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Jagdsaison!

 

Das ganze Rheinland scheint diesen Herbst im (steinzeitlichen) Jagdfieber zu sein.

Zum hundertsten Mal (1914-2014) jährt sich der berühmte Fund des späteiszeitlichen, 15.000 Jahre alten Doppelgrabes (mit Hund!) von Bonn-Oberkassel.

Das Bonner LVR-LandesMuseum nimmt das Jubiläum zum Anlass und feiert seine Funde mit einer brandneuen, großen Sonderausstellung:

„Eiszeitjäger – Leben im Paradies. Europa vor 15.000 Jahren“

Wir waren natürlich gespannt! Beate Schneider und ich reisten zur Ausstellungseröffnung am vergangenen Mittwoch.

Schon der Eröffnungsvortrag von Ralf W. Schmitz, der gemeinsam mit Liane Giemsch die Sonderausstellung kuratierte und seines Zeichens Fachreferent für Vorgeschichte am LVR-LandesMuseum Bonn ist, legte die Messlatte hoch.
Ganz klar, hier geht es nicht um die kargen Reste irgendwelcher altsteinzeitlicher Knochen. Es sind Superlative. Zu sehen sind die überdurchschnittlich gut erhaltenen Überreste einer Frau von etwa 25 Jahren und eines etwa 50-jährigen Mannes, in Begleitung des ältesten Hundeskeletts Europas. Die Menschenskelette gehören zu den am besten erhaltenen, kaltzeitlichen Funden des Homo sapiens in Europa. Etwa 15.000 Jahre alt das Ganze (14C-datiert, spätestes Magdalénien / Federmessergruppe).

Gefunden hat man die drei Skelette im Februar 1914 bei Steinbrucharbeiten. Man war sich früh der Bedeutung jenes Fundes bewusst, sicherte die Relikte und versuchte, leider weitestgehend erfolglos, weitere Knochen und Artefakte zu finden. Zwar erschließt sich die genaue Lage der Toten heute nicht mehr aus dem Grabungsbericht, klar ist jedoch, es handelte sich um eine Bestattung mindestens zweier Toter, die darüber hinaus komplett mit rotem pulverisiertem Hämatit bestreut wurden.

Spannend! Und da lag das Gespann nun vor uns. Der Schädel des Mannes wirkt merkwürdig breit. Die junge Frau dagegen eher grazil. Mit modernsten Verfahren – wir im Neanderthal kennen uns ja damit aus – hat man ihre ehemaligen Gesichter rekonstruieren können und den leeren Augenhöhlen wieder etwas Leben eingehaucht. Trotz alledem, ihr Aussehen wirkt archaisch.
Die Toten erhielten auch Beigaben. Darunter ein 20 cm langer Knochenstab mit Tierkopfende, der nach Angabe der Finder am Kopf der Frau lag, dessen Funktion jedoch bis heute unverstanden bleibt. Eine weitere aus Rengeweih geschnitzte Tierfigur hat Ähnlichkeit mit Objekten aus Frankreich und Spanien, die als das verzierte Widerhakenende von Speerschleudern interpretiert werden.

Wie muss man sich ihr Leben nun vorstellen, vor 15.000 Jahren?

