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Kimchiii! Neanderthal in Korea

Auch ohne das koreanische Äquivalent unseres Foto-Schlachtrufs „Cheeseeee“ hat man auf Dienstreise in Süd-Korea jede Menge Gründe für ein seliges Lächeln. Vor etwa einem halben Jahr kontaktierte uns das Seokjangni-Museum aus Süd-Korea, das eine neue Sonderausstellung zum Thema „Neanderthaler“ geplant hatte. Nachdem unser Museum hierfür ein denkbar geeigneter Partner ist, beschloss man:

Wir stellen Seokjangni den Skelett-Abguss unseres Neanderthalers, Informationen, Beratung und Medien, und dafür fliegt ein unverschämt glücklicher Mitarbeiter zwecks Konferenzbeitrag, Führungen und Vortrag nach Asien. Ein guter Deal, wenn man besagter Mitarbeiter ist. Ungemein lästig, wenn man als Kollege weiterhin im Mettmanner Büro sitzt und am laufenden Band koreanischen Food Porn gewhatsappt kriegt:

Für all jene, deren Geografiekenntnisse ähnlich frisch sind wie die meinen (und besonders für jene, welche alle Teile Asiens mit einem ahnungslos-gleichgültigen „China“ abstempeln): Seokjangni ist die am frühesten wissenschaftlich ergrabene paläolithische Fundstelle Süd-Koreas, liegt etwa in der östlichen Mitte des Landes und somit nahe der 130.000 Einwohner zählenden Stadt Gongju. Die nähere Umgebung hat mehrere UNESCO-Kulturdenkmäler zu bieten, so zum Beispiel die Gongsanseong-Festung oder die königlichen Gräber von Songsan-ri. Seoul, die 10-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Südkoreas, liegt gute zwei Stunden Busfahrt nahe der Ostküste in Richtung Norden. Seokjangni und Gongju hingegen sind von bewaldeten Hügeln umgeben und werden von einem Fluss mittig geteilt.

Links: Lage von Seokjangni. Wir reisten über Incheon Airport an und wurden per Bus in die Landesmitte gebracht. Rechts: Gongsanseong-Festung

An Flussufer liegen Fundstelle, Museum und Festivalgelände von Seokjangni. Stadt und Museum arbeiten eng zusammen, um alle zwei Jahre das mehrtägige „World Palaeolithic Festival“ auf die Beine zu stellen, diesmal von . „World“ im Sinne von international – es werden Gäste aus Japan, Frankreich, Marokko und eben auch Deutschland eingeladen. „Palaeolithic“ im Sinne von „ziemlich paläo“ – neben lokalen und internationalen Steinzeit-Koryphäen taucht gerne mal ein zotteliger Walking Act im Leoparden-Janker* auf, um ein allgemeines „Ugha“ zu äußern. Und „Festival“ im Sinne von Party auf einem Gelände mit Größe der Düsseldorfer Altstadt, und zwar mit allem, was bei uns ein Museumsfest, Jahrmarkt, Stadtfest, Fortbildungstag sowie Lichterfest im Kombination bieten würden.

(Man beachte den Pfeil unten links im Plakat)

Die deutschen Kollegen in Aktion, von links oben nach rechts unten: Wulf Hein, Ruth Hecker, Cornelia  Lauxmann. Links unten die koreanischen Walking Acts

In Zusammenarbeit mit unserer Ausstellungsabteilung und Leihgaben aus Berlin haben die koreanischen Kollegen eine gute Einführung zum Thema Neanderthal gestaltet. Bei meinen täglichen Führungen kam belustigenderweise auch immer wieder die Frage, ob denn nicht alle Europäer direkt vom Neanderthaler abstammten? Knapp daneben, wie wir erklären konnten. Übersetzerin „Joyce“ (für Europäer werden gerne englische Ersatznamen angeboten) erklärte desweiteren, dass einer der einführenden Ausstellungstexte freundlicherweise darauf hinwies, Europäer bitte nicht als Neanderthaler zu bezeichnen – sie könnten es als Beleidigung missverstehen 😉 Insbesondere medial war die Sonderausstellung „Neanderthal man“ auf neuestem Level, und begeisterte beispielsweise mit einem berührungssensitiven Media-Wall für die jüngsten Besucher.

Die Sonderausstellung, die tollen Volunteers und unsere Dolmetscherin

Einen Tag vor Festival-Beginn wurde am lokalen Unicampus das Seokjangni Forum, eine Konferenz zum Austausch über erfolgreiche Wissensvermittlung in der paläolithischen Forschung abgehalten. Dort bekam unser Beitrag zur Museumspädagogik und unseren neuen Ausstellungen reichlich Applaus, nicht zuletzt dank der von unserer stellvertretenden Direktorin Dr. Auffermann eingesprochenen koreanischen Begrüßungsworte. Also 안녕하십니까!

