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SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Forschungsstipendiant aus Spanien

Ich bin Archäologe aus Madrid und mit Spezialisierung auf die paläolithische Forschung. Für die  nächsten zwei Jahre werde ich hier im Neanderthal Museum arbeiten. Meinen Bachelor und meinen Doktortitel habe ich an der Universität Alcalá de Henares (Madrid) absolviert. Mein Forschungsschwerpunkt liegt im Mittel- und Jungpaläolithikum in Zentralspanien, mit Fokus auf die lithische Technologie, Populationsdynamik und Felskunst. Außerdem befasse ich mich mit dem Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaft und in meiner Doktorarbeit habe ich einen systemischen, histographischen Ansatz für die paläolithische Forschung entwickelt und interne (erkennungstheoretische und empirische) und externe (ideologische und sozio-politische) Analysen integriert. Ich besitze mehrjährige Erfahrungen im Ausgraben paläolithischer Fundplätze auf der Iberischen Halbinsel. Als Student habe ich bereits in Tito Bustillo (Asturien), Lezetxiki (Guipúzcoa), Cuesta de la Bajada (Teruel) und Gorham’s Cave (Gibraltar) gegraben. Kürzlich war ich Co-Direktor mehrerer Ausgrabungskampagnen auf dem Solutréen-Freilandfundplatz Las Delicias (Madrid).

Mein Aufenthalt im Neanderthal Museum ist mit dem Marie Curie Stipendium von der Europäischen Kommission möglich geworden. Ich habe mich mit Hilfe von Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger für dieses außergewöhnliche Stipendium für Doktorabsolventen beworben und nach langer und intensiver Vorbereitung des Antrages habe ich es glücklicherweise erhalten. Unser Projekt „Testing population hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach“ basiert auf geoarchäologischen Studien von Daten aus drei ausgesuchten zentralspanischen Fundstellen (im Norden der Guadalajara Provinz): die Höhle Los Casares und das Abri Peña Cabra waren im Mittelpaläolithikum besiedelt, das Abri Peña Capón hingegen im Jungpaläolithikum. Zusammen bilden diese Fundstellen eine ausgezeichnete Stichprobe, um die Interaktionen zwischen Mensch und Umwelt zu untersuchen und die zurzeit akzeptierten Modelle bezüglich der Populationsdynamik in diesem bisher schlecht erforschten Gebiet der Iberischen Halbinsel zu testen.

Unser methodischer Ansatz umfasst verschiedene Methoden der paläolithischen Archäologie und der Geowissenschaften, z.B. Mikromorphologie, Sedimentologie, Uranium/Thorium-Datierung, Radiokarbon-Datierung, OSL-Datierung, Pollenanalyse, Anthracology, lithische Technologie, Taphonomie und Zooarchäologie. In diesem interdisziplinären Projekt arbeiten nicht nur Forscher des Neanderthal Museums, sondern auch von anderen deutschen und spanischen Insitutionen, u.a. die Universität zu Köln und die Universität Alcalá de Henares. Außerdem ist unser Projekt in das interdisziplinäre Projekt des Sonderforschungsbereich (SFB-806) „Our Way to Europe“, Abteilung C1 „The Western Mediterranean – Bridge or Barrier?“, der Universität Köln eingegliedert.

Eine erste Kampagne hat bereits letztes Jahr in Los Casares stattgefunden und die Ergebnisse werden bald zur Verfügung stehen. Im Laufe des Jahres 2015 werden wir weitere Kampagnen in Peña Cabra and Peña Capón angehen.

Meine Arbeit in Deutschland, besonders in dieser außergewöhnlichen Forschungsabteilung des Neanderthal Museums, das zurzeit in einigen interdisziplinären Projekten mitwirkt, ist bisher eine außergewöhnliche Erfahrung für mich persönlich und für meine wissenschaftliche Laufbahn. Sitten, Zeitpläne und Regeln sind anders in Deutschland als in Spanien, aber die Kollegen sind sehr nett und hilfsbereit und unsere Arbeit ist bisher sehr produktiv, sodass ich mich einfach anpassen konnte. Ich habe mich von Anfang an wie zu Hause gefühlt. Vielen Dank dafür.

Grüße

Manuel Alcaraz-Castaño

 

(aus dem Englischen übersetzt von Viviane Bolin)

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Expedition ins Dunkle – Ein Ausflug unter die Erde!

Wart ihr schon mal in einer Höhle? Vielleicht bei einer Veranstaltung in der Balver Höhle im Sauerland? Aber sicherlich seid ihr noch nie in einen engen Gang in die Erde gekrochen, der kaum breiter war als ihr selbst? Einige Mitarbeiter aus dem Neanderthal Museum haben sich das bei einem Ausflug zur Blätterhöhle (Lennetal bei Hagen) getraut. In Overalls und mit Schutzhelm bekleidet, krochen sie durch den sehr schmalen Eingang in die dunkle Höhle.