Die letzte Kaltzeit neigt sich dem Ende zu. Das eiszeitliche Europa hat jedoch noch wenig mit dem Kontinent gemein, den wir heute kennen. Der Meeresspiegel lag etwa 70 m unter dem heutigen Stand, das Wasser gebunden in gigantischen Gletschern. Zwischen Schottland und Norddeutschland erstreckte sich eine riesige Grassteppe, auf der sich Wildpferde, Rentiere, Wisente, Wollnashörner und Mammuts tummelten. Auch den Zusammenfluss von Themse und Rhein muss man sich als spannende Landschaft vorstellen. Und mittendrin Wildbeuter. Jäger und Sammler. Die Menschen jener Zeit (es handelt sich um den Homo sapiens, unsere Menschenart, während der Neanderthaler als solcher zu jener Zeit schon lange von der Erdoberfläche verschwunden war) ernährten sich von den Pflanzen, die sie gezielt sammelten und den Tieren, die sie jagten. Bewaffnet waren sie dabei mit Speerschleudern, einer typischen und äußerst effektiven Jagdwaffe. Abgelöst wurde diese Technologie erst durch Pfeil und Bogen, deren Erfindung sich spätestens zu etwas jüngerer Zeit vollzogen haben muss. Gejagt wurde sicher auch mit Hunden, die zu diesem Zeitpunkt auf eine lange, uns jedoch bisher unbekannte Zuchtlinie zurückblickten, und deren Äußeres noch stark dem des Wolfes ähnelte (erinnert Ihr Euch an unsere „Wölfe“-Ausstellung? Wir hatten jene Hundeknochen zu Gast). Das Fell und Leder der erlegten Tiere wärmte nun als Kleidung die Menschen in dieser phasenweise außerordentlich kalten Zeit. Das Fleisch ernährte sie, die Knochen, das Geweih und das Horn der Tiere nützte zur Herstellung von Werkzeugen aller Art. Feuerstein, gesammelt an Flüssen, dem Meer oder an der Erdoberfläche, diente als Werkstoff zur Herstellung verschiedenster technisch anspruchsvoller Schneide- oder Schabewerkzeuge und stellte damit eine existenzielle Lebensgrundlage dar.

Und rund 15.000 Jahre ist es nun her, dass dort im rechtsrheinischen Bonn-Oberkassel, im direkten Vorfeld einer Basaltsteilwand, eine junge Frau, ein Mann und ein Hund gemeinsam in einem Grab beerdigt wurden, das anschließend mit rotem Hämatit bestreut worden ist. Der Grund für diesen Ritus, der übrigens immer wieder in der Urgeschichte auftritt, ist bis heute unbekannt.

Die Sonderausstellung…

…lässt die BesucherInnen eintauchen in diese Welt. Zu sehen sind neben den originalen Funden aus Bonn-Oberkassel auch weitere Artefakte benachbarter Fundstellen. Darunter die berühmten Fundstellen von Andernach-Martinsberg und Neuwied-Gönnersdorf. Die in Gönnersdorf gefundenen, figürlich verzierten Schieferplatten, die teilweise ausgestellt sind, sorgten weltweit für Aufsehen. Ebenso der ausgegrabene Zeltgrundriss. Bisher nur in Zeichnungen rekonstruiert, kann man eine halbseitige, mit Leder verkleidete Jurte nun in der Ausstellung bewundern. Zum Ausprobieren lädt hier eine späteiszeitliche Kochstelle ein. Die Aufgabe scheint simpel, die Kochgrube muss mit Zutaten gefüllt werden. So sorgt ein hinzugefügtes Plüsch-Rentier für zufriedene Stille, während eine Tomate, die ursprünglich aus Amerika stammt und erst in der Neuzeit nach Europa gelangte, dem Besucher seinen „Kochfehler“ mit einem Signalton verdeutlicht. Und während man durch die beleuchteten Vitrinen mit Artefakten und Tierpräparaten wandelt, gelangt man immer wieder an interaktive Stationen. Mal müssen mit Markasit („Katzengold“) und Feuerstein Funken geschlagen, mal mit einer Feuersteinklinge Leder geschnitten werden und mal kann man an Birkenpech, dem beliebten prähistorischen Kleber schnuppern. Spektakulär auch die Möglichkeit die Speerschleuder praktisch im Museum auszuprobieren und in steinzeitliche Lederkleidung zu schlüpfen.