Nach Forum, Festival und zahlreichen, traditionell koreanischen Geschäftsessen gab es noch einige Tage in der Hauptstadt Seoul, bevor es zurück nach Deutschland ging. Es war eine unerfreuliche Abreise, denn ein Land, das nebst besonderer Höflichkeit, Gastfreundschaft und absurd hoher Arbeitsmotivation selbst aus Tierfüßen Köstlichkeiten fertigen kann, will  man einfach nicht verlassen.

*Für Marmeladinger siehe http://www.oesterreichisch.net/oesterreich-1482-.html?letter=J

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Aufarbeitung der Steinwerkzeuge aus Los Casares im Archäologischen Nationalmuseum in Spanien

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño, zurzeit Wissenschaftler am Neanderthal Museum und am Projekt „Testing population hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach” (Blogeintrag 27. Januar 2015), besuchte vor kurzem das Archäologische Nationalmuseum in Spanien (Museo Arqueológico Nacional de España), um einige Steinwerkzeuge aus dem Paläolithikum zu bearbeiten.

Das Archäologische Nationalmuseum wurde 1867 erbaut, durch einen königlichen Erlass von Isabel II, und ist seit 1895 begannen die spanischen Monarchen, archäologische, numismatische, ethnografische und Kunst Sammlungen in dem neoklassizistischen Gebäude, das zwischen 1866 und 1892 von dem Architekten Francisco Jareño entworfen und erbaut wurde, auszustellen. 1968 wurde das Gebäude renoviert und erweitert und zwischen Januar 2008 und April 2014 komplett renoviert. Zurzeit zeigt es vorgeschichtliche, ägyptische, keltische, iberische, griechische, römische und mittelalterliche (westgotisch, muslimisch, christlich) Objekte der Iberischen Halbinsel.

Die Steinartefakte, die Dr. Alcaraz-Castaño bearbeitete, kommen von der Höhle Los Casares (Guadalajara, Spanien), einem Mittelpaläolithischen Fundplatz (Blogeintrag von 06. Oktober 2014), der zurzeit von einigen Wissenschaftlern des Neanderthal Museums und anderen spanischen und deutschen Archäologen analysiert wird. Die hier studierte Artefaktsammlung hat Dr. Ignacio Barandiarán nach seinen Grabungen in den 1960er Jahren im Archäologischen Nationalmuseum gelagert. Verantwortlich für diese Steinartefakte und andere prähistorischen Sammlungen ist Dr. Carmen Cacho und ihr Team.

Dr. Alcaraz-Castaño analysierte, fotografierte und analysierte die Steinartefakte von Los Casares und zusammen mit den kürzlich in der Höhle auf Grabungen erworbenen Ergebnissen wird er diese Analyse nutzen, um die Beziehung zwischen Neanderthalern und ihrer Umwelt in Los Casares und Umgebung erforschen.

Viele Grüße

Dr. Alcaraz-Castaño

(Übersetzt von Viviane Bolin)

 

Ein Fuchs im Museum

Letzte Woche Freitag war es mal wieder soweit: „Doggy Day“ im Neanderthal Museum! Seit der Sonderausstellung „Wölfe“ findet dieser jeden ersten Freitag im Monat statt und ermöglicht es Hundehaltern ihre tierischen Begleiter mit in die Ausstellung zu nehmen.

Dieses Mal jedoch, war es anders: Zwischen Hunden fand sich auch ein zahmer Fuchs im Museum ein und sorgte bei den zweibeinigen- als auch bei den vierbeinigen Museumsbesuchern für Aufmerksamkeit. Monika und Rolf Niggemeyer aus Haan nahmen die zahme Füchsin Foxy auf, nachdem sie von einem Auto angefahren wurde.

Mit zertrümmerter Schulter und einem doppeltem Bruch des rechten Beines stand ziemlich schnell fest, dass Foxy nicht mehr alleine lebensfähig war. Doch Foxy hatte Glück im Unglück: Sie lernte Naturfotograf und Fledermausexperten Rolf kennen, der sich ziemlich rasch dazu entschied, Foxy nicht ihrem Schicksal zu überlassen.

