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Forschung im Museum: Das Paläolithikum im Rheinland

Im September diesen Jahres startete im Neanderthal ein Projekt zum Paläolithikum im Rheinland mit einer Laufzeit von vier Jahren. Es wird gemeinschaftlich finanziert vom Landschaftsverband Rheinland und der Stiftung Neanderthal Museum in Kooperation mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln.

Worum geht es? Seit mehr als 100 Jahre werden vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege und seinen Vorgänger-Institutionen als paläolithisch registrierte Funde und Fundstellen archiviert. Das gesamte Archiv wird nun systematisch überprüft. Die sehr heterogenen Informationen werden vereinheitlicht, auf den neuesten Stand gebracht und den vier beteiligten Institutionen für ihre tägliche Arbeit zugänglich gemacht.

Karte der altsteinzeitlichen Fundstellen in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf (blaue Punkte) auf der Verbreitung des eiszeitlichen Lösses (in den Kaltzeiten vom Wind abgelagerte feinkörnige Sedimente: Gelbtöne).

Dazu werden die vor vier Jahren erstmals aus unterschiedlichsten analogen und digitalen Archiven der rheinischen Bodendenkmalpflege in einer digitalen Gesamtdatenbank zusammengeführten Informationen lektoriert und, wo nötig und noch möglich, sukzessive am Fundmaterial und den Fundstellen selbst überprüft, aktualisiert und ergänzt.

Der Faustkeil von Hochdahl, das möglicherweise älteste Steinwerkzeug Nordrheinwestfalens (Foto: Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Im aktualisierten Zustand wird die Datenbank nicht nur als Entscheidungsgrundlage die Planung und Ausführung zukünftiger bodendenkmalpflegerischer Maßnahmen erleichtern, sondern auch die Möglichkeit bieten, sowohl das wissenschaftliche Potential einzelner Fundstellen als auch die Funde in ihrer Gesamtheit neu zu bewerten. Auf der Datengrundlage können neue Forschungsfragen und Projekte entwickelt werden.

TIPP: Am Tag der Forschung reden wir mit euch gerne über unsere aktuelle Forschung und neue wissenschaftliche Projekte!

Kontakt:

Dr. Daniel Schyle

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue archäologische Ausgrabung im Abri Peña Capón (Zentralspanien)

Dr. Manuel Alcaraz-Castaño ist Marie Skłodowska-Curie-Stipendiat mit dem Projekt “Testing population hiatuses in the Late Pleistocene of Central Iberia: a geoarchaeological approach” (s. Blogbeitrag 29. Juli 2015) und arbeitet zurzeit als Wissenschaftler im Neanderthal Museum. Ende letzten Jahres führte er im Nordwesten der Guadalajara Provinz in Zentralspanien, zusammen mit Dr. Javier Alcolea von der Alcalá Universität in Spanien und anderen spanischen Forschern, eine Ausgrabung durch. Das Projekt wird von Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, dem Direktor des Neanderthal Museums, mitbetreut und von Dr. Martin Kehl aus dem Institut für Geographie der Universität zu Köln unterstützt.

Es handelt sich um die vierte Kampagne einer Serie von Ausgrabungskampagnen an drei spätpleistozänen Fundplätzen in Gualdajara. Neben Peña Capón waren auch die Höhle Los Casares und der Abri Peña Cabra Gegenstand von Ausgrabungen in den Jahren 2014 und 2015.

In Peña Capón ist eine wichtige jungpaläolithische Schichtenabfolge dokumentiert. 1970 wurde dort eine unsystematische Ausgrabung durchgeführt. Unglücklicherweise wurden die Ergebnisse dieser Kampagne nie veröffentlicht. Daher waren die Informationen über diesen Fundplatz seitdem immer unvollständig. Außerdem ist der Zugang zum Fundplatz sehr schwierig, da der Abri im Bereich des Beleña Damm liegt und daher sehr oft überflutet ist. Nach langer Wartezeit waren die Bedingungen im Herbst 2015 besonders günstig, um die lang ersehnte intensive Ausgrabung an diesem Fundplatz durchzuführen.

