Kleine sächsische Klimageschichte in 3 Akten

Es ist wieder Zeit für den #ArchaeoSwap, jenen Tauschtag, an dem archäologische Museen in ganz Deutschland ihre Social-Media-Kanäle swappen – also tauschen – und so auf ein ganz anderes Publikum treffen als sonst. In diesem Jahr wurde hinter den Kulissen für eine thematische Begrenzung gestimmt: es soll um den Klimawandel gehen. Was haben archäologische Museen zum Thema Klimawandel bzw. Klimakrise beizutragen? Eine ganze Menge wie wir im folgenden Drama zeigen wollen. Heute bespielen wir, das staatliche Museum für Archäologie in Chemnitz – kurz: smac – die Kanäle des Neandertal Museum in Mettmann. Vorbereitet haben wir ein ganz klassisches dreiteiliges Drama, das sich durch die drei Etagen unserer Dauerausstellung arbeitet, mit einer ebenso klassischen Katastrophe am Ende.


ERSTER AKT: EXPOSITION (DIE VORAUSSETZUNGEN)

Unsere kleine sächsische Klimageschichte beginnt 1844 mit einem Mann, den es friert. Es ist Bernhard von Cotta, ein Geologe der sich mit zwei Kollegen auf die Suche nach Beweisen macht, dass Teile des heutigen Sachsens einst von riesigen Gletschermassen bedeckt gewesen sind. Diese Idee hatte sich seit Beginn des Jahrhunderts langsam in der Geologie verfestigt und 1844 wurden die Männer bei Wurzen fündig. Rillen und Ritzungen an Felsen identifizierten sie als Gletscherschliffe, also Zeugnisse für die Bewegung der Eismassen auf Gestein. Alles begraben unter Eis? Cotta notiert: „Sollten die nordischen Gletscher wirklich von den Skandinavischen Bergen bis an die Wurzner Hügel gereicht haben? Mich friert bei dem Gedanken!“


Es brauchte noch drei weitere Jahrzehnte, bis der Gedanke von einer Zeit weit über die eigene Vorstellungskraft und die biblische Schöpfungsgeschichte hinaus in den Köpfen einen Platz fand.

Als das Mammut noch in Sachsen lebte. Im Vordergrund links ein Backenzahn aus dem Fundgebiet Markkleeberg | © smac, LfA

Zeitsprung. Es ist 350.000 Jahre vor heute. Die Gletscherzungen der riesigen nordeuropäischen Eismasse reichen bis in die heutigen Gegenden von Pirna, Chemnitz und Zwickau. Südlich des Eises breitet sich eine nahezu baumlose, als Mammutsteppe bezeichnete, Landschaft mit Gräsern und Kräutern aus. Mammuts, Bisons, Rentiere, Wollnashörner und eine Vielzahl von Kleinsäugern bevölkern den Lebensraum während dieser Kaltzeit, die Elsterkaltzeit genannt wird. Ihr werden zwei weitere Kaltzeiten folgen, deren Eisrandlagen sich schrittweise nach Norden verschieben. Während der Saalekaltzeit vor etwa 250.000 Jahren reichen sie nur noch bis zur Linie Bautzen-Dresden-Grimma und während der Weichselkaltzeit vor ca. 115.000 Jahren wird die Grenze des heutigen Sachsens bereits knapp verfehlt, die letzten Ausläufer liegen nördlich von Cottbus.

Klimaforschung im smac. Eisbohrkerne geben Aufschluss über den Verlauf großerer Klimaanderungen der letzten 600.000 bis 800.000 Jahre. | © smac, LfA

In einem sehr weiten Rahmen betrachtet, befinden wir uns aktuell also in einer Warmzeit, die mit dem Rückzug der letzten Eismassen vor 12.000 Jahren begann und bis heute anhält.¹ In diesem weiten Rahmen muss auch die Geschichte der Menschheit betrachtet werden, denn die Gattung Homo gibt es seit 2 Millionen Jahren, wir sind so gesehen Kinder der Eiszeit, wenngleich wir erst nach dem Ende der Kaltzeiten unseren Siegeszug antraten. Seitdem hat sich das Ökosystem zu der Form entwickelt, die wir heute vor der Haustür haben. Aus der Steppe wurde Wald. Die in großen Herden umherwandernden Pflanzenfresser wie Rentier oder Pferd, welche die Lebensgrundlage der eiszeitlichen Menschen darstellten, verschwinden. In weiten Teilen des heutigen Sachsens verändern sich so Klima und Lebensraum für Tier und Mensch erheblich. Was bedeutet das? Und woher wissen wir das so genau?