Das war allerdings nicht so einfach wie gedacht: Foxy, bei ihrem Unfall im März 2013- gerade mal ein paar Wochen alt – verlor an diesem Tag nicht nur ihr Leben in Freiheit, sondern auch ihre Mutter (Fähe). Nachdem Förster und zuständige Behörden ihr Einverständnis gegeben hatten, dass dieses Wildtier weder eingeschläfert, noch in eine Auffangstation o.ä. übermittelt wird, musste geklärt werden, wie man einen Fuchs in einer Wohnung halten könnte. Von Vorteil war dabei ganz klar, dass Rolf und Monika Niggemeyer einen jungen Fuchs aufnahmen, der – genauso wie ein junger Hund – sehr lernfähig ist: Füchsin Foxy geht derweil auf ein Katzenklo, lernt in der Hundeschule „Sitz“, „Platz“ und „Beifuß“ und übt fleißig bei den täglichen Spaziergängen mit Herrchen Rolf wie ein Hund an der Leine zu gehen. Ihr rotes Hunde-Geschirr mit der Aufschrift „Foxy“ musste von Rolf Niggemeyer jedoch „Fuchsgerecht“ umgearbeitet werden, nachdem man erkannte, dass Foxy eben doch noch ein Wildtier ist und nicht in einer Generation domestiziert werden kann. Der Trieb nach Freiheit ermöglichte es Foxy bereits mehrmals die Leine durchzubeißen und sich, während ihre Herrchen auf einer Bank die ersten Sonnenstrahlen genossen, leise davon zu machen. Das Problem dabei: Foxy lernte, teils durch den frühen Verlust ihrer Mutter und teils durch ihre Verletzungen, niemals, sich wie ein wildlebender Fuchs zu ernähren. In Freiheit würde Foxy also verhungern. Wieder eingefangen, was alles andere als einfach war, wurde ein GPS-Sender an das Geschirr genäht und die Stoff-Leine gegen eine Metall-Leine ausgetauscht. Herrchen Rolf verfällt nun nicht mehr allzu sehr in Sorge, wenn es Foxy ab und zu doch nochmal gelingt, auszubüchsen. In der Regel jedoch genießt Foxy von dem Arm ihres Herrchens aus – ihrem Lieblingsplatz – die Aufmerksamkeit um sie herum, wenn Familie Niggemeyer wieder einmal mit ihr durch die Stadt bummelt.

Und nun kann sie sogar von sich behaupten der vermutlich erste, noch lebende Fuchs gewesen zu sein, der ein Museum besucht hat!  

Frühlingshafte Grüße

Saskia Adolphy

Praktikum im Neanderthal Museum

Studenten an einer Geisteswissenschaftlichen Fakultät werden das Problem kennen. Die ewige Frage, was genau man denn mit dem Studium machen will. Als Taxifahrer würden wir doch sowieso alle enden. Muss man sich halt früh eine Alternative suchen. Lehrer scheint hierfür immer die Patentlösung zu sein, jedoch nicht meine. Museum klingt doch wesentlich spannender. Auf die Frage, was genau man im Museum macht, wusste ich bislang jedoch keine Antwort. Also, Bewerbung schreiben, abschicken und los geht’s mit meinem Praktikum im Neanderthal Museum. Und damit ihr in Zukunft wisst, was man im Museum alles machen kann, erzähl ich euch jetzt ein bisschen was im Museum Blog.

Arbeitsbeginn war zwischen acht und neun, eine ziemliche Überwindung, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich Semesterferien habe. Wenn ich dann aber im Museum ankam, war das Aufstehen aber eigentlich gar nicht mehr so schlimm.

Eigentlich verlief in meinem Praktikum kein Tag, wie der andere. Mal half ich in der Mediathek aus, ein anderes Mal bei den Workshops, in denen die Kinder zum Beispiel Steinzeitschmuck basteln können. Am besten hat mir jedoch die Arbeit an der neuen Sonderausstellung „Schamanen“ gefallen, die ihr ab dem 10. Mai im Museum bewundern könnt. Audiotexte müssen geschrieben werden, Vitrinen vermessen und „schamanische“ Deko passend zu den Ausstellungsstücken ausgewählt werden.

Auch für die Ausstellung „Giganten“, die während meines Praktikums nach Mistelbach verliehen wurde, war allerhand zu tun. Alle Ausstellungselemente mussten zusammengesucht und sicher verpackt werden. Nicht zuletzt musste ein ganzes Steinzeitzelt aus Leder genäht werden, wo ich als Praktikantin natürlich zur Hand ging.

Doch auch Mr. N und die Dauerausstellung kamen natürlich nicht zu kurz. Hier müssen schließlich auch regelmäßig Ausstellungsstücke und Vitrinen kontrolliert und in Stand gehalten werden.