Ob es sich nun damals um ein „Paradies“ für die Menschen gehandelt hat, wie der Untertitel der Sonderschau verheißt, oder, ob es sich nicht viel mehr um unsere moderne, zivilisationsmüde Projektion handelt, muss dahingestellt bleiben. Sicher ist jedoch, dass das LVR- LandesMuseum in Bonn mit ihren „Eiszeitjägern“ eine erfrischende Vielseitigkeit an den Tag legt, die Spaß an der Steinzeit macht.

Umso mehr freuen wir uns – das Team vom Neanderthal Museum – auf unsere eigene, kommende Sonderausstellung „Fleisch! Jäger, Fischer, Fallensteller in der Steinzeit“, die am 22. November 2014 startet und bis zum 15. März 2015 alles bereithält, was das steinzeitliche Jagdleben mit seiner ganzen Kulinarik zu bieten hatte.

Das Bonner LVR-LandesMuseum hat Appetit gemacht. Das Neanderthal Museum liefert den großen Nachschlag, ab dem 22. November 2014. Wir freuen uns drauf!

 

Mit besten Grüßen aus der Steinzeitwerkstatt

Till Knechtges

Abteilung Bildung und Vermittlung

 

 

Der Löwenmensch vom Hohenstein-Stadel erhält einen Kopf

Im Jahr 1939 fanden Archäologen in der Stadel-Höhle am Hohenstein auf der mittleren Schwäbischen Alb 40.000 Jahre alte Bruchstücke einer Figur aus Mammut-Elfenbein.

http://www.lonetal.net/hohlenstein.html

In den 1970er Jahren  wurde aus diesen Bruchstücken die Zusammengehörigkeit zu weiteren Fragmenten aus dem Ulmer Museum erkannt. Von Restauratoren zusammengesetzt, zeigte sich daraufhin ein Wesen, welches sowohl Mensch als auch Löwe darstellen könnte: Ein langgestreckter Körper in aufrechter Haltung, prankenartigen Armen, menschlichen Beinen und Füßen. Vielleicht ein mythisches Wesen oder ein Schamane der ein Löwenfell trägt?

Ja, Nein. Man weiß es nicht. Alles nur Vermutungen.

Bei weiteren Grabungen in den Jahren 2005 bis 2012 förderten Archäologen weitere 1000 Bruchstücke zutage, welche mithilfe von computergestützten Bildprogrammen den bereits vorhandenen Fundstücken zugeordnet werden konnten und zusammen den Kopf des Kunstwerkes bildeten.

Die nun 28,1 cm große Statuette wurde, dass weiß man sicher, wurde mit Steingeräten (Klingen, Kratzer, Sichel) aus dem Stoßzahn eines jungen Mammuts geschnitzt. Mit Hilfe von Radiokarbondatierungen von Knochen aus derselben Fundschicht, fanden die Archäologen außerdem heraus, dass der Löwenmensch rund 8.000 Jahre älter war als bisher angenommen. Nämlich 40.000 Jahre alt.

Im Neanderthal Museum wurde nach Bekanntgabe der neuen Fundstücke und ihrer Rekonstruktion zu dem heute bekannten Löwenmenschen auch eine neue Rekonstruktion in Auftrag gegeben, die im Frühjahr 2014, zusammen mit einem aktualisierten Ausstellungstext in Forscherbox Nummer drei (Mythos und Religion) einzog.

 

Zurzeit befindet sich unser Löwenmensch jedoch in Mistelbach in Österreich und unterstützt dort unsere Wanderausstellung „Giganten der Eiszeit“ noch bis Mitte November.

Der original „Löwenmensch“ ist im Ulmer Museum zu bestaunen, welches rund um diesen noch acht weitere archäologische Themenbereiche, von der letzte Eiszeit über Zeugnisse jungsteinzeitlicher Kulturen im Tal der Donau und auf der Schwäbischen Alb über die römische und alamannische Epoche bis in das Ulm des Späten Mittelalters und der Neuzeit zeigt.

http://www.loewenmensch.de/ulmer_museum.html

Liebe Grüße aus der Mediathek

Saskia Adolphy

Warum gibt es eigentlich einen gähnenden Neanderthaler in Forscherbox Nr. 2 „Leben und Überleben“?

