Schlagwort-Archive: Rio Secco

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neanderthaler in den südlichen Voralpen

Das dritte Jahr mit Ausgrabungen in der Rio Secco Höhle bei Clauzetto in Nordost-Italien sind gerade zu Ende gegangen. Auf den ersten Blick erscheinen die bisherigen Ergebnisse enttäuschend: wenig Fundmaterial und problematische Fundumstände lassen spontan keine Euphorie aufkommen. Dieser erste, flüchtige Eindruck täuscht, denn beim genaueren Hinsehen entpuppt sich die Rio Secco Höhle als herausragender Beleg für die Tötung und Schlachtung von Höhlenbären im Mittelpaläolithikum. Die wenigen Steinwerkzeuge und die lockere Fundstreu passen sehr gut zu diesem spezialisierten Camp mit eingeschränkten Tätigkeiten. Schnitt- und Schlagspuren an Knochen von Höhlenbären sind eindeutige Belege für die hier durchgeführten Aktivitäten. Mit der Rio Secco Höhle ist sicherlich der Rand des für den Neanderthaler nutzbaren Territoriums in den südlichen Voralpen erfasst. Ein schönes Ergebnis nach 3 Jahren Grabungsarbeit: 2013 werden die Arbeiten mit dem Neanderthal Museum in der Co-Direktion weitergehen. Darüber hinaus werden die wichtigsten Funde der Rio Secco Höhle bald in NESPOS als 3D-Modelle der Wissenschaft zur Verfügung stehen.

Mit besten Grüßen, Andreas Pastoors

SCHULTERBLICK FORSCHUNG: Von der Ausgrabung in die Öffentlichkeit

Forschung muss nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden: Dies beweist das Archäologenteam der Rio Secco-Höhle unter der Leitung von Marco Peresani (Universität Ferrara). Anlass für die Aktivitäten ist die neue Grabungskampagne in der Rio Secco Höhle am Südrand der italienischen Alpen (Pradis, Gemeinde Clauzetto). Hier fanden sich Spuren der Neanderthaler und prähistorischer moderner Menschen. Das Neanderthal Museum in Mettmann ist als Kooperationspartner an den Ausgrabungen beteiligt.

Der Einsatz der hier arbeitenden Archäologen ist extrem vielseitig. Wer in der zwar idyllischen, jedoch abseits gelegenen Bergregion die Aufmerksamkeit der Bewohner und Touristen auf die Urgeschichte lenken möchte, muss kreativ werden. So wird während der laufenden Ausgrabungen interessierten Laien die Möglichkeit geboten, die Fundstelle zu besuchen und an Führungen teilzunehmen. Für Grundschulklassen organisieren die Archäologiestudenten der Grabung zusätzlich auch einen Mitmach-Workshop direkt bei der Höhle. Die Arbeit der Archäologen wird anhand der laufenden Grabung erklärt. Dann wird nach „prähistorischen Funden“ gesucht: Knochen, Werkzeuge aus Stein, Schnecken oder Muscheln. Die Funde werden fachgerecht in kleinen Tüten verpackt und dürfen – zusammen mit einem „Archäologen-Diplom“ – mit nach Hause genommen werden.

Anfang Oktober strömten mehrere hundert Kinder mit ihren Eltern zu den „giornate della preistoria“, den „Urgeschichtstagen“ nach Pradis di Sotto, einem kleinen Bergdorf in der Nähe der Rio Secco Höhle. Hier vermischen sich Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit und aktuelle Forschungsfragen.

Das Programm der Urgeschichtstage wurde anhand neuester Forschungsergebnisse von Marco Peresani und zwei seiner Doktoranden, Rossella Duches und Matteo Romandini, gestaltet. So lag dieses Jahr ein Schwerpunkt auf der Verwendung von Ockerpulver durch Neanderthaler. Erst vor kurzem wurde nachgewiesen, dass Neanderthaler Ockerpulver herstellten und sogar in Muscheln aufbewahrten. Es gibt bislang allerdings keinen direkten Nachweis für seine Verwendung – ganz im Gegensatz zu den zahlreichen Höhlenmalereien des frühen modernen Menschen.