Und wenn mal nichts für die Ausstellungen zu tun war, dann hab ich Kleinigkeiten erledigt, Adressen eingepflegt, Infomappen gepackt, oder den Kahlschlag im Neandertal dokumentiert.

Kurzum, ein Praktikum im Neanderthal Museum lohnt sich auf jeden Fall! Ihr solltet also ganz schnell zur Post gehen und eure Bewerbung abschicken!

 

Liebe Grüße

Eure Judith Wonke

Findet Nemo – In den Hauptrollen: Das Neanderthal Museum und ein Kater

Donnerstagmorgen ereignete sich eine Geschichte im Neanderthal Museum, die Rosamunde Pilcher nicht besser hätte schreiben können.

Am frühen Morgen sahen Kollegen eine hübsche mausgraue Katze durch den Museumsgarten streifen. Die Katze war sehr zutraulich und recht mager. Im Kollegenkreis wurde spekuliert und diskutiert: Handelt sich um eine entlaufene Katze oder dreht sie nur ihre Morgenrunde?

Es wurde beschlossen vorerst nichts zu unternehmen. Als sich am Mittag dann eine Gruppe zum Bogenschießen im Museumsgarten versammelte, fand die Katze großen Spaß daran den Pfeilen hinterher zu jagen. Weder die Gruppen, noch die Museumspädagogen wollten unfreiwillig zum Katzenmörder werden und so wurde die Katze erst mit einem Würstchen gelockt, eingekreist, gefangen und in die Verwaltung getragen. Dort nahm sie wie selbstverständlich auf dem Bürostuhl der Kollegin aus der Führungsannahme Platz und begann sich ausgiebig zu putzen.

Und wieder wurde überlegt und besprochen, wie nun weiter zu verfahren ist.
In der Zwischenzeit hatte sich eine Kollegin bereits auf den Weg nach Hause gemacht, um eine Katzen-Transporttasche zu holen.

Es wurde fleißig recherchiert und dem wachsamen Auge einer Kollegin ist zu verdanken, dass die Katze (wie wir jetzt wissen, ist es ein Kater) auf www.tierschutzverzeichnis.de  gefunden wurde.

Kater Nemo wird bereits seit 6 Wochen vermisst, stammt aus Düsseldorf-Gerresheim und gehört eine Familie mit einer 8-jährigenTochter.

Die Freude war riesengroß, als wir bei den Besitzern angerufen haben und vom schnurrenden vierbeinigen Museumsbesucher erzählt haben. Eine gute viertel Stunde später stand das Besitzerpärchen mit Tränen in den Augen und überglücklich  in der Verwaltung. Die beiden haben alles stehen und liegen gelassen und sich  direkt auf den Weg ins Museum gemacht, um Nemo anzuholen. Wie wir dann erfahren haben, haben sie bereits eine große Plakataktion gestartet, bei Facebook eine Seite eingerichtet und zahlreiche Tier-Plattformen über Nemos Verschwinden informiert.

Mit feuchten Augen und einem breitem Strahlen im Gesicht sind die drei dann direkt zur Schule gefahren, um die Tochter abzuholen.

Nemo gefunden –  Ende gut – Alles gut

Viele sonnige Museumsgrüße

Mareike Holtkamp

Das Paläon ist eröffnet!

Seit gestern haben die Schöninger Speere eine würdige Heimat. An der Fundstelle wurde das Forschungs- und Erlebniszentrum Paläon eröffnet. Es versteht sich nicht nur als Museum, sondern als Ort, der Steinzeit erlebbar macht. Die Besucher können den Wissenschaftlern über die Schulter schauen, eines der zahlreichen Aktionsangebote buchen oder beobachten, wie die kleine Przewalski-Herde durch die Steppe galoppiert.
Die Architektur ist außergewöhnlich. Wenn sich bewölkter Himmel in der Fassade spiegelt, scheint das Gebäude zu schweben. Wunderschön. In der Dauerausstellung hat mich das Panorambild am meisten beeindruckt. Kalt- und warmzeitliche Tiere sind in einer riesigen Collage zurammengefügt, ergänzt durch Präparate. Ansonsten ist die Gestaltung eher nüchtern und verlangt dem Besucher ein intensives Auseinandersetzen mit den Exponaten ab. Bedauerlich fand ich die belanglose Präsentation der Speere. Sie wirken eher wie in einer Ecke abgelegt. Hier hätte ich eine ihrer Bedeutung angemessene Inszenierung erwartet. Und gar nicht verstanden habe ich, warum in dem theatralischen Schluss-Film, den ich „Requiem für ein Pferd“ betiteln würde, die erectus-Jäger von Schwarzafrikanern dargestellt werden??
Eine große Chance für das Paläon sind sicher die phantastischen Bedingungen für die Gruppenangebote, mit endlos erscheinendem Außengelände. Da die Museumspädagogik mit unserer Ex-Volontärin Jana Hugler in kompetenten Händen ist, wird das sicher eine der Stärken des Paläon werden.
Ich wünsche dem Paläon (www.palaeon.de) viele neugierige Besucher!