Die Schichtenabfolge in Peña Capón besitzt keine Parallelen aus dem Hinterland der Iberischen Halbinsel, wo die Fundplätze eher im Magdalénien besiedelt waren. Im Gegenteil, Peña Capón zeigt eine Abfolge von mehreren Besiedlungsschichten aus dem Solutréen, Proto-Solutréen und vielleicht sogar Gravettien. Diese Schichtenabfolge und die sehr gute Erhaltung des archäologischen Materials (bestehend aus Lithik, Fauna und Holzkohle) machen aus Peña Capón eine wichtige Fundstelle, um die Interaktionen des Menschen mit seiner Umwelt und die Populationsdynamiken während des späten Pleniglazials im Hinterland der Iberischen Halbinsel zu erforschen.

Die Ausgrabung in Peña Capón fand vom 19. Oktober bis 16. November 2015 statt. Ähnlich wie beim mittelpläolithischen Fundplatz Peña Cabra war der Zugang zum Abri nur mit einem Boot möglich. Das Ziel der Ausgrabung in Peña Capón war es, bisher fehlende Daten zur Chronologie, Paläoumwelt und moderner Geomorfologie zu sammeln. Daher war diese Kampagne auf die Entschlüsselung der Formationsprozesse des Fundplatzes, auf die Abfolge der menschlichen Besiedlungen in den archäologischen Schichten und die Beziehung zwischen Umweltveränderungen und technologisch-wirtschaftlichem Verhalten der Menschen fokussiert. Um diese Informationen zu erhalten, öffnete das Team einen 6 Quadratmeter großen Schnitt und dokumentierten eine große Anzahl an archäologischen Objekten (hauptsächlich Steinwerkzeuge und Tierknochen). Außerdem wurden Proben für Mikromorphologie, Sedimentologie, Radiokarbondatierung (Holzkohle und Knochen) und Pollenanalysen genommen. All diese Untersuchungen werden im Laufe des Jahres 2016 in verschiedenen Laboren in Deutschland und Spanien, u.a. Neanderthal Museum, Universität zu Köln und Universität Alcalá, untersucht.

Bis dahin!

Manuel Alcaraz-Castaño

(Übersetzt von Viviane Bolin)

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Ausgrabungskampagne in Malaga Teil 2

In der letzten Novemberwoche sind die Wissenschaftler des Neanderthal Museums für eine zweite kurze Ausgrabungskampagne in der Höhle Ardales erneut nach Malaga aufgebrochen (s. Blogbeitrag erste Kampagne).

Ziel war es diesmal, in einer anderen Zone zu graben und nach Spuren des Menschen Ausschau zu halten. Im September hatten wir in Zone 5, einem Bereich mit Höhlenmalerei, drei Quadratmeter geöffnet und nach Werkzeugen oder ähnlichen Hinterlassenschaften gesucht. Im November haben wir nun in Zone 2 an einem Hang gegraben, um das Schichtenprofil genauer zu untersuchen. Natürlich waren wir sehr erfreut, viele Steinwerkzeuge aus dem Jungpaläolithikum zu finden. Außerdem haben wir neue Einblicke in die Schichtenbildung an dieser Stelle gelernt. Zwischen den Erdschichten bilden sich in Höhlen häufig sehr dicke Sinterschichten, die wir hier sogar mit einer Flex durchsägen mussten!

Nach einer knappen Woche Ausgrabung und Fundbearbeitung sind wir nun wieder im Museum angekommen. Der nächste Schritt ist nun, die beiden Kampagnen von 2015 aufzuarbeiten und zusammenfassend zu veröffentlichen. Aber keine Angst, die nächste Ausgrabung wartet schon im Frühjahr auf uns.

Bis dahin!

Grüße

Viviane Bolin

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – ¡Bem-vindo ao Parque Nacional Serra da Capivara!

Im Rahmen einer von der DFG geförderten Anbahnungsreise zum „Aufbau internationaler Kooperationen“ besuchten wir vom 17. bis 26. Oktober 2014 den Nationalpark „Serra da Capivara“ in Piauí, Brasilien. Wir, das sind der Archäologe Dr. Jörg Linstädter, der Zoologe Dr. Rainer Hutterer (Museum König, Bonn) und ich.
Nach einem Langstreckenflug von Frankfurt nach Fortaleza ging es noch am selben Tag mit einem Inlandsflug weiter nach Juazeiro do Norte, wo wir von Uwe Weibrecht, dem Vorstandsmitglied von ProBrasil, abgeholt wurden. Am folgenden Tag ging die Reise über Landstraßen weiter in das Landesinnere des Bundesstat Piauí im Nordosten Brasiliens. Ziel war der UNESCO-Weltkulturerbe Nationalpark „Serra da Capivara“. In dessen Nähe befand sich unsere Unterkunft, die „Albergue da Serra de Capivara“. Diese bot einen herrlichen Blick auf den Park und leckeres Essen.