Seit Mitte 2013 kann man immer wieder gähnende Besucher an Forscherbox Nr. 2 beobachten. Warum? Ganz einfach: Die Rekonstruktion des gähnenden Neanderthalers von Studentin Livia Enderli steckt  mit seinem Gähnen an!

http://www.wissen.de/raetsel/wieso-ist-gaehnen-ansteckend

Als Studentin der Züricher Hochschule der Künste untersuchte Livia Gesichtsausdrücke und deren Wirkung auf Menschen. Zudem sollte aus dieser Untersuchung und im Zuge ihrer Bachelorarbeit eine lebensechte Gesichtsrekonstruktion entstehen. Aus ihrer persönlichen Faszination zu dem Fach der Ur- und Frühgeschichte entschied sie sich dazu, ein Gesicht von Homo sapiens neanderthalensis zu modellieren.

Aber warum wurde es ein gähnender Neanderthaler ?

Livia wollte mit ihrer Arbeit ein ganz traditionelles Vorurteil wiederlegen, welches den Neanderthaler als emotionsloses, keulenschwingendes Wesen darstellt. Da Emotionen wie Lachen, Weinen, Wut und Ärger beim Neanderthaler bisher noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen wurden, entschied sie sich dazu, einen gähnenden Neanderthaler nachzubilden. Eine Emotion, die allen Säugetieren von Natur aus gegeben ist – also auch dem Neanderthaler!

Livia wollte ihre Nachbildung jedoch nicht auf traditioneller Weise rekonstruieren, indem über einen Abguss des Originalschädels mit Ton, Wachs oder Silikon modelliert wird, sondern nahm sich vor, eine Rekonstruktion mit der neuesten digitalen Technik zu gestalten.

Auf Grundlage eines 3D-Scans vom Schädel des dreizehnjährigen Jungen aus dem Teshik-Tash-Höhlen in Usbekistan, das Livia vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zur Verfügung gestellt wurde und auf Grundlage von eigenen Fotostudien gähnender Menschen, fertigte Livia Zeichnungen an, die sich mit Gesichtern und Gesichtszügen von Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neanderthalensis beschäftigten.

Auf Grundlage des Schädels vom Neanderthaler-Jungen und den Gesichtszügen heute lebender Menschen entstand nach vielen Skizzen und Versuchen, eine Zeichnung, deren Proportionen genau zu denen des Schädels des Neanderthalers 3D-Scans passte. Die Zeichnung wurde eingescannt und von Livia in das Bildbearbeitungsprogramm „Cinema 4D“ übertragen.

Auf Grundlage der Zeichnung modellierte Livia im nächsten Schritt und mithilfe des Programms, Punkt für Punkt und Polygon für Polygon, das virtuelle Gesicht.

Probleme machte dabei zum Beispiel die Rekonstruktion eines Ohrs, dass jedoch von Livia auf Grundlage eines Bildes aus dem Internet, bestens nachgestellt wurde.

http://de.wikipedia.org/wiki/Cinema_4D

Der fertige digitale 3D-Schädel wurde per 3D-Drucker mit Gips gedruckt und anschließend von Livia in sorgfältiger Handarbeit mit Kunststoff-Harz gehärtet. Um den rekonstruierten Kopf zum stehen zu bekommen, wurde in dem Hohlraum Isolationsmaterial eingeschäumt und ein Kugelgelenk befestigt, an dem ein Metall-Stab angebracht wurde.

Fertig ist die Rekonstruktion!