Einen herzlichen Gruß aus dem Neandertal
Bärbel Auffermann

Post aus Fernost – Museen und soziale Verantwortung

Letzte Woche hatte ich die einmalige Gelegenheit, an der Tagung Museum 2012: The Socially Purposeful Museum im fernen Taipei, Taiwan, teilzunehmen. Organisiert wurde die Tagung gemeinsam von der Staatlichen Pädagogischen Hochschule Taipei, dem Forschungszentrum für Museen und Galerien an der Universität Leicester, den Staatlichen Museen Liverpool und dem Staatlichen Historischen Museum Taipei. Teilnehmer aus mehr als 20 verschiedenen Ländern kamen zu intensiven Diskussionen zusammen.

In rund 70 Vorträgen ging es um soziale Verantwortung von Museen. Ein Schwerpunkt lag auf den Museumsbesuchern. Diskutiert wurde, wie man ein breites und buntes Publikum ins Museum holen kann, inklusive Menschen aus allen Einkommens- oder Bildungsschichten. Diese Frage betrifft alle Bereiche eines Museums – von der Ausstellungsgestaltung über die Pädagogik über das Marketing bis hin zum Leitbild des Museums selbst. Dementsprechend vielfältig waren auch die Vorträge. Ein Beispiel: Immer mehr Museen haben Angebote, die gezielt auf Gruppen zugeschnitten sind, die sonst nicht ins Museum gehen (können), wie z.B. sozial benachteiligte Jugendliche, blinde und taube Menschen oder sogar Gefängnisinsassen. Besonders spannend fand ich ein Projekt aus Norwegen, das Alzheimer Patienten ins Museum holt und damit sehr positive Erfahrungen gemacht hat.

Gerade in Großbrittanien gehen Museen inzwischen häufig einen Schritt weiter und holen die Menschen nicht nur als passive Betrachter ins Museum, sondern um aktiv am Museumsprozess teilzuhaben. So werden Ausstellungen „co-creative“ erstellt, das heisst in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort – mit Kindern, Künstlern, Nachbarn. Noch weiter geht das Freilichtmuseum Museum of East Anglian Life in Suffolk: es begreift sich im Kern als soziale Institution und beschäftigt z.B. Langzeitarbeitslose oder arbeitet mit Gefangenen und Kranken zusammen. Durch das Projekt Happy Museum sollen dieses und 11 andere beteiligte Museen zu Orten des Wohlbefindens werden. Insgesamt ging es also auch darum, das Museum an sich umzudefinieren, es als Ort für neue Ideen und Dialoge zu begreifen. So besagt beispielsweise das Leitbild der Staatlichen Museen Liverpool, dass Museen dazu da seien „Leben zu verändern“

Der zweite Schwerpunkt der Vorträge war die Ausstellungsgestaltung. Einerseits ging es darum, Ausstellungen über aktuelle Themen von Umweltschutz bis Menschenrechte zu gestalten, so zum Beispiel eine Ausstellung über Menschenhandel am Museum of London. In diesen Kontext gehörte auch mein Vortrag über unsere Ausstellung Wie Menschen Affen Sehen, in der wir die schwierige Balance zwischen ernsten, aktuellen Themen und Unterhaltung versucht haben. Darüber hinaus ging es darum, auch Ausstellungen zu allen anderen Themen inklusiver zu gestalten, d.h. einen bunten Querschnitt durch die Gesellschaft zu repräsentieren und vielfältige Geschichten zu erzählen. So baut z.B. das Science Museum in London gerade seine Dauerausstellung zur Kommunikationstechnik um. Ziel dabei ist auch, nicht nur „gebildete, weiße, bärtige, heterosexuelle Männer“ darin vorkommen zu lassen. So erzählen z.B. in der Ausstellung auch die Frauen, die früher täglich mit einer Telefonanlage gearbeitet haben, von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Technik.