Unsere Reise diente dem Kennenlernen von potentiellen Kooperationspartnern und sollte für den Aufbau eines neuen Projektes über die frühe Nahrungsmittelproduktion in diesem Teil Südamerikas genutzt werden. Bereits am Morgen nach unserer Ankunft erkundeten wir den Nationalpark. Die Serra de Capivara ist in der Fachwelt berühmt für ihre Felsbilder, die in das frühe Holozän datiert werden. Einige Fundstellen, darunter Boqueirão da Pedra Furada, geben möglicherweise sogar Hinweise auf die frühe Besiedlung Amerikas im Pleistozän, auch wenn ihr genauer Beitrag kontrovers diskutiert wird. Im Rahmen unserer Reise interessierten uns diese Fundstellen unter dem Aspekt der Neolithisierung, also desjenigen Prozesses, der den Menschen von Jäger- und Sammler hin zur Sesshaftigkeit und strukturierten Gesellschaften geführt hat. Vor allem wollten wir nach Hinweisen auf frühe Kulturpflanzen in Form von Samen, Früchten oder Blätter Ausschau halten.

Der Park ist riesig. Mit Uwe Weibrecht als Führer an unserer Seite erkletterten wir hohe Felswände und wanderten bei hohen Temperaturen kilometerweit durch den Busch. Betlohnt wurden wir schließlich mit den beeindruckenden Felsmalereien, welche die Serra de Capivara bis weit über die Grenzen Brasiliens berühmt gemacht haben. Sie handeln vom Alltag oder den Träumen der damaligen Menschen und zeigen Jagdszenen, Männer und Frauen, Tiere, aber auch geometrische Muster. Heute sind die Felsbilder und die Wege dorthin für Touristen gut erschlossen.
Auf unseren Touren wurden wir von der Archäologin Gisele Felice begleitet. Sie ist Professorin am Archäologischen Institut in Piauí. Durch die Biologin und Spinnenexpertin Rute Maria Gonçalves-de-Andrade lernten wir viel über die einheimische Tierwelt und sahen Affen, Jaguare, giftige Spinnen und vor allem die zahlreichen Mocós, kleine Nagetiere, die in den Felsnischen leben. Wir lernten auch die bekannte Archäologin und heutige Leiterin des Nationalparks Níede Guidon kennen.

Die Tage im Nationalpark waren beeindruckend. Neben den vielen archäologischen Sehenswürdigkeiten und der großen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten des Parks gab man uns auch die Gelegenheit, die unglaubliche Menge an Funden zu studieren, welche unsere brasilianischen Kollegen in den vergangenen Jahren dokumentiert haben: Faunenreste, darunter pleistozäne Großsäuger, Steinartefakte, Keramik und tatsächlich auch Samen und Blätter.

Den größten Eindruck aber machten auf mich die vielen freundlichen Menschen und das hervorragend organisierte Team von Wissenschaftlern, die wir in den Tagen in der Serra de Capivara kennen und schätzen lernten. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen mit den brasilianischen Kollegen. Die Woche verging wie im Flug und wir sind gespannt wie die Reise weitergeht!

Viele Grüße
Sarah Stinnesbeck
Studentische Hilfskraft im SFB 806

Post aus Fernost – Museen und soziale Verantwortung

Letzte Woche hatte ich die einmalige Gelegenheit, an der Tagung Museum 2012: The Socially Purposeful Museum im fernen Taipei, Taiwan, teilzunehmen. Organisiert wurde die Tagung gemeinsam von der Staatlichen Pädagogischen Hochschule Taipei, dem Forschungszentrum für Museen und Galerien an der Universität Leicester, den Staatlichen Museen Liverpool und dem Staatlichen Historischen Museum Taipei. Teilnehmer aus mehr als 20 verschiedenen Ländern kamen zu intensiven Diskussionen zusammen.