Klimakurve und Einfluss des Menschen| © smac, LfA

In einem Zeitalter häufiger und extremer Klimaschwankungen muss der Neandertaler flexibel sein. Je nach Klimagunst oder –ungunst besiedelte er bestimmte Gebiete oder zog sich wieder zurück. Vor allem im Norden Sachsens finden sich seine Spuren. Als es mit dem Ende der Weichselkaltzeit zu einer dauerhaften Klimaerwärmung der nördlichen Hemisphäre kommt, verändert sich auch die Umwelt entscheidend. Die Lebenswelt der Menschen ist nun dicht bewaldet, eine Sicht über weite Entfernungen gibt es nicht mehr. Die Kommunikation untereinander, das rechtzeitig Erkennen von Feinden, veränderte Jagdvoraussetzungen ein angepasster Speiseplan sind die Folgen.

Ganz konkret lassen sich neue Werkzeuge zur Bearbeitung von Bäumen wie Steinbeile oder Äxte in den Fundgebieten nachweisen. Besonders um Rochlitz, im Gebiet der Mulde zwischen Wurzen und Trebsen, entlang der Elbe sowie gehäuft in der nördlichen Oberlausitz sind Siedlungsspuren zu finden. Die zur Jagd in der offenen Tundra geeignete Speerschleuder wurde am Ende der Eiszeit nach und nach von Pfeil und Bogen ersetzt, denn auf dem Speiseplan steht nun Standwild wie Hirsch, Reh oder Elch.

Modell des altsteinzeitlichen Siedlungs-/Werkplatzes von Markkleeberg | © smac, LfA

Es ist 280.000 Jahre vor heute: an einem Flussufer im heutige Markleeberg (Lkr. Leipzig) leben über einen längeren Zeitraum kleine Gruppen von altsteinzeitlichen Sammlern und Jägern, vielleicht eine frühe Form des Neandertalers. Die zweite Kaltzeit (Saalekaltzeit) bricht langsam an. Von ihrem Alltagsleben haben sich nur Steinartefakte erhalten, Steinwerkzeuge und der Abfall der Herstellungsprozesse zeugen von geschickten Vorfahren.


ZWEITER AKT: ENTWICKLUNG

Die Zeit des Umbruchs von der Jäger- und Sammlerwirtschaft mit mobiler Lebensweise hin zu Getreideanbau und Tierhaltung und der Entstehung erster Siedlungen nennen wir „Neolithisierung“. Dieser tiefgreifende Wandel der Lebensweise der Menschen kommt als Ideengut aus der Region des Fruchtbaren Halbmondes über einen langen Zeitraum nach Mitteleuropa. In Sachsen erreichten um 5500 v.Chr. die ersten Siedler zunächst das Dresdner Elbtal. Wir nehmen an, dass es ein friedliches Nebeneinander von Neuankömmlingen und einheimischer Bevölkerung war. Durch Pollenproben aus ergrabenen Brunnen dieser Zeit kann man den Beginn der Landwirtschaft für diesen Zeitraum nachweisen. Den Lebensraum der Menschen müssen wir uns als einen „Flickenteppich aus Siedlungen, landwirtschaftlich genutzten Garten und kleinen Feldern am Rande von dicht bewaldeten Auen oder auch inmitten der weit verbreiteten Eichenmischwälder vorstellen“.²

Modell einer Siedlungslandschaft zur Zeit der Stichbandkeramik um 4700 v. Chr. in Dresden-Nickern. | © smac, LfA

Die ersten wirklich sesshaften Bewohner Sachsens leben in aus heutiger Sicht unverhältnismäßig großen Häusern, die an sich bereits ein Statement sind. Sie stehen dafür, dass sich der Mensch erstmals nicht der Natur unterwarf, sondern diese nachhaltig gestaltete und beeinflusste. Für die Felder und Siedlungen wurden Wälder gerodet. Aus archäologischen Grabungen wissen wir, dass die 6 Meter breiten und zwischen 25 und 50 Meter langen (!) Häuser deutlich mehr Holz verbaut wurde, als statisch gesehen notwendig gewesen wäre. Die vermutlich dreigeteilten Gebäude verfügten über Eingangs- bzw. Lagerbereich, gedämmtem Wohnbereich und einem luftigeren, kühleren Bereich im hinteren Teil.