Wie es sich für eine Museumstagung gehört, fanden auch einige Veranstaltungspunkte in Museen statt. So gab es einen Abendempfang im staatlichen Historischen Museum, welches äußerlich einem chinesischen Palast aus der Ming oder Qing Zeit nachempfunden ist und innen zahlreiche Schätze aus Chinas Archäologie und Kunst beherbergt. Eine besonders bewegende Veranstaltung fand im Jingmei Museum für Menschenrechte statt, welches erst im nächsten Jahr offiziell eröffnen wird. Das Museum ist eine Gedenkstätte in einem ehemaligen Militärgefängnis, in dem in den 60er bis 80er Jahren unzählige politische Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen verurteilt und festgehalten wurden. Wir bekamen die Gelegenheit, ausführlich mit einem ehemaligen Insassen zu diskutieren.

Nach der Tagung haben die meisten Teilnehmer die Chance genutzt, das Land Taiwan und natürlich seine Museumslandschaft weiter zu erkunden. Ein Pflichttermin war dabei das Nationale Palastmuseum in Taipei, in dem weit über eine halbe Millionen Schätze aus rund 8.000 Jahren chinesischer Geschichte aufgehoben sind. Zum Ende des chinesischen Bürgerkriegs Ende der 1940er nahmen die chinesischen Nationalisten auf ihrer Flucht vor den Kommunisten wichtige Teile der staatlichen Sammlung mit nach Taiwan. Dort liegt sie auch heute noch, weshalb die Sammlung in Taipei absolut sehenswert ist. Einen Besuch wert ist auch Taipei selbst, eine bunte, lebendige Metropole die alt und neu verbindet.

Insgesamt war es eine inspirierende Tagung mit guten Gesprächen in und zwischen den Veranstaltungen. Nicht zuletzt dank der sehr herzlichen Gastgeber herrschte durchgängig eine gute Atmosphäre. Die Menschen Taiwans sind sehr gastfreundlich – am letzten Abend lud zum Beispiel eine Kollegin aus dem Staatlichen Naturwissenschaftlichen Museum in Taichung, Taiwan, eine ganze Runde europäischer Kollegen ein zu einer traditionellen Teezeremonie, zu einem sehr leckeren taiwanesischen Essen und zu einem Spaziergang durch eine alte Straße Taipeis.

Inspirierte Grüße aus Fernost

Kerstin Pannhorst

 

Wie Menschen Affen sehen

Bei unserem öffentlichen Symposium am vergangenen Freitag haben wir einige Aspekte der Menschenaffen-Ausstellung vertieft. Es ging um unsere wechselhaften Blicke auf diese beeindruckenden Lebewesen, um spannende Freilandforschung, Kultur von Menschaffen, ihre Grundrechte und vieles mehr.

Die Referenten waren zum Teil von weit her ins Neandertal gekommen.  Den Auftakt machte Franz Wuketits aus Wien, der über den Affen in uns Menschen und seine Suche nach Sinn sprach. Kraft seines Bewusstseins ist der Mensch in der Lage, Bilder von der Welt so zu entwerfen, dass ihm die Welt selbst erträglich erscheint. Die Sinnsuche auch dort, wo objektiv keiner auszumachen ist, kennzeichnet den Menschen und der Glaube an eine höhere Gesetzmäßigkeit oder Vorherbestimmung hat größtes Elend über die Menschheit gebracht. Wuketits würde uns wünschen, in dem Bewusstsein, dass alles endlich ist dennoch glücklich zu leben.

Hans-Werner Ingensiep, Universität Duisburg-Essen, ließ unsere recht junge Entdeckungsgeschichte der Menschenaffen Revue passieren. Erste Menschenaffen wurden in unserem Kulturkreis ab dem 16./17. Jahrhundert (wieder) bekannt. Aber die Gorillas z.B. wurden erst 1853 entdeckt. In dem Vortrag legte er anschaulich dar wie sich das Bild, das wir Europäer uns von den Menschenaffen gemacht haben, durch die Jahrhunderte grundlegend gewandelt hat. Druckfrisch ist auch sein lesenswertes neues Buch zu diesem Thema.

Auch Marianne Sommer, Luzern, befasste sich mit wechselvollen Blicken auf die Menschenaffen: Es ging um die Blicke der National Geographic-Fotografen. Die National Geographic Sociey spielte bei der Finanzierung von Freilandstudien ab den 1960er Jahren eine zentrale Rolle. Die Fotografen zogen mit den Forscherinnen (z.B. Jane Goodall, Dian Fossey, Biruté Galdikas) ins Feld. Auch aktuell nimmt National Geographic eine zentrale Rolle in der Forderung nach Grundrechten für die Menschenaffen ein. Der Artikel von Jürgen Nakott hat eine breite Diskussion ausgelöst.