In rund 70 Vorträgen ging es um soziale Verantwortung von Museen. Ein Schwerpunkt lag auf den Museumsbesuchern. Diskutiert wurde, wie man ein breites und buntes Publikum ins Museum holen kann, inklusive Menschen aus allen Einkommens- oder Bildungsschichten. Diese Frage betrifft alle Bereiche eines Museums – von der Ausstellungsgestaltung über die Pädagogik über das Marketing bis hin zum Leitbild des Museums selbst. Dementsprechend vielfältig waren auch die Vorträge. Ein Beispiel: Immer mehr Museen haben Angebote, die gezielt auf Gruppen zugeschnitten sind, die sonst nicht ins Museum gehen (können), wie z.B. sozial benachteiligte Jugendliche, blinde und taube Menschen oder sogar Gefängnisinsassen. Besonders spannend fand ich ein Projekt aus Norwegen, das Alzheimer Patienten ins Museum holt und damit sehr positive Erfahrungen gemacht hat.

Gerade in Großbrittanien gehen Museen inzwischen häufig einen Schritt weiter und holen die Menschen nicht nur als passive Betrachter ins Museum, sondern um aktiv am Museumsprozess teilzuhaben. So werden Ausstellungen „co-creative“ erstellt, das heisst in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort – mit Kindern, Künstlern, Nachbarn. Noch weiter geht das Freilichtmuseum Museum of East Anglian Life in Suffolk: es begreift sich im Kern als soziale Institution und beschäftigt z.B. Langzeitarbeitslose oder arbeitet mit Gefangenen und Kranken zusammen. Durch das Projekt Happy Museum sollen dieses und 11 andere beteiligte Museen zu Orten des Wohlbefindens werden. Insgesamt ging es also auch darum, das Museum an sich umzudefinieren, es als Ort für neue Ideen und Dialoge zu begreifen. So besagt beispielsweise das Leitbild der Staatlichen Museen Liverpool, dass Museen dazu da seien „Leben zu verändern“

Der zweite Schwerpunkt der Vorträge war die Ausstellungsgestaltung. Einerseits ging es darum, Ausstellungen über aktuelle Themen von Umweltschutz bis Menschenrechte zu gestalten, so zum Beispiel eine Ausstellung über Menschenhandel am Museum of London. In diesen Kontext gehörte auch mein Vortrag über unsere Ausstellung Wie Menschen Affen Sehen, in der wir die schwierige Balance zwischen ernsten, aktuellen Themen und Unterhaltung versucht haben. Darüber hinaus ging es darum, auch Ausstellungen zu allen anderen Themen inklusiver zu gestalten, d.h. einen bunten Querschnitt durch die Gesellschaft zu repräsentieren und vielfältige Geschichten zu erzählen. So baut z.B. das Science Museum in London gerade seine Dauerausstellung zur Kommunikationstechnik um. Ziel dabei ist auch, nicht nur „gebildete, weiße, bärtige, heterosexuelle Männer“ darin vorkommen zu lassen. So erzählen z.B. in der Ausstellung auch die Frauen, die früher täglich mit einer Telefonanlage gearbeitet haben, von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Technik.

Wie es sich für eine Museumstagung gehört, fanden auch einige Veranstaltungspunkte in Museen statt. So gab es einen Abendempfang im staatlichen Historischen Museum, welches äußerlich einem chinesischen Palast aus der Ming oder Qing Zeit nachempfunden ist und innen zahlreiche Schätze aus Chinas Archäologie und Kunst beherbergt. Eine besonders bewegende Veranstaltung fand im Jingmei Museum für Menschenrechte statt, welches erst im nächsten Jahr offiziell eröffnen wird. Das Museum ist eine Gedenkstätte in einem ehemaligen Militärgefängnis, in dem in den 60er bis 80er Jahren unzählige politische Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen verurteilt und festgehalten wurden. Wir bekamen die Gelegenheit, ausführlich mit einem ehemaligen Insassen zu diskutieren.

Nach der Tagung haben die meisten Teilnehmer die Chance genutzt, das Land Taiwan und natürlich seine Museumslandschaft weiter zu erkunden. Ein Pflichttermin war dabei das Nationale Palastmuseum in Taipei, in dem weit über eine halbe Millionen Schätze aus rund 8.000 Jahren chinesischer Geschichte aufgehoben sind. Zum Ende des chinesischen Bürgerkriegs Ende der 1940er nahmen die chinesischen Nationalisten auf ihrer Flucht vor den Kommunisten wichtige Teile der staatlichen Sammlung mit nach Taiwan. Dort liegt sie auch heute noch, weshalb die Sammlung in Taipei absolut sehenswert ist. Einen Besuch wert ist auch Taipei selbst, eine bunte, lebendige Metropole die alt und neu verbindet.

