ehemaliger heißer Quellen, die von Neanderthalern aufgrund der optimalen Bedingungen als Siedlungsplatz genutzt wurden. In Tata konnten die Archäologen außerdem ein geologisches Freilichtmuseum besichtigen, dessen Steinformationen und Fossilien bis in das erdgeschichtliche Zeitalter der Trias (250-200 Millionen Jahre) zurückreichen.

Zum anderen kletterte die Gruppe bis zur Jankovich Höhle in Bajót hinauf und genoss den Ausblick auf die weite Ebene. In Paks und Dunaföldvár konnten die Mitglieder der Gesellschaft sich außerdem noch zwei Lössprofile anschauen, die wichtige Sedimentabflogen der Gegend aufzeigen und mit deren Hilfe Aussagen über Auswirkungen regionaler Klimaveränderungen getroffen werden können. Als Abschluss besichtigte die Gruppe noch das römische Kastell Lussonium und ein Dorf mit Grabhügellandschaft aus der Bronze- und Eisenzeit in Százalombatta.

Grüße

Viviane Bolin

PS: Wie immer können die Forschungsreisen der Wissenschaftler des Museums auch auf Twitter live miterlebt werden, sogar ohne Anmeldung!