Thomas Geissmann, Zürich, erforscht die Gibbons. Er rief in seinem Vortrag engagiert dafür auf, sie ebenso wichtig zu nehmen wie die großen Menschenaffen. Da sie klein sind und hoch in den Baumkronen leben, ist es schwer, medienwirksame Fotos von ihnen zu machen. Einige Arten werden sicher ausgestorben sein, bevor sie überhaupt ansatzweise erforscht sind. Die von ihm initiierte Gibbon Conservation Alliance setzt sich daher für den Schutz dieser Affen ein.

Alexander Sliwa vom Kölner Zoo berichtete von der Haltung von Menschenaffen im Kölner Zoo von den Anfängen bis heute. Die einfachen Gitterkäfige für isolierte Affen sind heute großen Gehegen mit Kletter- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschenaffen in größeren Gruppen gewichen. Colin Goldner führte aus, dass dies längst nicht an allen deutschen Zoos Standard sei. Das Great Ape Project fordert Grundrechte für die großen Menschenaffen und entsprechend ein Ende ihres Lebens in Gefangenschaft.

Barbara Fruth vom MPI Leipzig räumte mit Bonobo-Vorurteilen auf. Ihre Freilandforschungen belegen, dass sie nicht die sexbesessenen Hippies sind, als die sie nach den Zoobeobachtungen des Frans de Waal galten und als die sie in den Medien immer noch dargestellt werden. Auch die Bonobos sind von Wilderern auf der Suche nach Buschfleisch bedroht. Die Forscher haben eine Organisation, Bonobo Alive, gegründet, um sich für ihren Schutz zu engagieren.

 

Miriam Haidle, Tübingen, gab einen umfassenden Überblick über die materielle Kultur vor allem von Orang Utans und Schimpansen. Bei Orang Utans wurden 41 Werkzeugverhalten beobachtet und eine neue Beobachtung bei Schimpansen ist, dass sie sogar mit Grabstöcken nach Knollen und Wurzeln graben und diese zur Ernährung und für medizinische Zwecke einsetzen.

Bärbel Auffermann zeigte in ihrem Beitrag, was Gorillas und Neanderthaler gemeinsam haben: Unsere Rezeption der beiden zeigt deutliche Parallelen.

Für ein amüsantes Zwischenspiel sorgte der WDR – Reporter Ede Wolff, der im Gorilla Kostüm unterwegs war und Vortragende wie Teilnehmende über seine Rechte befragte.

Im Foyer stellte das Projekt AffenBRUT Affenkunst vor: ausdrucksstarke Gemälde des Orang-Utans Barito, die das Projekt zugunsten der Affen des Krefelder Zoos verkauft.

Es hat uns besonders gefreut, dass die sehr interessierten Zuhörer die Gelegenheit zur Diskussion genutzt haben. Dieses ganztägige Format eines Austauschs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit werden wir sicher zu einem anderen Thema wieder aufgreifen.

Beste Grüße aus dem Neandertal 

Bärbel Auffermann, Kerstin Pannhorst 

 

 

Auf Schatzsuche in Kalkriese

Letzte Woche haben wir, das heißt Mitarbeiterinnen der Museumspädagogik und Volontärinnen des Neanderthal Museums, uns auf große (Zeit-)reise begeben: nach Kalkriese in das Museum und Park Kalkriese!

 Im Museum dreht sich alles um die Varusschlacht, zentrales Symbol ist eine vor Ort gefundene eiserne Maske. Zudem läuft gerade die spannende Sonderausstellung „BodenSchätze-Geschichte[n] aus dem Untergrund“. Für uns Volontärinnen war diese von ganz besonderem Interesse, da sie von Jana Hugler mit gestaltet wurde, die vor uns als Volontärin im Neanderthal Museum war.

 Eine Ausstellung rund um den Boden, auf dem wir jeden Tag laufen und dem wir doch so wenig Beachtung schenken. Langweilig? Mitnichten: es gibt eine Menge verborgener Dinge zu entdecken! Wir fanden viele Stationen zum Mitmachen und erforschen vor, z.B. eine Bodenzaubermaschine die uns zeigte, wie kompliziert die Entstehung von Boden ist. Ganz besonders toll fanden wir die Stimmen, die in der Ausstellung zu jedem Besucher sprechen –  zum Beispiel das Moor mit seiner tiefen, schaurigen Stimme, das aber trotzdem einen weichen Kern hat.

Gezeigt wird aber nicht nur der Boden an sich, sondern auch das, was im Boden lebt oder verborgen liegt. So findet sich zum Beispiel in der Mitte der Ausstellung eine große Ausgrabungslandschaft in der Überreste vergangener Kulturen zu finden sind – vielleicht auch ein Skelett? Mit Pinsel und Spachtel in der Hand können sich kleine und große Archäologen auf Grabung begeben. Mit Erdfarben malen, Tierknochen raten oder Erdschichten puzzeln – alles haben wir mit viel Spaß ausprobiert.