Insgesamt war es eine inspirierende Tagung mit guten Gesprächen in und zwischen den Veranstaltungen. Nicht zuletzt dank der sehr herzlichen Gastgeber herrschte durchgängig eine gute Atmosphäre. Die Menschen Taiwans sind sehr gastfreundlich – am letzten Abend lud zum Beispiel eine Kollegin aus dem Staatlichen Naturwissenschaftlichen Museum in Taichung, Taiwan, eine ganze Runde europäischer Kollegen ein zu einer traditionellen Teezeremonie, zu einem sehr leckeren taiwanesischen Essen und zu einem Spaziergang durch eine alte Straße Taipeis.

Inspirierte Grüße aus Fernost

Kerstin Pannhorst

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neanderthaler in den südlichen Voralpen

Das dritte Jahr mit Ausgrabungen in der Rio Secco Höhle bei Clauzetto in Nordost-Italien sind gerade zu Ende gegangen. Auf den ersten Blick erscheinen die bisherigen Ergebnisse enttäuschend: wenig Fundmaterial und problematische Fundumstände lassen spontan keine Euphorie aufkommen. Dieser erste, flüchtige Eindruck täuscht, denn beim genaueren Hinsehen entpuppt sich die Rio Secco Höhle als herausragender Beleg für die Tötung und Schlachtung von Höhlenbären im Mittelpaläolithikum. Die wenigen Steinwerkzeuge und die lockere Fundstreu passen sehr gut zu diesem spezialisierten Camp mit eingeschränkten Tätigkeiten. Schnitt- und Schlagspuren an Knochen von Höhlenbären sind eindeutige Belege für die hier durchgeführten Aktivitäten. Mit der Rio Secco Höhle ist sicherlich der Rand des für den Neanderthaler nutzbaren Territoriums in den südlichen Voralpen erfasst. Ein schönes Ergebnis nach 3 Jahren Grabungsarbeit: 2013 werden die Arbeiten mit dem Neanderthal Museum in der Co-Direktion weitergehen. Darüber hinaus werden die wichtigsten Funde der Rio Secco Höhle bald in NESPOS als 3D-Modelle der Wissenschaft zur Verfügung stehen.

Mit besten Grüßen, Andreas Pastoors

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Neue Daten aus Guadalteba

Freitagnacht vor genau einer Woche sind Andreas Pastoors, Jörg Linstädter und ich von unserer Auswertungskampagne in Ardales zurückgekehrt. Nach einer Woche, in der wir unter Hochdruck mit unseren spanischen Kollegen alle bisher verfügbaren Daten zu den zwei Fundplätzen Cueva Ardales und Sima de las Palomas de Teba geprüft und  ausgewertet haben, waren wir zwar erschöpft aber auch sehr zufrieden. Unsere vorläufige Einschätzung hat sich nun bestätigt. Beide Fundplätze haben eine außergewöhnliche Qualität und belegen die menschliche Besiedlung in der Region Guadalteba über einen Zeitraum von 80.000 Jahren.

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In Las Palomas de Teba liegen in einem Profil von über 5 m Mächtigkeit mehrere Besiedlungshorizonte des Neanderthalers vor. Darunter sind sehr fundreiche Schichten mit Feuerstellen und verbrannten Silexwerkzeugen. Durch die Datierung verbrannter Silexwerkzeuge konnte eine radiometrische Altersbestimmung mit Hilfe der Thermolumineszenz-Methode (TL) durchgeführt werden. Der Kollege Christoph Schmidt vom Labor für Lumineszenz-Datierung der Universität Köln konnte für das untere Schichtpaket aus Las Palomas ein Alter zwischen 51.000 und 83.000 Jahren vor heute feststellen. Für das obere Schichtpaket warten wir noch auf weitere Datierungen. Wir können allerdings jetzt schon sagen, dass die Besiedlung der Fundstelle mit den Neanderthalern endete und sie lange Zeit danach nicht wieder von Menschen aufgesucht worden ist. Dieses Phänomen kennen wir aus vielen Fundplätzen vor allem im Süden der Iberischen Halbinsel und es könnte darauf hinweisen, dass Neanderthaler ausgestorben sind, bevor die ersten anatomisch modernen Menschen nach Spanien und Portugal einwanderten. Wir haben dazu eine umfangreiche Analyse gerade publiziert und auf Tagungen in Bordeaux und Memphis darüber berichtet. Die Pollenanalysen in Las Palomas zeigen, dass im Laufe der Besiedlungsgeschichte die Vegetation immer stärker von Steppenpflanzen dominiert wurde und die Trockenheit in der Region ständig zunahm.