Doch nicht für Livia. Sie verlieh dem Gesicht noch einen persönlichen Charakter, indem sie im Cinema 4D mit verschiedenen Hauttönen, unterschiedlichem Lichteinfall und verschiedenen Haarfarben experimentierte. Um den verschiedenen Ausprägungen, der nun entstandenen Gesichter, noch mehr Persönlichkeit zu verleihen, druckte sie die Rekonstruktionen aus und überzeichnete sie mit Aquarellfarbe, Tusche oder Bleistift.

Nach Anerkennung des Bachelors war klar: Soviel Arbeit darf nicht in irgendeinem Regal verstauben. Livia nahm Kontakt mit dem Neanderthal Museum auf, welches sie ihr auch bereits in der Ausarbeitung der Rekonstruktion beratend zur Seite stand, und stellte sie für die Ausstellung zur Verfügung.

Wir freuen uns sehr den Besuchern solch eine tolle Rekonstruktion zeigen zu können, zumal das Gähnen den Besucher „ansteckt“ und so eine direkte Verbindung zwischen dem 3D-Druck und dem Besucher entstehen lässt.

Vielen Dank liebe Livia! Und weiterhin viel Erfolg bei deinem Studium!

Falls interessierte Leser mehr über Livia Enderli und ihre Arbeit erfahren wollen, ist hier der Link zu ihrer Website: http://www.liviaenderli.com

Herzliche Grüße aus dem Neandertal

Saskia Adolphy

Filmstar Mr N

Einen ganzen Tag fehlte Publikumsliebling Mr. N, unser Neanderthaler der sonst Tag für Tag Besucher im Museumsfoyer begrüßt. Allerdings aus gutem Grund: er versuchte sich als Filmstar! Die BBC war hier und hat Filmaufnahmen gemacht für eine dreiteilige Dokumentation zum Thema Eiszeit, die im nächsten Frühjahr laufen soll. Das Ice Age Team war so begeistert von der von den Gebrüdern Kennis gestalteten Rekonstruktion, dass sie gar nicht mehr aufhören wollten mit Filmen: von morgens früh bis abends spät waren sie mit Drehen beschäftigt. Sie filmten Mr N von links, von rechts, von vorne, von hinten, von fern und in Nahaufnahme, sie bauten Kameraschienen und Kamerakran auf, sogar mit Laser und Nebel wurde gearbeitet. Beeindruckend! Wir jedenfalls können es kaum erwarten, das fertige Werk zu sehen.

Gespannte Grüße aus dem Neandertal

Kerstin Pannhorst

Jubiläumsgast angekommen

Gestern vor 75 Jahren, am 1. Mai 1937, wurde das erste Neanderthal Museum eröffnet. Und pünktlich zu diesem Jubiläum ist auch unser Überraschungsgast angekommen. Adrie Kennis hat ihn gebracht. Genaueres wird erst Freitag verraten!

Beste Grüße aus dem Neandertal

Bärbel Auffermann

A new star is born

Am Freitag wurde an der Neanderthaler-Fundstelle Spy in Belgien ein neues, kleines aber feines Museum eingeweiht.  Herzstück der Ausstellung ist eine neue Rekonstruktion von Alfons und Adrie Kennis, die auch unseren Neanderthaler angefertigt haben. „Spyrou“ schaut ähnlich entspannt in unsere Welt. Basis der Rekonstruktion ist ein Scan der Originalknochen des Neanderthalers Spy II, die im Naturkundemuseum Brüssel aufbewahrt werden, mehr dazu.  Wir begrüßen Spyrou herzlich und wünschen ihm viele interessierte Besucher.

Beste Grüße aus dem Neandertal

Bärbel Auffermann

20 Jahre Ötzi

Ötzis Entdeckung jährt sich Montag, den 19. September, zum 20. Mal.  Ötzi ist seit etwa 5400 Jahren tot und 47 Jahre hat er gelebt. 20 Jahre ist es jetzt schon her, dass seine Entdeckung ein unglaubliches Medienecho entfachte. Bis heute lässt sein Schicksal uns nicht los. Hier tritt ein Einzelner aus dem Dunkel der Geschichte. Ein Mensch, über dessen Leben und dramatisches Sterben die Forscher immer mehr herausfinden. Ötzi ist ein Glücksfall für die europäische Archäologie. Einer, von dem kein Kollege zu träumen gewagt hätte.