Auch in der Dauerausstellung, die erst 2009 anlässlich des 2000-jährigen Jubiläums der Varusschlacht umgestaltet wurde, gibt es für jeden etwas zu entdecken. Wir freuten uns besonders über Original-Rezepte der Römer und der „Germanen“, und über ein fiktives Gespräch zwischen Varus und Arminius im Himmel. Eines der spannendsten Objekte ist jedoch das Museumsgebäude selbst. Von Anette Gigon und Mike Guyer entworfen und 2002 fertig gestellt, ist es sehr auffällig und hat uns beeindruckt. Vom Turm aus hatten wir einen wunderbaren Blick über den weitläufigen Park und konnten die Pavillons und den Wallverlauf wieder finden, die wir zuvor am Boden gesehen hatten.

Im Außengelände fanden wir schließlich eine merkwürdige Werkstatt. In ihr wurde eine SchatzSuchMaschine gebaut – ausschließlich aus Schrott! Gemeinsam mit dem Künstler Wolfgang Seitz haben viele Kinder und Erwachsene lange an diesem unkonventionellen Gerät  geschraubt, das jetzt noch bis Ausstellungsende am 18. November dort zu sehen ist. Was die Maschine in den nächsten Wochen wohl noch alles an Schätzen zu ans Licht bringen wird?

Schöne Grüße

Nina Kliemke, Freya Köhler, Kerstin Pannhorst, Beate Schneider

Im Sturz durch Raum und Zeit

Nach einem Ausflug in die unendlichen Weiten von Raum und Zeit sind wir wieder im Neandertal gelandet. Vom 31. Mai bis 2. Juni fand in Toulouse die alljährliche Tagung „Ecsite“ statt, eine Versammlung von europäischen Science Centern und Museen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Das Thema in diesem Jahr: „Space and Time Unlimited“ – passend zu Toulouse als Hauptsitz von Airbus. Toulouse ist eine wunderschöne, historische Stadt, die auf jeden Fall eine Reise wert ist. Das Stadtbild der „ville rose“ ist geprägt von roten Ziegelsteinbauten und unzähligen kleinen Gassen, die nur für Fußgänger zugänglich sind. Unser Gastgeber vor Ort war die Cité de l’espace, ein Erlebnispark zu Luft- und Raumfahrt. Dort konnten wir uns in die Sojus Kapsel quetschen, durch die Raumstation Mir spazieren und federleicht über den Mond hüpfen.

Ganze 990 Teilnehmer aus allen europäischen und auch aus noch weiter entfernten Ländern diskutierten über interaktive Ausstellungen, die Verbindung von Forschung und Öffentlichkeit, Evaluationen von Ausstellungen, Angebote für Schulklassen, Anwendung von Web 2.0 und so weiter. Acht Vorträge fanden jeweils parallel statt, es war also gar nicht so leicht, sich für einen zu entscheiden!

Auch das Neanderthal Museum war aktiv: Bärbel Auffermann organisierte eine Einheit zum Thema „Exhibiting Time Spans“ – darüber, wie große Zeiträume im Museum anschaulich dargestellt werden können. Acht Poster und Kurzvorträge aus fünf Ländern beleuchteten verschiedene Aspekte des Themas, dann wurde lebhaft diskutiert – übrigens sehr viel lebhafter als auf rein deutschen Tagungen! Claudia Pingel und Kerstin Pannhorst stellten dabei eine Studie über den Umgang von Besuchern mit Zeit-Exponaten und über deren Konzepte von Zeit vor. An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an alle, die unseren Fragebogen ausgefüllt haben!

Bärbel Auffermann präsentierte schließlich noch vor großem Publikum unsere aktuelle Ausstellung „Wie Menschen Affen Sehen“, die noch bis zum 21. Oktober bei uns zu sehen ist, und dann hoffentlich weiter durch Europa reisen wird.

Mitgenommen haben wir einen ganzen Berg an Inspiration, der uns sicher mindestens bis zur nächsten Ecsite reichen wird. Gelernt haben wir auch vieles, zum Beispiel dass uns die Kollegen aus Großbrittanien und den USA sowohl in Sachen Evaluation von Ausstellungen als auch in Sachen Web 2.0 Aktivitäten weit voraus sind – da können wir nur staunen.

Bärbel Auffermann, Kerstin Pannhorst, Claudia Pingel

PS: Wer findet uns auf dem Bild unten? 🙂