Ganz anderes sieht es in der Cueva Ardales aus, die etwa 10 km südlich von Las Palomas liegt. In dieser Höhle mit Zeugnissen eiszeitlicher Wandkunst konnten wir bisher drei Zeithorizonte erkennen. Der jüngste gehört in die Zeit vor etwa 4.000 Jahren vor heute. Am Ende des Neolithikums haben Menschen ihre Spuren in der Höhle hinterlassen. Steinwerkzeuge, Keramikscherben, Reste einer Feuerstelle und einige Menschenreste zeugen von dieser Phase. Eine weitere Besiedlung durch den Menschen ist um 19.000 Jahren vor heute fassbar. Die dazugehörige kulturelle Phase nennen wir Solutréen. Unsere spanischen Kollegen hatten die Malereien und Gravierungen in Ardales aufgrund stilistischer Kriterien in das Solutréen datiert. Durch die neu entdeckten Besiedlungsspuren können wir diese Einschätzung nun bestätigen. Und dann hat uns eine weitere Altersdatierung, die wie die anderen Datierungen in Ardales mit der C14-Methode durchgeführt wurde, überrascht. Aus der Sondage 3 liegen zwei Datierungen an Holzkohlen von 55.000 Jahren vor heute vor. Damit befinden wir uns in einem Zeitfenster des Neanderthalers. Allerdings haben wir aus der Sondage 3 keine Spuren menschlicher Aktivitäten vorliegen. Die Holzkohlen könnten auch auf natürlichem Wege an diese Stelle gelangt sein. Allerdings wurde auf dem Vorplatz der Höhle unmittelbar am Höhleneingang ein typisches mittelpaläolithisches Artefakt gefunden. Es deutet also einiges daraufhin, dass Neanderthaler die ersten Besiedler der Cueva Ardales waren. Diese Vermutung müssen wir nun in weiteren Untersuchungen prüfen.

 

Mit den besten Grüßen

Gerd-Christian Weniger

 

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Wie Menschen Affen sehen

Bei unserem öffentlichen Symposium am vergangenen Freitag haben wir einige Aspekte der Menschenaffen-Ausstellung vertieft. Es ging um unsere wechselhaften Blicke auf diese beeindruckenden Lebewesen, um spannende Freilandforschung, Kultur von Menschaffen, ihre Grundrechte und vieles mehr.

Die Referenten waren zum Teil von weit her ins Neandertal gekommen.  Den Auftakt machte Franz Wuketits aus Wien, der über den Affen in uns Menschen und seine Suche nach Sinn sprach. Kraft seines Bewusstseins ist der Mensch in der Lage, Bilder von der Welt so zu entwerfen, dass ihm die Welt selbst erträglich erscheint. Die Sinnsuche auch dort, wo objektiv keiner auszumachen ist, kennzeichnet den Menschen und der Glaube an eine höhere Gesetzmäßigkeit oder Vorherbestimmung hat größtes Elend über die Menschheit gebracht. Wuketits würde uns wünschen, in dem Bewusstsein, dass alles endlich ist dennoch glücklich zu leben.

Hans-Werner Ingensiep, Universität Duisburg-Essen, ließ unsere recht junge Entdeckungsgeschichte der Menschenaffen Revue passieren. Erste Menschenaffen wurden in unserem Kulturkreis ab dem 16./17. Jahrhundert (wieder) bekannt. Aber die Gorillas z.B. wurden erst 1853 entdeckt. In dem Vortrag legte er anschaulich dar wie sich das Bild, das wir Europäer uns von den Menschenaffen gemacht haben, durch die Jahrhunderte grundlegend gewandelt hat. Druckfrisch ist auch sein lesenswertes neues Buch zu diesem Thema.

Auch Marianne Sommer, Luzern, befasste sich mit wechselvollen Blicken auf die Menschenaffen: Es ging um die Blicke der National Geographic-Fotografen. Die National Geographic Sociey spielte bei der Finanzierung von Freilandstudien ab den 1960er Jahren eine zentrale Rolle. Die Fotografen zogen mit den Forscherinnen (z.B. Jane Goodall, Dian Fossey, Biruté Galdikas) ins Feld. Auch aktuell nimmt National Geographic eine zentrale Rolle in der Forderung nach Grundrechten für die Menschenaffen ein. Der Artikel von Jürgen Nakott hat eine breite Diskussion ausgelöst.