Modell eines massiven Langhauses. | © smac, LfA

In der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. wandeln sich die Siedlungen, die Häuser werden kleiner, genaue Grundrisse sind schwerer nachzuweisen, da da die Spuren weitaus unscheinbarer sind. Der Platz wird nun für Äcker und Weideflächen gebraucht. Die zyklische Verlagerung der Flächen und eine mobilere Lebensweise brauchen deutlich mehr Raum, der Eingriff in die Natur wird größer.

Mit dem Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. fasst eine neue Ideenwelt Fuß, die wir Becherkulturen beschreiben können. Vor allem archäologische Funde aus Gräbern dieser Zeit geben uns einen Einblick in die Lebenswelt. Es finden sich nun Waffen in den Gräbern, die Toten weisen Wunden auf. Gibt es kriegerische Auseinandersetzungen? Becher und zum Teil nachweisbare Alkoholrückstände an ihnen weisen auf rituelle Trinkhandlungen hin. Metallschmuck und Dolche und Beile aus Kupfer zeugen vom Abbau von Erz und den Kenntnissen der Verarbeitung. Pflugbau lässt sich nachweisen. Der Mensch wird effektiver und nutzt Rinder als Zugtiere. Insgesamt scheint die Lebenswelt komplexer zu werden. Um 3500 v.Chr. wird außerdem eine drastische Klimaverschlechterung angenommen, die als „vorbronzezeitliche Abkühlung“ technische, wirtschaftliche und soziale Veränderung zusätzlich beschleunigt haben könnte.

Bronzetasse Königswartha | © smac, LfA

Die Bronzezeit ab 2300 v.Chr. steht ihrem Namen nach für die Umwelt gesehen ganz im Zeichen des sich entwickelnden Bergbaus. Für Sachsen wird eine Nutzung des Zinnvorkommens im Erzgebirge ab der jüngeren Bronzezeit vermutet, darauf weisen Funde mit bronzezeitlicher Keramik im Bereich einer Zinnseife bei Johanngeorgenstadt. Nach langer Suche konnte jüngst erstmals auch frühbronzezeitlicher Kupferbergbau im Erzgebirge nachgewiesen werden. Aus einem glockenbecherzeitlichen Grab (um 2300 v.Chr.) eines Tagebauschmieds südlich von Leipzig sind neben Schleif- und Ambossteinen auch die ältesten Goldfunde, drei winzige Scheiben aus feinem Goldblech, erhalten.


Der Siegeszug des neuen Werkstoffes ist vorprogrammiert: Er lässt sich nahezu beliebig zu Waffen und Werkzeugen formen, seine Optik ist im Vergleich zu Stein wesentlich hochwertiger und noch viel wichtiger: Metall ist ein ideales Wertaufbewahrungsmittel. Seine Gewinnung und Verarbeitung jedoch geht mit einer erheblichen Belastung der Natur einher.


DRITTER AKT: KATASTROPHE

Unsere kleine Klimageschichte hat sich inzwischen am Menschen und seinen immer größer werdenden Eingriffen und Forderungen in/an die Natur hochgeschaukelt. Wir befinden uns nun kurz vor dem Höhepunkt dieses Dramas und lassen notgedrungen Aspekte im Flug der Zeit an uns vorbeirauschen.

Wir springen in die Zeit des „Großen Landesausbaus“ in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Bisher ist Sachsen in einem breiten Streifen des Erzgebirges, Erzgebirgsvorlandes, Vogtlandes und Lausitzer Berglandes nahezu unbesiedelt. Keinerlei Spuren menschlicher Besiedlung von der Steinzeit bis ins hohe Mittelalter in einem Gebiet, das in der folgenden Zeit die Geschichte des heutigen Sachsens erheblich prägen wird. Noch im 13. Jahrhundert wird das Land bis in die Kammlagen aufgesiedelt. Grundlage dafür ist wohl auch das hochmittelalterliche Klimaoptimum, das die Bevölkerung wachsen lässt und Landwirtschaft im eher unwirtlichen Erzgebirge erst ermöglicht. Ab 1168 werden bei Freiberg reiche Silbererze entdeckt. Die kurz darauf gegründete Stadt wächst schneller als jede andere in Sachsen. Doch der Bergbau macht nicht an einem Ort halt. Auf dem Treppenhauer in der Nähe von Frankenberg entsteht eine weitere Bergstadt, die keine zwei Jahrhunderte existiert und nach Erschöpfung der Silbergruben wieder verlassen wird.