Neben dem Angebot, selber Speere zu basteln und das Holz mit Ocker zu bemalen, gab es einen „Jagdausflug“ in den Wald. Die erfolgreichen Jäger wurden anschließend durch Ockerbemalung in neanderthalerzeitliche Jäger verwandelt.

Ein weiteres Thema entsprang dem brandneuen Forschungsergebnis des italienischen Teams. Demnach hatte bereits der Neanderthaler ein Interesse an den langen Schwungfedern großer Greifvögel. Dies ließ sich anhand von Schnittspuren auf den Flügelknochen nachweisen. Aber wofür wurden sie verwendet? Der Workshop ging auf verschiedene Möglichkeiten ein. Eine davon war die Bemalung der Federn mit Ocker.

Diese und auch andere Verwendungsmöglichkeiten von Ocker durch Neanderthaler werden jedoch in Zukunft archäologisch schwierig nachzuweisen sein. Nichts desto trotz hatten die anwesenden Kinder und Erwachsenen der Gattung Homo sapiens sapiens viel Freude bei den angebotenen Aktivitäten. Und auch die aktuellen Forschungsfragen werden vielen in Erinnerung bleiben.

Mit vielen Grüßen zurück aus den italienischen Alpen,

Isabell Schmidt 
Doktorandin

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue Erkenntnisse bei Ausgrabung in der Rio Secco Höhle in Italien

Bereits zum vierten Mal findet in der Rio Secco Höhle eine archäologische Ausgrabung statt, die in enger Zusammenarbeit der Universität Ferrara und dem Neanderthal Museum durchgeführt wird. Die Archäologen fanden hier, am Südrand der Alpen, Spuren von Neanderthalern und den ersten modernen Menschen.

Bislang hatten die Untersuchungen unter dem großen Felsüberhang vor der Höhle stattgefunden. Hier hatte der Grabungsleiter Marco Peresani (Ferrara) vor einiger Zeit die ersten Spuren der prähistorischen Besiedlung entdeckt. In den vergangenen Grabungskampagnen zeigte sich allerdings, dass herabgefallene Felsbrocken des Überhangs sowie Murmeltiere die Hinterlassenschaften stark gestört hatten.

Die neue Grabung wurde von vielen mit Spannung erwartet. Nachdem in diesem Frühjahr auch noch die Schäden einer Raubgrabung im Höhleneingang beseitigt werden mussten, drang die Ausgrabung endlich bis in die Höhle vor.

Dementsprechend groß war die Freude unter den beteiligten Archäologen sowie den Vertretern der Gemeinde Clauzetto, als sich vor wenigen Tagen im Eingang der Höhle ungestörte Schichten aus der Zeit der Neanderthaler zeigten. Weder die Murmeltiere der letzten Eiszeit noch die Raubgrabungen der jüngsten Vergangenheit haben ihnen etwas anhaben können. Durch die Identifizierung der Schichten lassen sich die Hinterlassenschaften – es wurden Werkzeuge aus Stein sowie Tierknochen mit Bearbeitungsspuren gefunden – in eine klare zeitliche Abfolge stellen.

Die Grabungskampagne wird in diesem Jahr noch eine Woche dauern. Aber es besteht kein Zweifel mehr, dass sich weitere Forschungen lohnen. Nicht zuletzt durch die großartige Öffentlichkeitsarbeit der italienischen Archäologen (von der an dieser Stelle noch berichtet wird) wurde ein breites Interesse an der Urgeschichte der Region geschaffen. Zusammen mit den Bewohnern der umliegenden Bergdörfer hofft nun das Grabungsteam der Universität Ferrara sowie das Neanderthal Museum, dass die Grabung auch in Zukunft stattfinden kann.

Mit besten Grüßen aus Italien,

Isabell Schmidt