Thomas Geissmann, Zürich, erforscht die Gibbons. Er rief in seinem Vortrag engagiert dafür auf, sie ebenso wichtig zu nehmen wie die großen Menschenaffen. Da sie klein sind und hoch in den Baumkronen leben, ist es schwer, medienwirksame Fotos von ihnen zu machen. Einige Arten werden sicher ausgestorben sein, bevor sie überhaupt ansatzweise erforscht sind. Die von ihm initiierte Gibbon Conservation Alliance setzt sich daher für den Schutz dieser Affen ein.

Alexander Sliwa vom Kölner Zoo berichtete von der Haltung von Menschenaffen im Kölner Zoo von den Anfängen bis heute. Die einfachen Gitterkäfige für isolierte Affen sind heute großen Gehegen mit Kletter- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschenaffen in größeren Gruppen gewichen. Colin Goldner führte aus, dass dies längst nicht an allen deutschen Zoos Standard sei. Das Great Ape Project fordert Grundrechte für die großen Menschenaffen und entsprechend ein Ende ihres Lebens in Gefangenschaft.

Barbara Fruth vom MPI Leipzig räumte mit Bonobo-Vorurteilen auf. Ihre Freilandforschungen belegen, dass sie nicht die sexbesessenen Hippies sind, als die sie nach den Zoobeobachtungen des Frans de Waal galten und als die sie in den Medien immer noch dargestellt werden. Auch die Bonobos sind von Wilderern auf der Suche nach Buschfleisch bedroht. Die Forscher haben eine Organisation, Bonobo Alive, gegründet, um sich für ihren Schutz zu engagieren.

 

Miriam Haidle, Tübingen, gab einen umfassenden Überblick über die materielle Kultur vor allem von Orang Utans und Schimpansen. Bei Orang Utans wurden 41 Werkzeugverhalten beobachtet und eine neue Beobachtung bei Schimpansen ist, dass sie sogar mit Grabstöcken nach Knollen und Wurzeln graben und diese zur Ernährung und für medizinische Zwecke einsetzen.

Bärbel Auffermann zeigte in ihrem Beitrag, was Gorillas und Neanderthaler gemeinsam haben: Unsere Rezeption der beiden zeigt deutliche Parallelen.

Für ein amüsantes Zwischenspiel sorgte der WDR – Reporter Ede Wolff, der im Gorilla Kostüm unterwegs war und Vortragende wie Teilnehmende über seine Rechte befragte.

Im Foyer stellte das Projekt AffenBRUT Affenkunst vor: ausdrucksstarke Gemälde des Orang-Utans Barito, die das Projekt zugunsten der Affen des Krefelder Zoos verkauft.

Es hat uns besonders gefreut, dass die sehr interessierten Zuhörer die Gelegenheit zur Diskussion genutzt haben. Dieses ganztägige Format eines Austauschs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit werden wir sicher zu einem anderen Thema wieder aufgreifen.

Beste Grüße aus dem Neandertal 

Bärbel Auffermann, Kerstin Pannhorst 

 

 

SCHULTERBLICK FORSCHUNG – Feldarbeiten in La Güelga

Seit Freitagabend ist unser Team des SFB 806 aus Asturien zurück. Martin Kehl, Isabell Schmidt und ich haben Profile in der Fundstelle La Güelga bei Cangas de Onís beprobt. Die Ausgrabungen in La Güelga werden von Mario Menéndez Fernández geleitet, Professor an der UNED in Madrid. In La Güelga folgen über mehreren Besiedlungsschichten des Mittelpaläolithikums Spuren einer Besiedlung des Aurignacien (anatomisch moderner Mensch) und darüber mögliche Besiedlungsspuren des Châtelperronien (Neanderthaler). Würde diese stratigraphische Abfolge zutreffen, dann wäre La Güelga die erste Fundstelle, an der zunächst Neanderthaler siedelten, danach moderne Menschen und danach wieder Neanderthaler.