Die Blätterhöhle wurde 2004 entdeckt und wird seit 2006 unter der Leitung von Dr. Jörg Orschiedt ausgegraben. Sie liegt an einem steilen Hang neben einer viel befahrenen Hauptstraße, ist aber hinter dem Blättergestrüpp kaum zu sehen. Da der Eingang nur ein kleines Loch unter dem Kalkfelsen war, hat es so lange gedauert, bis Höhlenforscher sie entdeckten.

Das Sensationelle an diesem steinzeitlichen Fundplatz ist erstens, dass die Menschen diesen Ort im Mesolithikum (vor 10 000 Jahren) und im Neolithikum (vor 5 000 – 3 000  Jahren) immer wieder aufgesucht haben und zweitens, dass sie dort nicht nur Rast gemacht, Essen gekocht und vielleicht mal übernachtet haben, sondern auch ihre Toten dort bestattet haben. Insgesamt 500 Knochen von mehreren Individuen sind in dem engen Gang der Höhle ausgegraben worden. Sie lagen unter Wildschweinschädeln – Tiere, die sicherlich keine typischen Höhlenbewohner waren. Vielleicht wollten die Menschen so die Grabstätte markieren?

Die Knochen können uns allerhand Informationen zu den Menschen geben. Zum Beispiel ergaben Isotopenanalysen, dass eine Gruppe Individuen sich weitestgehend von Fisch ernährt hat. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die unterschiedlichen Gruppen (Jäger/Sammler & Ackerbauer) sich nicht aus dem Weg gegangen sind, wie bisher immer vermutet wurde, sondern nebeneinander in dieser Region lebten und sich sogar vermischt haben.

Aber wie war es jetzt eigentlich in der engen Höhle? Hat man da nicht Platzangst? War es vielleicht gruselig? Die Mitarbeiter berichten kurz von ihrem Erlebnis:

Melanie Wunsch (Volontärin für Ausstellungsgestaltung)

Am meisten beeindruckt hat mich die wunderschöne Stille. Man hört sie richtig. Und man spürt die Tiefe der Zeit – 200 Millionen Jahre, in denen sich diese bizarre Welt gebildet hat. Ein ganz intensives, fast spirituelles Erlebnis. Wenn man dort unten in der feuchten, engen Höhle hockt, überlegt man sich, was Menschen in der Vergangenheit dazu bewogen hat, durch ein kleines Loch in die Dunkelheit zu kriechen. Wahrscheinlich das Gleiche wie uns heute – Neugier.

Viviane Bolin (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Ich muss gestehen, ich hatte schon ein bisschen Bammel davor, in diesen engen Gang zu kriechen. Platzangst habe ich zwar keine, aber es wird einem schon ein bisschen mulmig, wenn man weiß, dass man sich nicht mal umdrehen oder aufstehen kann. Nachdem wir unsere (zumindest für mich viel zu großen) Overalls angezogen und unseren Schutzhelm mit Lampe aufgesetzt hatten, war meine Aufregung aber schon ziemlich groß. Der Gang geht direkt hinter dem Eingang schräg runter. Wir mussten mit dem Kopf vorwärts auf dem Bauch kriechen. Krabbeln ging nicht wirklich, dazu war der Gang zu tief. Der Boden war kalt, glatt und feucht, eine rötliche Lehmschicht. Am Eingang krabbelten ziemlich viele Spinnen. Aber Angst hatte ich gar keine, mulmig war mir auch überhaupt nicht, so einige Meter unter dem Fels. Also gar nicht so schlimm, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich fand es total spannend und abenteuerlich. An einigen Stellen konnte man krabbeln oder sich hinsetzen. Die Höhle geht nicht weit in den Fels hinein. Es gibt zwar noch zwei enge Gänge, die vielleicht weiter führen, aber da passt kein Mensch durch. Mit Spinnweben bedeckt und voller Erde, aber total glücklich sind wir dann wieder ans Sonnenlicht gekrochen. Draußen war es natürlich viel schwüler als drinnen – nicht so schön saubere und frische Luft, wie in der Höhle. Ich fands klasse, definitiv eine tolle Erfahrung!