Ich erinnere mich noch, wie eine Anwohnerin uns bei einer Ausgrabung im Schwäbischen im September 1991 eine Zeitung mit der Schlagzeile brachte: Prähistorische Mumie in den Alpen entdeckt! Unglaublich schien uns das. Ein Jahr später sind wir dann in kleiner Gruppe von der Uni Tübingen gestartet und von Vent aus mit Prof. Leitner von der Uni Innsbruck zum Tisenjoch aufgestiegen. Die Nachgrabungen waren gerade beendet. Schnee und Eis an der Fundstelle hatten die Kollegen aufgetaut und der Stein, auf dem Ötzi über 5000 Jahre gelegen hatte, ragte aus dem Wasser. Ruhig war es dort oben auf dem Alpenhauptkamm, weit weg schien der Rummel um Ötzi. Der Blick hinab nach Südtirol ist von dort phantastisch. Damals wussten wir noch nicht, dass er von dort gekommen war, dass er „Südtiroler“ war und kein „Ötztaler“.

Einige Jahre später begegnete mir Ötzi wieder: Im Neandertal. „Ötzi – Der Eismann“ war vom 11.12.1996 bis 26.01.1997 die erste Sonderausstellung im neu eröffneten Neanderthal Museum. GEO hatte eine lebensechte Rekonstruktion von Elisabeth Daynès für die Jubiläumsausgabe seiner Zeitschrift anfertigen lassen. Ergänzt wird die Figur von originalgetreuen Rekonstruktionen seiner Kleidung und Ausrüstung, die Harm Paulsen angefertigt hat. Als im Dezember 1996 das Fax einer Münchener Anwaltskanzlei bei uns ausgespuckt wurde, staunten wir nicht schlecht: Die Landesregierung Bozen-Südtirol versuchte, diese Ausstellung zu verhindern: Die Nachbildung sei widerrechtlich, dem Neanderthal Museum wurde für jeden Ausstellungstag eine Vertragsstrafe von 30.000 Mark angedroht. Laut Artikel 51 des staatlichen Gesetzes vom 1. Juni 1939 sei es verboten, Abdrucke von Originalen und denkmalgeschützten Sachen, die im Eigentum des Staates stehen, anzufertigen. Nachdem alle Missverständnisse ausgeräumt waren, konnten wir die Ausstellung mit einigen Tagen Verspätung eröffnen. Die Menschen standen Schlange, um die Rekonstruktion des Ötzi zu sehen und noch Jahre später fanden sich Einträge im Gästebuch :“Wann kommt denn der Ötzi wieder?“

Die GEO-Ausstellung tourte von 1997 bis 2005 durch den gesamten deutschsprachigen Raum. GEO hat sie uns 2006 übergeben. Wir haben sie überarbeitet, inhaltlich aktualisiert und vom 17.02. bis 17.04.2006 erneut präsentiert :“Die Rückkehr des Ötzi“ lautete die Sonderausstellung. Diese tourt seitdem als Wanderausstellung weiter und ist aktuell in einer von Karol Schauer erweiterten Konzeption in der Arche Nebra zu sehen: http://www.himmelsscheibe-erleben.de/sonderschau_2011_oetzi/.

Am 28. Februar diesen Jahres folgte ich einer Einladung zur Eröffnung der Ausstellung „Ötzi 20“ http://www.iceman.it/de/sonderausstellung ins Südtiroler Archäologiemuseum, dem Aufbewahrungsort der Mumie. Das war endlich die Gelegenheit, Ötzi leibhaftig zu sehen!

 

Beste Grüße aus dem Neandertal 

Bärbel Auffermann