Leider ist die stratigraphische Situation an der Fundstelle kompliziert. Tierbauten und fließendes Wasser haben die Fundschichten teilweise zerstört und umgelagert. Durch die mikromorphologische Untersuchung der Profile wollen wir klären, ob tatsächlich intakte Fundschichten vorliegen. Dazu hat Martin Kehl, unser Spezialist für Sedimentologie von der Universität Köln, Sedimentblöcke eingegipst um daraus Dünnschliffe herzustellen, die detaillierte Informationen zur Entstehungsgeschichte der Sedimente liefern. Erste Ergebnisse werden im nächsten Jahr vorliegen.

Da wir in der Gegend waren, haben wir dem Ausgrabungsteam in El Sidrón einen Besuch abgestattet und die beiden Bilderhöhlen Tito Bustillo und El Buxu besichtigt. El Buxu wurde auch von Mario Menéndez ausgegraben. Das Team in El Sidrón wird wohl im nächsten Jahr alle Funde in der Höhle geborgen haben. Inzwischen liegen Reste von 12 Neanderthalern vor, die wahrscheinlich durch den Einsturz einer Karstdoline in die Höhle geschwemmt wurden. Die Gegend in Asturien bietet auf kleinstem Raum überaus spannende archäologische Fundplätze, die teilweise auch von Touristen besucht werden können. Über einige Bilderhöhle kann man sich im Internet durch einen virtuellen Rundgang (visitas virtuales) informieren.

Wer für die Herbstferien noch kein Ziel hat, sollte sich diese Region in Nordspanien näher anschauen.

Mit besten Grüßen

Gerd-Christian Weniger, Martin Kehl und Isabell Schmidt

Im Sturz durch Raum und Zeit

Nach einem Ausflug in die unendlichen Weiten von Raum und Zeit sind wir wieder im Neandertal gelandet. Vom 31. Mai bis 2. Juni fand in Toulouse die alljährliche Tagung „Ecsite“ statt, eine Versammlung von europäischen Science Centern und Museen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Das Thema in diesem Jahr: „Space and Time Unlimited“ – passend zu Toulouse als Hauptsitz von Airbus. Toulouse ist eine wunderschöne, historische Stadt, die auf jeden Fall eine Reise wert ist. Das Stadtbild der „ville rose“ ist geprägt von roten Ziegelsteinbauten und unzähligen kleinen Gassen, die nur für Fußgänger zugänglich sind. Unser Gastgeber vor Ort war die Cité de l’espace, ein Erlebnispark zu Luft- und Raumfahrt. Dort konnten wir uns in die Sojus Kapsel quetschen, durch die Raumstation Mir spazieren und federleicht über den Mond hüpfen.

Ganze 990 Teilnehmer aus allen europäischen und auch aus noch weiter entfernten Ländern diskutierten über interaktive Ausstellungen, die Verbindung von Forschung und Öffentlichkeit, Evaluationen von Ausstellungen, Angebote für Schulklassen, Anwendung von Web 2.0 und so weiter. Acht Vorträge fanden jeweils parallel statt, es war also gar nicht so leicht, sich für einen zu entscheiden!

Auch das Neanderthal Museum war aktiv: Bärbel Auffermann organisierte eine Einheit zum Thema „Exhibiting Time Spans“ – darüber, wie große Zeiträume im Museum anschaulich dargestellt werden können. Acht Poster und Kurzvorträge aus fünf Ländern beleuchteten verschiedene Aspekte des Themas, dann wurde lebhaft diskutiert – übrigens sehr viel lebhafter als auf rein deutschen Tagungen! Claudia Pingel und Kerstin Pannhorst stellten dabei eine Studie über den Umgang von Besuchern mit Zeit-Exponaten und über deren Konzepte von Zeit vor. An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an alle, die unseren Fragebogen ausgefüllt haben!

Bärbel Auffermann präsentierte schließlich noch vor großem Publikum unsere aktuelle Ausstellung „Wie Menschen Affen Sehen“, die noch bis zum 21. Oktober bei uns zu sehen ist, und dann hoffentlich weiter durch Europa reisen wird.

Mitgenommen haben wir einen ganzen Berg an Inspiration, der uns sicher mindestens bis zur nächsten Ecsite reichen wird. Gelernt haben wir auch vieles, zum Beispiel dass uns die Kollegen aus Großbrittanien und den USA sowohl in Sachen Evaluation von Ausstellungen als auch in Sachen Web 2.0 Aktivitäten weit voraus sind – da können wir nur staunen.

Bärbel Auffermann, Kerstin Pannhorst, Claudia Pingel

PS: Wer findet uns auf dem Bild unten? 🙂