Ganz anders lief die Entwicklung Dippoldiswaldes. Niemand wusste davon, dass das beschauliche Erzgebirgsstädtchen einstmals ein Zentrum des Silberbergbaus war, bis 2008 in einem Keller der Boden einbrach und nach und nach ein verzweigtes Gangsystem entdeckt wurde, das Bergleute im 13. Jahrhundert angelegt hatten. Die Untersuchungen dort dauern an und bringen immer wieder neue Erkenntnisse zur frühen Bergbautechnik zutage.


Wir springen zu einem weiteren Mann. 1556 erscheint das Buch XII libri de rei metallica von Georgius Agricola (in späterer deutscher Übersetzung: Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen). Das Werk mit seinen 292 detailgetreuen Holzschnitten wird für zwei Jahrhunderte die Fibel der Bergbauwissenschaft sein. Sachsen hatte sich seit der Entdeckung ergiebiger Silbererzadern 1470 in Schneeberg zum wichtigsten Bergbauterritorium in deutschen Landen entwickelt. Das „Zweite Berggeschrey“ bringt Reichtum einerseits (und auch nicht für alle) und eine tiefgreifende Veränderung der Umwelt andererseits. Agricola selbst geht ausführlich darauf ein. Die „Tadler“ des Bergbaus, so nennt er jene, die den Bergbau als gefährlichen und unwürdigen Eingriff in die Natur verurteilen, erheben schwere Vorwürfe:

Holzschnitt aus dem dritten Buch vom Berg- und Hüttenwesen, S. 58 (Agricola)

“Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet, […] Wälder und Haine werden umgehauen, denn man bedarf zahlloser Hölzer für die Gebäude und das Gezeug sowie um die Erze zu schmelzen. Durch das Niederlegen der Wälder und Haine aber werden die Vögel und andren Tiere ausgerottet, von denen sehr viele den Menschen als feine und angenehme Speise dienen. Die Erze werden gewaschen; durch dieses Waschen aber werden, weil es die Bäche und Flüsse vergiftet, die Fische entweder aus ihnen vertrieben oder getötet. Da also die Einwohner der betreffenden Landschaften infolge der Verwüstung der Felder, Wälder, Haine, Bäche und Flüsse in große Verlegenheit kommen, wie sie die Dinge, die sie zum Leben brauchen sich verschaffen sollen, […] so ist vor aller Augen klar, daß bei dem Schürfen mehr Schaden entsteht, als in den Erzen, die durch den Bergbau gewonnen werden, Nutzen liegt.” (ebd. Erstes Buch, Seite 6)


„Vor aller Augen klar“ und doch ohne Lösung, denn die präsentiert Agricola schlicht nicht. Die Beeinflussung der Natur mag auf einen Bereich Sachsens beschränkt sein, doch sie ist über- und untertage zum Teil bis heute vorhanden. Angriffsflächen für Erosion durch Wasser und Wind und Eingriffe in das Ökosystem haben dem einst florierenden Bergbaugebiet nachhaltig geschadet.

Modell eines Braunkohlebaus 1:250 | © smac, LfA

Das Zeitalter der Industrialisierung schließlich, hat den Menschen in Sachsen und weit darüber hinaus zu ungeahntem Wohlstand und Macht verholfen. Kohle, Elektrizität, Maschinenbau, Automatisierung. Der Rest ist Geschichte und wir alle kennen diese Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Umwelt ziemlich gut, sie ist hervorragend dokumentiert, Archäologen sind dafür kaum mehr zuständig. Eisenbahnnetze entstehen (und verkümmern im Chemnitzer Fall *wir blicken vorwurfsvoll an dieser Stelle*), Chemnitz als sächsisches Manchester. Schornsteine.


März im Jahr 2019. Vor den Foyerschaufenstern des smac laufen rund 2000 Schüler mit Transparenten in Richtung Sonnenberg. Auf ihren Schildern steht „save the world now“.


¹ Die Abfolge von Kalt- und Warmzeiten unterliegt einem Rhythmus, der nach seinem Entdecker Milankovitch-Zyklus benannt ist. Er beschreibt, dass eine etwa 85.000 Jahre andauernde Kaltzeit von kürzeren Warmzeiten von etwa 10.000 bis 20.000 Jahren unterbrochen wird. Zwischen diesen langen, etwa 100.000 Jahre dauernden Zyklen gibt es immer wieder größere Klimaschwankungen, die sich aber nicht vollends zu einer Kaltzeit oder einer Warmzeit entwickeln.

² Katalog, S. 94