Nancy Harmon (Praktikantin aus den USA)

Mein Name ist Nancy Harmon und ich bin Studentin an der Universität Illinois (Chicago, USA). Ich studiere den Master in Museum and Exhibition Studies. Ich freue mich in Deutschland zu sein und bin von meinem Praktikum im Neanderthal Museum mehr als begeistert. Ich habe einen Bachelor in Anthropologie und sehr großes Interesse an der Menschheitsgeschichte. Daher war ich total aufgeregt, die Blätterhöhle mit meinen neuen Kollegen zu besichtigen. Was für eine Erfahrung! Während ich mich über den kalten Boden der engen Höhle auf dem Bauch liegend vorwärts zog, konnte ich mir vorstellen, wie unsere Vorfahren das Gleiche taten – aber natürlich ohne grelles LED-Licht, Helme und Overalls! Für Menschen waren Höhlen schon immer wichtige Orte in der Vergangenheit. Sehr sichtbar sind die Ähnlichkeiten zwischen wunderschön gewölbten Höhlenräumen und Kathedralen, die wir tausende Jahre später bauten. Die Blätterhöhle war wirklich sehr eng: wir robbten uns die meiste Zeit auf dem Bauch vowärts! Innen war es kalt und frisch und mit meinem Gesicht so nah am Boden konnte ich den feuchten Boden riechen. Dr. Orschiedt zeigte uns erstaunlich sichtbare Stratigraphieschichten. Skelettreste von Tieren aus dem Holozän und Miozän waren in den Schichten verteilt. Als wir in einem etwas breiteren Teil der Höhle angekommen waren, disktutierten wir über die möglichen Entdeckungen und Ereignisse in dieser Höhle vor tausenden von Jahren. Durch die Blätterhöhle zu kriechen war eine atemberaubende Erfahrung – im buchstäblichen und übertragenden Sinne! Wenn ich in die Staaten zurückkehre, werde ich in meiner Masterarbeit eine interaktive Höhlenausstellung gestalten. Vielleicht wird es dort überraschende Wendungen geben! (aus dem Englischen übersetzt)

 

Aktuelle Artikel zur Ausgrabung in der Blätterhöhle

http://www.derwesten.de/staedte/hagen/archaeologen-graben-an-blaetterhoehle-nach-sensationen-id9634377.html (28.07.2014)

http://www.derwesten.de/staedte/hagen/sensationelle-erkenntnisse-aus-der-hagener-blaetterhoehle-id8547199.html (10.10.2013)

http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/blaetterhoehle-archaeologen-finden-tote-aus-der-steinzeit-a-845863.html (01.08.2012)

Sommerfest 2013

Am letzten Wochenende war es mal wieder soweit und unser jährliches Sommerfest lockte rund 2350 kleine und große Besucher ins Tal.

Rund um das Museum, einschließlich Fundplatz und Museumsgarten, gab es jede Menge Tolles zum Thema Steinzeit. Vom Filzen, Brot backen und Speerschleudern bis hin zum Falknern, Bogenschießen und Stelzen gehen, ließ das Fest keinen Wunsch offen.

Ganz neu war dieses Jahr ein Stand von der Zoom-Erlebniswelt in Gelsenkirchen, der versuchte den Besuchern das Fauchen von Schaben zu demonstrieren – was jedoch, je später es wurde, nicht immer auf Anhieb klappte – denn irgendwann waren diese Tierchen des Fauchens müde und wollten nur noch schlafen! Da konnte man dann von Glück reden, dass sich eine Flasche Wasser die man öffnet, fast genauso anhört – nämlich so, wie aggressive Schaben: Zzzzhhh…

Generell gab es viel Neues zu entdecken, auf dem Sommerfest 2013: So auch ein sehr, zum Leidwesen der Mitarbeiter – lautstarkes Gerät – man nennt es auch „Hau den Lukas“, auf dem jeder seine Körperkraft mithilfe von Hammer und Gewicht messen konnte. Jeder Besucher schlug zu mindestens einmal herauf um seine Kräfte im Vergleich zum Neanderthaler zu demonstrieren. Das Ergebnis war dann jedoch eher ernüchternd: Der Neanderthaler war mit Abstand der Stärkste!

Nach dem Kräfte messen – was gibt es Besseres- lockten Bratwurst, Pommes und Co. oder, auch ganz neu: Popcorn und Zuckerwatte.

Gestärkt ließ es sich danach auf dem Fundplatz aushalten, wo man im Mitmach-Zirkus seine akrobatischen Fähigkeiten ausprobieren konnte oder sich per Leder-Schablone ein „Steinzeit-Tattoo“ malen lassen konnte.

Rundherum war das Wochenende, trotz ein wenig Regen am Samstag, für Besucher aber auch für uns Mitarbeiter ein tolles Ereignis. Und trotz der vielen Arbeit im Vorfeld freuen wir uns schon jetzt auf das nächste Sommerfest am letzten Schulferienwochenende 2014!

Bis dahin fröhliche Grüße aus der Mediathek
Saskia Adolphy